Plünderungen und leere Regale : Chaos in Venezuela: Eine Ölmacht im Griff der Hungerkrise

Leere Regale in einem Supermarkt in Carabobo, Venezuela.

Leere Regale in einem Supermarkt in Carabobo, Venezuela.

Die Situation in Venezuela steuert einer Eskalation entgegen. Nicolás Maduro könnte dennoch legal wiedergewählt werden.

shz.de von
15. Januar 2018, 09:00 Uhr

Caracas | Ein Überblick über die Schlagzeilen der letzten Tage: „Terror in den Straßen - Tote bei Plünderungen“. „Venezolaner essen Hundenahrung“. „Fünf Venezolaner bei Flucht nach Curazao ertrunken“. „Das Drama der leeren Regale“. „Im Tunnel der Hyperinflation.“ „Militärintervention in Venezuela?“ Im ganzen Land – einst das reichste Südamerikas und mit den größten Ölreserven der Welt gesegnet – kommt es seit Jahresbeginn verstärkt zu Plünderungen, da die Lebensmittelversorgung immer prekärer wird.

Venezuela leidet seit Jahren unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise, die sich zuletzt verschärft hat. Regierung und Opposition stehen sich unversöhnlich gegenüber. Aus Mangel an Devisen fehlt es im ölreichsten Land der Welt zudem an Lebensmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs.

Das Militär muss Eingänge zu Supermärkten sichern, Tränengas wird eingesetzt. Fast täglich gibt es Tote bei Unruhen wegen der Hungerkrise. Viele erinnert die Lage an die Wirtschaftskrise vor dem „Caracazo“ 1989, als bis zu 3000 Menschen bei Aufständen starben. Die Inflation galoppiert, die Preise für Lebensmittel explodieren – ebenso die Gewalt und Rechtlosigkeit. Im Internet kursiert ein Video, dass ein gutes Dutzend hungriger Männer zeigt, die auf die Weide einer privaten Ranch eindringen, eine Kuh jagen und sie mit Stöcken zu erschlagen versuchen. Der Hunger treibt die Anarchie sichtbar an.

Private Supermärkte wurden wegen der weltweit höchsten Inflation, die nach Angaben der Wirtschaftskommission des entmachteten Parlaments 2017 bei über 2600 Prozent lag, zu Preissenkungen gezwungen. Sowieso wirft die sozialistische Regierung privaten Unternehmern vor, mit Sabotage die Krise zu verschärfen. Aber denen fehlen Getreide oder andere Stoffe aus dem Ausland, um noch richtig produzieren zu können.  In den vergangenen Tagen hast sich die Geldentwertung so beschleunigt, dass der Monatslohn maximal ein paar Euro wert ist.

Der Hunger könnte dem Präsidenten nutzen

Obwohl Caracas einem Pulverfass gleicht und das Land wegen der Entwertung des Bolivar kaum noch notwendige Importe bezahlen kann: Ausgerechnet der Hunger könnte dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro helfen, die Wiederwahl zu sichern – und die Unterstützung des Militärs. Es gibt Hinweise, dass die für Ende 2018 geplante Wahl vorgezogen wird.

Um in den Genuss stark subventionierter Lebensmittelpakete zu kommen (mit Öl, Reis, Thunfisch, Milchpulver und Mehl), die es vielerorts irgendwie immer noch gibt, muss man ein „Carnet de la Patria“ beantragen – und erklären, die Regierung zu unterstützen.

Der venezolanische Präsident Nicolas Maduro zeigt einen neuen Geldschein im Nennwert von 100.000 Bolivar hoch. Im Krisenland Venezuela ist das Geld praktisch nichts mehr wert.
Francisco Batista
Präsident Nicolas Maduro zeigt im November einen neuen Geldschein im Nennwert von 100.000 Bolivar. Im Krisenland Venezuela ist das Geld praktisch nichts mehr wert.
 

Über dieses Carnet wurde bei den Regionalwahlen 2017 laut Berichten der Opposition zum Teil kontrolliert, ob man auch wirklich den Sozialisten die Stimme gibt. Der Schriftsteller und Maduro-Kritiker Leonardo Padrón nennt es eine „Erlösung vom Hunger gegen Stimmen“.

Zudem will Maduro mit einer Kryptowährung, dem „Petro“, das Land aus den Fängen der Inflation befreien. Er soll mit Ölreserven abgesichert werden und damit versucht werden, Einfuhren etwa von Lebensmitteln besser bezahlen zu können. Doch Experten halten das Vorhaben für wenig aussichtsreich – denn was wenn niemand den „Petro“ akzeptiert?.

Aber er ist ein politischer Überlebenskünstler, ein Populist, der es wie einst die Castros in Kuba verstanden hat, den Kampf David gegen Goliath (USA) zu propagieren. Die Regierung von Donald Trump hat gegen Maduro und Dutzende Gefolgsleute Sanktionen verhängt, Konten in den USA eingefroren, zudem sehen sie Verbindungen zum Kokainhandel.

Rückblick auf das schwarze Jahr 2017 in Venezuela

Monatelange Proteste, Straßenschlachten, Tränengas über Caracas. Über 120 Tote, Tausende Festnahmen. Die linientreue Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz bricht mit Maduro, sie wird zur Gegenspielerin. Kurz vor ihrer Festnahme kann sie mit ihrem Mann per Boot nach Aruba und weiter nach Kolumbien flüchten. Weitere Oppositionelle fliehen oder sitzen im Gefängnis. Einer der Hoffnungsträger, der 31 Jahre alte Freddy Guevara, ist gefangen im Asyl in der Botschaft Chiles.

Nach einer Wahl, die von der Opposition boykottiert wurde, setzte Maduro eine linientreue Volksversammlung ein, die eine neue Verfassung erarbeiten soll. Nach kubanischem Vorbild ist sie eine Art „Volksrat“, der alle relevanten Entscheidungen trifft, darunter auch die Entmachtung des Parlaments, in dem die Opposition eine klare Mehrheit hatte. Die abgehängten Bilder von Hugo Chávez, Begründer des Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wurden in der Nationalversammlung wieder aufgehängt. Die Proteste kamen danach abrupt zum Erliegen.

Maduro macht einen „ökonomischen Krieg“ und den niedrigen Ölpreis für das Elend verantwortlich – die Wahrheit liegt eher in Misswirtschaft, dem Verlassen allein auf das Öl – und in Korruption. Es gibt Hinweise, dass sich Militärs und Sozialisten sogar an dem System mit der Lebensmittelverteilung bereichern: Pakete werden abgezweigt und für ein Vielfaches auf dem blühenden Schwarzmarkt verkauft.

Unter den Armen, die durch Sozialprogramme und Hunderttausende neue Wohnungen erstmals richtige Unterstützung erfuhren, ist der Zuspruch trotz allem weiterhin hoch, sogenannte Colectivos verbreiten immer wieder bewaffnet auf Motorrädern Angst bei den Gegnern Maduros.

Das millionenfach ausgestellte „Carnet de Patria“ ist eine Art „Ich-halte-zu-Maduro-Ausweis“. In der Not steigt der Druck, sich zumindest auf dem Papier zu den Sozialisten zu bekennen, während die Gegner tagelang vor Supermärkten Schlange stehen, in denen die meisten Regale ohnehin leer sind. Maduro zur Hilfe kommt auch die Zerstrittenheit der Opposition – die auch keinen rechten Draht zum Heer der Armen gefunden hat. Viele kommen aus der Oberschicht, die per WhatsApp überteuerte Essenslieferungen nach Hause bestellt. Ex-Planungsminister Ricardo Hausmann, heute Professor in Harvard, betont, die Zahl der Hungernden sei stark gestiegen, zudem würden 350.000 Barrel Öl weniger pro Tag gefördert als im Mai. Er bringt als letzten Ausweg eine militärische Intervention ins Spiel.

Das weiterhin tagende, aber machtlose Parlament solle Maduro mit der Oppositionsmehrheit des Amtes entheben, und eine Übergangsregierung benennen – die von den Sozialisten natürlich nicht anerkennt würde. Deshalb müsste man dann das Ausland um militärische Hilfe bitten. Er fordert einen „Día D para Venezuela“, einen Tag der Intervention. Doch fast alle Experten halten das wegen der Größe und Stärke des Militärs für eine schlechte Idee: dem Land drohe dann ein Gemetzel.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen