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Nach Hackerangriff : Bundestag schaltet IT-System ab – Lammert gibt Nachhilfe im #neuland

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Um das Computersystem des Bundestags sicherer zu machen, soll die Software neu aufgesetzt werden. Das erfordert auch Passwortänderungen. Norbert Lammert erklärt in einem unterhaltsamen Video, wie es geht.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2015 | 10:25 Uhr

Berlin | Der Bundestag will von Donnerstag an sein Computersystem überarbeiten und so Konsequenzen aus dem schweren Hackerangriff vor einigen Monaten ziehen. „Wir gehen davon aus, dass das System nach der Neuaufsetzung sauberer und sicherer sein wird als vorher“, sagte der Sprecher des Bundestags, Ernst Hebeker, in Berlin.

Das IT-System soll am Donnerstagabend abgeschaltet werden und voraussichtlich im Laufe des Montags wieder einsatzfähig sein.

Unbekannte Täter hatten einen Trojaner in das Computernetz des Parlaments eingeschleust und so Daten abgezweigt. Der Angriff war Mitte Mai bekanntgeworden. Jetzt wird die Software des Systems neu aufgesetzt. Nach Informationen aus Bundestags-Kreisen sollen auch zentrale Server ausgetauscht werden. Die Planungen laufen bereits seit mehreren Wochen, die Arbeiten fallen noch in die Sommerpause.


Ursprünglich sollten die Rechner bereits vergangene Woche abgeschaltet werden. Die Arbeiten wurden aber wegen der Sondersitzung des Bundestags zu neuen Griechenland-Hilfen verlegt. Die Abgeordneten können nun vorerst nicht auf ihren Computer im Parlament oder auf ihre Bundestags-E-Mails zugreifen. Laptops oder private Geräte können sie weiter benutzen, wie Hebeker erklärte.

Doch nach Ansicht einer Expertin des Chaos Computer Clubs ist es mit der bloßen Überarbeitung des Computersystems nicht getan. Die Verwaltung müsse auch dafür sorgen, dass die Software auf dem neuesten Stand bleibe, sagte Sprecherin und IT-Expertin Constanze Kurz. Zudem müsse sie die Abgeordneten über mögliche Sicherheitsrisiken informieren. „Der Nutzer ist immer ein Risiko.“

Details zur Überarbeitung des Systems gibt der Bundestag aus Sicherheitsgründen nicht bekannt. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ermahnte die Abgeordneten am Mittwoch, sich rechtzeitig mit der Wiederanmeldung vertraut zu machen. Er wolle verzweifelte Anrufe von Kollegen vermeiden, „sie hätten gehört, ab Montag wäre das System wieder verfügbar - sie kämen nur nicht rein“, sagte Lammert.

Seine unterhaltsame Ansprache an die Parlamentarier zum kompliziert unkomplizierten Vorgang der Passwortänderung machte auf Twitter schnell die Runde. Offenbar wurde er in der Vergangenheit häufiger mit technischen Unzulänglichkeiten konfrontiert.

Bei der Wiederanmeldung müsse man sein Passwort ändern. Bei PCs werde man über die Anmeldemaske durch das „Passwortänderungsverfahren“ geführt. Für das kompliziertere Verfahren bei Smartphones und Tablets gebe es eine Anleitung im Intranet, die man im Zweifelsfall rechtzeitig ausdrucken möge. Dies sei weder ein ungewöhnliches noch ein aufwendiges Verfahren - „aber es ist ein unverzichtbares Verfahren, wenn man im System arbeiten will“.

Schöner Nebeneffekt in Zeiten der Politikverdrossenheit: Die amüsante Ansprache über den Umgang mit dem #neuland weckt bei vielen Twitter-Nutzern Sympathien für den Bundestagspräsidenten.

Was bringt die Überarbeitung des IT-Systems wirklich? Fragen und Antworten nach dem Hackerangriff.

Warum überarbeitet der Bundestag sein Computernetz?

Grund ist eine Cyberattacke vor einigen Monaten. Unbekannte Täter hatten schädliche Software eingeschleust und so Daten gestohlen.

Jetzt sollen Experten das Netz besser schützen. „Wir gehen davon aus, dass das System nach der Neuaufsetzung sauberer und sicherer sein wird als vorher“, sagt Bundestagssprecher Ernst Hebeker. Die Rechner sollen am Donnerstagabend runtergefahren werden. Voraussichtlich im Laufe des Montags soll das Computersystem wieder zur Verfügung stehen.

Was merkt man von den Arbeiten?

Als Bürger bekommt man wohl eher wenig mit, die Seite www.bundestag.de bleibt erreichbar. Wer seinem Abgeordneten aber an dessen Bundestags-E-Mail-Adresse schreiben will, hat Pech. Die Abgeordneten können darauf vorerst nicht zugreifen, zum Beispiel auch nicht auf das Intranet des Parlaments. „Man ist sehr stark in der Arbeit eingeschränkt“, sagt der Mitarbeiter eines Abgeordneten.

Offiziell ist der Bundestag in der Sommerpause. Sprecher Hebeker rechnet deswegen auch nicht mit besonders großen Problemen.

Wie gravierend war der Angriff?

Aus Sicht der Computerexpertin Constanze Kurz sehr gravierend. „Man muss davon ausgehen, dass der Bundestag für Monate ein offenes Buch für die Angreifer war“, sagt die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC). Trojaner nisten sich hinter dem Rücken der Nutzer auf dem Computer ein und leiten Informationen aus dem System. Der netzpolitische Sprecher der Grünen, Konstantin von Notz, kritisiert, bis heute sei unklar, welche Daten abgeflossen seien.

Was wird nun verbessert - und was nutzt das?

Der Bundestag macht aus den Details der Arbeiten ein großes Geheimnis. Zuschauen? Unmöglich. Zu groß ist die Sorge vor neuen Sicherheitsrisiken. Nach Informationen aus Bundestagskreisen soll aber nicht nur die Software neu aufgesetzt werden, es sollen auch zentrale Server ausgetauscht werden. 100-prozentige Sicherheit, dass Hacker nicht noch einmal in das System vordringen, gibt es aber nie.

Warum gelten Hackerangriffe auf den Bundestag als so gefährlich?

In der Politik geht es um äußerst sensible Daten. Einige Abgeordnete werden in Geheimnisse von Nachrichtendiensten und Militär eingewiesen. Auch sonst wollen Abgeordnete vertraulich kommunizieren.

Nach Angaben Hebekers konnten die Experten zuletzt nicht mehr feststellen, dass noch Daten abfließen. Weil aber nicht ausgeschlossen werden kann, dass Teile des Trojaners noch im System schlummern, gibt es jetzt die Generalüberholung.

Wer steckt hinter dem Angriff auf den Bundestag?

Das ist völlig unklar. Spuren führten zu einer russischen Hackergruppe. Ein Experte warnte aber, dass sich Trojaner nicht immer sicher einer Quelle zuordnen lassen. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hatte die Sorge geäußert, dass es sich um den Angriff eines ausländischen Nachrichtendienstes handeln könnte. Das hält auch CCC-Expertin Kurz für wahrscheinlich.

Wie häufig werden staatliche Stellen angegriffen?

Sehr regelmäßig. Landtage werden etwa oft von Hackern attackiert, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur im Juni zeigte. Auch die Bundesregierung ist ein regelmäßiges Ziel. Nach früheren Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gibt es pro Tag 2000 bis 3000 Attacken auf das Netz der Bundesregierung.

Einige Angriffe haben ein so hohes technisches Niveau, das ein nachrichtendienstlicher Hintergrund vermutet wird.

 
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