Geheime Studien zu Unkrautvernichter : Bundesregierung zieht sich aus Glyphosat-Rechtsstreit zurück

In geheimen Studien wird eine Unbedenklichkeit von Glyphosat aufgezeigt. Diese Papiere könnten offengelegt werden.

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09. Dezember 2017, 17:52 Uhr

Berlin | In einem Rechtsstreit um den Umgang mit Studien zum Unkrautvernichter Glyphosat macht die Bundesregierung einen Rückzieher. Deutschland will nun vor dem EU-Gericht doch nicht die europäische Lebensmittelsicherheitsagentur Efsa als Streithelfer unterstützen, die die Studien geheimhalten will. Das bestätigte ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.

Der Antrag sei nur „vorsorglich“ gestellt worden und könne auch als Mittel dienen, um über ein bestimmtes Verfahren informiert zu werden, erläuterte der Sprecher. Vier Grünen-Europaabgeordnete klagen vor dem EU-Gericht in Luxemburg auf Herausgabe von Studien über das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel. Die europäische Lebensmittelsicherheitsagentur Efsa will die Untersuchungen geheimhalten und beruft sich dabei auf die Geschäftsinteressen betroffener Unternehmen.

Das Bundesumweltministerium, das sich zuletzt gegen einen Streitbeitritt ausgesprochen hatte, begrüßte den Rückzug. „Die Zulassung von Pestiziden stößt zunehmend auf öffentliche Skepsis. Das Bundesumweltministerium fordert deshalb größere Transparenz“, erklärte eine Sprecherin. „Mit einem Streitbeitritt hätten wir uns mit der Absicht gemein gemacht, die Einsicht in Studien zu verhindern.“

In dem Verfahren hätte die Bundesregierung Seite an Seite mit den beiden Agrarkonzernen Monsanto und Cheminova gestanden. Das EU-Gericht hatte die beiden Agrarkonzerne am 30. November ebenfalls als Streithelfer zugelassen, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete. Sie dürften damit Argumente vorbringen, warum die Efsa die Studien weiterhin unter Verschluss halten soll. Die Efsa hält es für unwahrscheinlich, dass das in der Landwirtschaft weitläufig eingesetzte Mittel krebserregend ist.

Warum wird gerade über Glyphosat besonders heftig gestritten?

„Glyphosat ist ein Symbol“, erklärt Horst-Henning Steinmann von der Universität Göttingen. „Es steht als weltweit dominierendes Pflanzenschutzmittel für eine Form der Landwirtschaft, die viele Kritiker hat.“ Ein weiterer Faktor sei, dass es von Konzernen wie Monsanto in vielen Ländern im Paket mit gentechnisch veränderten Pflanzen angeboten werde. „Damit steht Glyphosat indirekt auch für Gentechnik.“ Hinzu komme die Angst vor einem Präzedenzfall: „Eine Sorge von Herstellern und Landwirten ist, dass ein Glyphosat-Stopp nur die erste Entscheidung wäre, die viele weitere nach sich ziehen könnte.“

Gibt es bereits Verbote?

Ja. El Salvador, Bermuda und Sri Lanka haben den Einsatz von Glyphosat verboten, so Thoralf Küchler, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG), einem Zusammenschluss von sieben Glyphosat-produzierenden Unternehmen. In den Niederlanden gibt es demnach ein Verbot für kommunalen Gebrauch, also die Verwendung auf öffentlichen Straßen und in Gemeinden. Ausgenommen sind Bahngleise und Fluglandebahnen.    

Glyphosat ist seit 40 Jahren im Einsatz. Wie entstanden die Bedenken?

„Glyphosat ist auch deshalb so erfolgreich, weil es lange als unproblematisch galt“, erklärt Silvia Pieper vom Umweltbundesamt (UBA). Glyphosat werde vergleichsweise selten im Grundwasser nachgewiesen, weil es an Bodenpartikel binde. Allerdings seien die Abbauzeiten im Boden recht lang: Es dauere mehr als ein Jahr, bis 90 Prozent der Substanz abgebaut seien. In Sedimenten könne sich die Substanz besonders lange halten. 

Die direkte Giftigkeit für Tiere wurde in Studien meist als relativ gering eingestuft, da das gehemmte Enzym EPSPS nur bei Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen vorkommt. Einige Studien unter anderem an Ratten und Mäusen allerdings legten nahe, dass Glyphosat in hohen Dosen krebserregend sein könnte.

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), stufte das Herbizid auf Basis dieser Ergebnisse im März 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen ein - gerade als in Europa die Verlängerung der Zulassung anstand. Andere Agenturen wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sehen hingegen kein von Glyphosat ausgehendes Risiko.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Der Widerspruch ist nicht wirklich einer. Die IARC beurteilte die Krebsgefahr, also die generelle Möglichkeit, dass Glyphosat Krebs verursacht. In die Bewertung der anderen Agenturen hingegen floss das Risiko als Faktor ein. Die EFSA bewertet das Krebsrisiko bei den Mengen, die ein Mensch üblicherweise etwa über Lebensmittel aufnimmt, als vernachlässigbar.

Wie sieht es bei Menschen aus, die ständig mit Glyphosat umgehen?

Berichte über einen vermuteten Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs- oder sonstigen Erkrankungen gibt es seit Jahren, etwa bei Bauern aus Sri Lanka und Argentinien. Gesicherte Erkenntnisse fehlen bisher. In den betroffenen Ländern werden teilweise Pflanzenschutzwirkstoffe und -mengen eingesetzt, die in Europa nicht zugelassen sind.

Warum stützen EU-Behörden ihre Einschätzung auf Studien der Hersteller, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind?

„Es gilt das Prinzip, dass Antragsteller die Studien finanzieren müssen, um die Unbedenklichkeit ihrer Substanz nachzuweisen“, erklärt UBA-Expertin Pieper. Für die Öffentlichkeit geheim blieben die Studienberichte wohl aus Wettbewerbsgründen. „Viele der durchgeführten Studien sind recht aufwendig und daher auch teuer, die Daten sind für die Antragsteller ein kostbares Gut“, sagt Pieper. „Auch wir würden allerdings eine bessere Zugänglichkeit dieser Daten befürworten.“

An dem Vorgehen gibt es reichlich Kritik. Der Verein „Lobby Control“ bezeichnet das einseitige Zurückgreifen auf Studien von Herstellern der Stoffe, die geprüft werden, als „inakzeptabel“.

Würde ein Auslaufen der Glyphosat-Genehmigung der Umwelt nützen?

Es existierten Wirkstoffe mit problematischeren Risikoprofilen, die in geringeren Mengen eingesetzt würden, sagt Pieper. Mit einem Glyphosat-Stopp kämen möglicherweise andere Substanzen auf die Zulassungslisten, fürchtet die UBA-Expertin. „Statt des Verbots einer einzelnen Substanz wäre eine generelle Reduzierung des Herbizideinsatzes sinnvoll.“

Glyphosat könne vielleicht nicht leicht, aber doch durch andere Wirkstoffe ersetzt werden. „Deshalb wäre ein schlichter Ersatz keine Lösung“, betont Pieper. „Es geht darum, die Menge aller eingesetzten Herbizide und anderer Pflanzenschutzmittel deutlich zu verringern und ihre Auswirkungen zu kompensieren, indem ökologische Ausgleichsflächen angelegt werden.“ 

Auch der Göttinger Agrar-Experte Steinmann sagt: „Glyphosat ist schon ein modernes Herbizid, dessen Umweltwirkung vergleichsweise günstig zu beurteilen ist. Würde es einfach nur durch ältere Wirkstoffe ersetzt, wäre für die Umwelt nichts gewonnen.“

 
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