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Kommentar zur Brexit-Abstimmung : Briten, raus aus dem Schmollwinkel!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie immer sie sich entscheiden werden: Die Briten bescheren uns ein anderes Europa. Und das ist sogar ganz gut so, kommentiert Stefan Hans Kläsener.

shz.de von
erstellt am 23.Jun.2016 | 06:27 Uhr

Bleiben die Briten oder bleiben sie nicht? Noch nie seit den Römischen Verträgen stand die Europäische Union vor einer so gewichtigen Schicksalsfrage. Aber welches Schicksal erwartet uns denn, uns Deutsche, die wir uns bei aller gelegentlichen Mäkelei und Kritik so sehr für das Projekt Europa eingesetzt haben? Wir, die wir nach den verheerenden von uns angezettelten Weltkriegen im vergangenen Jahrhundert uns vom Katzentisch der Weltgemeinschaft an die Entscheidungstische vorgearbeitet haben, begleitet von einer Portion Skepsis, aber vor allem vom Wohlwollen unserer einstigen Kriegsgegner?

Die Umfrage-Ergebnisse zum Brexit schwanken: Erst waren beide Lager gleichauf, dann bekamen die Befürworter Aufwind. Wenn dann aber tatsächlich abgestimmt wird, könnte sich das Blatt noch wenden. Denn ein Brexit wäre folgenreich - und das wollen die noch Unentschlossenen am Ende vielleicht doch verhindern.

Schnoddrige erste Antwort: Wenn sie gehen wollen, dann lass sie doch gehen. Sie werden sehen, was sie davon haben. Und es wird nicht gut für Großbritannien, wenn sich dieses stolze Land auf seine Insel zurückzieht, sozusagen in den Schmollwinkel Europas. Wir machen dann einfach ohne sie weiter, vielleicht ein wenig selbstkritischer als bisher und mit einer vorsichtigeren und weniger arroganten europäischen Administration. Das wäre doch gut! Ein Beschwerdeführer weniger am Tisch.

Was Sie zum Brexit wissen müssen, können Sie hier nachlesen. Außerdem berichtet shz.de ab 12 Uhr über die Ereignisse in Großbritannien im Liveblog.

Und überhaupt: Warum kommen die Briten denn überhaupt auf die Schnapsidee, sich von dem Europa zu trennen, dessen Entscheidungen sie zum überwiegenden Teil mitgetragen, mitbefördert und sogar herbeigeführt haben? Sie wollten den Euro nicht und haben ihr Pfund behalten, was nicht gerade als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden kann. Sie handelten allerlei Sonderrechte aus. Unvergessen Thatchers berühmte Rede „I want my money back“.

Gut gefahren sind sie damit nicht: Das einstige Empire hat international an Bedeutung verloren und ist wirtschaftlich ein Schatten seiner selbst. Deindustrialisiert, fokussiert auf den krisengeschüttelten Finanzsektor, mit hohen Arbeitslosenzahlen und einer siechenden Volkswirtschaft. Zwar sind sie immer noch Nettobeitragszahler der EU, aber sie sind mehr auf die Europäer angewiesen als umgekehrt. Brexit ist kein Drohwort für Europa, es ist der Notausgang für die Briten in eine ungewisse Zukunft. Ihr fahrlässiger Premier, der aus einer unbedachten Laune heraus das Referendum anberaumte, bettelt nun geradezu darum, dass seine Staatsbürger es nicht dazu kommen lassen, wozu er die Abstimmung anberaumt hatte. Wie kurzsichtig Politik doch sein kann: Jetzt muss Cameron um sein Amt kämpfen.

Es gibt aber aus deutscher Sicht, und diese darf ja auch mal egoistisch sein, eine andere Sicht als das achselzuckende „Let the people go“. Und diese lautet: Ein Staat vom Gewicht Großbritanniens verschiebt die Balance in der EU. Die Südstaaten Frankreich, Spanien, Italien, Portugal und Griechenland könnten die Politik der Reformen und der Eindämmung von Staatsverschuldung aufbrechen, die ohnehin nicht mehr konsequent durchgefochten wird. Zwar gehört Großbritannien nicht zum Euroraum, aber wen hatte denn Deutschland in staatswirtschaftlichen Fragen an seiner Seite? Die Balten, die Niederländer, die Polen.

Das aber wird nicht mehr ausreichen, um das Gewicht derjenigen Länder auszugleichen, die eine andere Mentalität in Fragen der Staatsfinanzen oder der Sozialreformen einnehmen – übrigens nicht einmal aus fahrlässiger Ignoranz, sondern weil es sich bei ihnen oft politisch gar nicht durchsetzen lässt. Deutschland verlöre also einen Bündnisgefährten in Wirtschaftsfragen – zweifellos keine wünschenswerte Option.

Schlimmer noch ist das politische Szenario. Ein um Großbritannien erleichtertes Europa wäre zwar kein Fliegengewicht, aber dennoch in einer anderen Gewichtsklasse der internationalen Politszene. Auf das „Go out“ der Briten würde schnell ein „Knock out“ Europas folgen, bis tief in Strukturen wie die der Nato hinein. Das kann niemand wünschen, denn die Welt ist unsicher genug.

So oder so haben wir ab Freitag ein anderes Europa. Wir werden umsichtiger miteinander sein müssen, und stures Durchregieren wird sich Brüssel nicht mehr erlauben können, weil es Nachahmertäter fürchten muss, die es den Briten gleich machen und damit die Preise für einen Verbleib in der EU nach oben treiben.

Wir mögen britischen Fußball, wir mögen den herrlich trockenen Humor, aber wir brauchen sie auch schlicht an unserer Seite. Briten, kommt aus dem Schmollwinkel!

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