Islamistischer Terror : Boko Haram: 7300 Flüchtlinge verlassen Nigeria

Hunderte Todesopfer – ganze Städte unter Terrorherrschaft. 650.000 Nigerianer sind vor Islamisten auf der Flucht.

shz.de von
09. Januar 2015, 14:30 Uhr

Baga | Ganze Städte im Norden liegen in Schutt und Asche – 200 entführte Mädchen sind noch immer verschwunden: Die Terrorgruppe Boko Haram verbreitet anhaltenden Schrecken in Nigeria. Eine Meldung, dass die Islamisten am Mittwoch bis zu 2000 Menschen getötet hätten, weisen nigerianische Regierungsbeamte allerdings zurück. Es gebe aber möglicherweise Hunderte Opfer, räumte einer von ihnen ein.

Die Stadt Baga, einst Heimat für mehr als 10.000 Menschen sei „praktisch nicht mehr existent“, zitiert die BBC einen Beamten. Fliehende Anwohner sollen berichtet haben, dass die Leichen in den Straßen verrotten, da keine Gelegenheit war, sie zu beerdigen.

<iframe width="560" height="315" src="//www.youtube.com/embed/HmoMBNzzSfc" frameborder="0" allowfullscreen></iframe>

Boko Haram hatte Baga schon vor wenigen Tagen angegriffen, eine Militärbasis überrannt und Teile der Stadt niedergebrannt. In der umkämpften Region funktionieren Telefonverbindungen nur noch sehr eingeschränkt, weshalb Informationen häufig erst spät und ungenau nach außen dringen.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p><a href="https://twitter.com/hashtag/BokoHaram?src=hash">#BokoHaram</a> ‘kills 2,000’ as it burns Nigerian army town <a href="http://t.co/KXxFGCwJQ4">http://t.co/KXxFGCwJQ4</a> (Pic: Getty) <a href="http://t.co/q4tIXyXrTg">pic.twitter.com/q4tIXyXrTg</a></p>&mdash; The Times of London (@thetimes) <a href="https://twitter.com/thetimes/status/553359500833742850">9. Januar 2015</a></blockquote>

Das UN-Flüchtlingshilfswerk teilte am Freitag mit, etwa 7300 Flüchtlinge seien allein in den vergangenen zehn Tagen im benachbarten Tschad angekommen, um sich vor den Kämpfen rund um Baga in Sicherheit zu bringen. Insgesamt sind in Nigeria laut UNHCR rund 650.000 Menschen wegen des Boko-Haram-Terrors in andere Landesteile geflohen, und Zehntausende haben im Laufe der vergangenen Monate in Nachbarländern Zuflucht gesucht.

Staatschef Goodluck Jonathan begann unterdessen die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfs vor der Abstimmung am 14. Februar. Zwei örtliche Beamte im umkämpften Nordosten des Landes wiesen am Donnerstag Medienberichte entschieden zurück, wonach bei den Angriffen der Terrorgruppe vom Mittwoch bis zu 2000 Menschen getötet worden seien. Es seien rund ein Dutzend Dörfer zerstört worden und es gebe möglicherweise Hunderte Opfer, räumte einer von ihnen ein.

Fest steht: Das afrikanische Land muss handeln, um seine Bewohner nicht weiterhin hilflos dem Terror zu überlassen. Ein ranghoher Regierungsvertreter kündigte örtlichen Medienberichten zufolge am Donnerstagabend an, die nigerianischen Streitkräfte in den Norden zu entsenden, um die eingenommenen Ortschaften zurückzuerobern. Die Opposition in Nigeria hat bereits 2014 der Regierung und dem Militär totales Versagen im Kampf gegen den Terror vorgeworfen.

Der Sprecher des Nationalen Informationszentrum, Mike Omeri, sagte der Zeitung „Premium Times“ zufolge, die Lage in Baga habe sich bereits gebessert. Er weigerte sich jedoch Einzelheiten zu nennen, da es sich um einen laufenden Militäreinsatz handle.

Wer steht hinter Boko Haram und was wollen sie?

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram führt im muslimischen Norden Nigerias einen Krieg für einen islamischen Staat. Ihr Ziel ist es, die Scharia (islamische Rechtsprechung) einzuführen. Doch dies ist wohl nicht ihr einziges Anliegen. In Teilen Nord-Nigerias wird die Scharia bereits angewendet. So wird in einigen Landesteilen Homosexualität mit Tod durch Steinigung bestraft.

Über Organisationsstrukturen und Mitgliederzahlen von Boko Haram liegen keine gesicherten Informationen vor.  Die Gruppe wurde ursprünglich als Sekte ins Leben gerufen und steht seit November 2013 auf der Terrorliste des US-Außenministeriums.

Boko Haram wird unterschiedlich übersetzt. Es soll auf Hausa etwa „Bücher [im Boko-Alphabet] sind Sünde“ oder „Westliche Bildung verboten“ heißen. Der Gruppe werden Verbindungen zu Al-Qaida, Al-Shahaab in Somalia und zu Terrorcamps in Afghanistan nachgesagt.

Boko Haram machte erstmals um 2004 mit der Einrichtung des Trainingslagers „Afghanistan“ an der Grenze zum nördlichen Nachbarland Niger von sich reden. Die muslimische Sekte rekrutierte anschließend gezielt junge Männer.

Welche Taten werden Boko Haram zur Last gelegt?

In den Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit gelangte der Terror in Nigeria besonders, als 200 Mädchen in der Provinz Borno im April 2014 entführt wurden. Von den Schülerinnen fehlt bis heute jede Spur. Unter dem Hashtag #BringBackOurGirls machten auch Prominente wie US-First Lady Michelle Obama via Twitter auf die Massenentführung aufmerksam.

Vergebens. Am 12. Mai  tauchte ein Video der Entführer auf. Es zeigt rund 130 verschleierte Mädchen und junge Frauen, die Koranverse zitieren.

Boko Haram sind in zahlreichen blutigen Anschlägen nach Schätzungen bereits über 5000 Menschen zum Opfer gefallen. Insgesamt flohen laut UNHCR rund 650.000 Menschen vor dem Terror.  Anfang 2014 verstärkten die Extremisten ihren Kampf. Seither kam es fast wöchentlich zu Angriffen, Attentaten und Entführungen.

Bei einem Bombenanschlag im April auf einen Busbahnhof in der Hauptstadt Abuja sterben mindestens 100 Menschen. Im Mai überfallen Bewaffnete mehrere Dörfer im Nordosten und ermorden Hunderte Bewohner. Bei der Explosion von zwei Autobomben in der Stadt Jos sterben mindestens 118 Menschen.

Juni: Bei einem Bombenanschlag auf eine Bar im Nordosten kommen bis zu 60 Menschen ums Leben. Ein Anschlag auf Fußballfans, die ein WM-Spiel verfolgen, tötet Dutzende. In Abuja sterben mehr als 20 Menschen bei einem Bombenanschlag auf ein Einkaufszentrum.

Juli: Mutmaßliche Mitglieder der Boko Haram stürmen ein Dorf im Bundesstaat Borno und töten mindestens 45 Einwohner. Bei zwei Bombenanschlägen in der Stadt Kaduna sterben bis zu 100 Menschen.

November: Ein Selbstmordattentäter reißt während einer Prozession mindestens 30 schiitische Muslime mit in den Tod. Dutzende Menschen sterben bei einem Selbstmordattentat auf eine Schule. Bei einem Anschlag auf eine Moschee in der Stadt Kano gibt es mehr als 100 Opfer.

Dezember: Bei Bombenanschlägen auf mehrere Märkte und einen Busbahnhof sterben Dutzende. Im Norden überfallen die Islamisten ein Dorf und verschleppen viele Bewohner. Die Luftwaffe des Nachbarlandes Kamerun wehrt einen Angriff auf eigenem Territorium ab. Boko-Haram-Kämpfer hatten dort einen Militärstützpunkt überrannt.

Nigeria und die Armut im Ölstaat

Nigeria ist dreimal so groß wie Deutschland und mit rund 175 Millionen Einwohnern das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Afrikas. Das Bevölkerungswachstum liegt bei gut 2,5 Prozent. Schätzungen zufolge werden im Jahr 2050 etwa 440 Millionen Menschen in dem westafrikanischen Land leben. Damit wäre Nigeria fast doppelt so dicht besiedelt wie Deutschland und nach China und Indien die Nummer drei der bevölkerungsreichsten Länder der Welt.

Nach der zuletzt veröffentlichten Neuberechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist Nigeria mit 510 Milliarden Dollar (399 Mrd Euro) auch stärkste Wirtschaftsmacht Afrikas und hat damit den langjährigen Spitzenreiter Südafrika überholt. Die jährlichen Wachstumsraten liegen zwischen sechs und acht Prozent - vor allem dank der riesigen Ölvorkommen im Nigerdelta. Öl und Gas machen 97 Prozent der Exporte aus und sorgen für 75 Prozent der Staatseinnahmen. Dennoch leben mehr als 100 Millionen Nigerianer in Armut. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung belegte Nigeria zuletzt nur Platz 153 von 185 aufgeführten Staaten.

Nigeria vereint viele verschiedene Kulturen. Doch es geht eine tiefe Spaltung durch die Nation: Auf der einen Seite gibt es im Norden die muslimisch bewohnten Gebiete, im Süden wohnen hauptsächlich Christen. Es kommt immer wieder zu ethnischen Konflikten. Seit der Demokratisierung Nigerias 1999 nahmen Islamisierungstendenzen im Lande zu.

 

(mit dpa)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert