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Kommentar zum Erdogan-Gedicht : Blöd, dass Angela Merkel Jan Böhmermann nicht versteht

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Kanzlerin bezeichnet Böhmermanns Schmähgedicht als „bewusst verletzend“. Das ist falsch und schlecht für die Pressefreiheit, kommentiert Joachim Dreykluft.

Mainz/Berlin | Bis vor wenigen Wochen hielt ich Jan Böhmermann für einen etwas zu spät gekommenen Harald-Schmidt-Imitator. Raus auf die Bühne, ein bisschen Stand-up, ein oder zwei Sidekicks, eine Band. Von Schmidteinander bis zur Late Night fand sich da so einiges Bekanntes.

Ich muss mich korrigieren. Böhmermann ist kein Imitator. Er ist eigenständig. Er ist sogar genial. Denn wo Schmidt provozierte um der Provokation willen, provoziert Böhmermann höchst intelligent.

Kein Mensch kann mir erzählen, dass Recep Tayyip Erdoğan sich vom Schmähgedicht (wurde mittlerweile gelöscht) persönlich beleidigt fühlt. Zu absonderlich sind die dort eingestreuten Vorwürfe bis hin zur Tierkopulation. Aber selbst wenn: Wer austeilt, muss einstecken können. Und Erdoğan teilt aus, nicht nur verbal.

Aber das ist gar nicht der Punkt. Böhmermann wollte gar nicht beleidigen. Er wollte zeigen, wo in demokratischen Staaten im Allgemeinen und in Deutschland im Speziellen die Grenze liegt zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem. Der Anlass war passend, glaubt Erdoğan doch, das Video von Extra 3 sei nicht erlaubt. Hätte er sonst den deutschen Botschafter einbestellt?

Böhmermann nun hat, um die Grenze zwischen Erlaubtem und nicht Erlaubtem aufzuzeigen, einen Blick auf beide Seiten des Schlagbaums gewagt. Er nannte sein Gedicht bewusst „Schmähgedicht“, um zu zeigen, was in Deutschland geht und was nicht. Er hat nicht drauflos gepöbelt, er hat es in einen Kontext eingebettet. Und er hat den Applaus des Publikums während der Aufzeichnung weggewinkt.

Jan Böhmerman Eine Schmähkritik from Markus Lanz on Vimeo.

Das Bundesverfassungsgericht führte 1990 in einem wegweisenden Urteil zur Schmähkritik aus: „Eine überzogene und selbst eine ausfällige Kritik macht für sich genommen eine Äußerung noch nicht zur Schmähung. Eine herabsetzende Äußerung nimmt vielmehr erst dann den Charakter der Schmähung an, wenn in ihr nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.“

Böhmermann ging es eben nicht darum, Erdoğan zu diffamieren. Es ging darum zu zeigen, wie presse- und demokratiefeindlich er ist. Das haben schon die ZDF-Oberen nicht verstanden. Das könnte aber Angela Merkel verstehen. Sie tut nun so, als verstünde sie es nicht und lässt ihren Pressesprecher ohne Not sagen, es handele sich aus ihrer Sicht um einen „bewusst verletzenden“ Text. Für die Pressefreiheit in der Türkei und in Deutschland ist dieser Satz leider sehr schlecht.

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erstellt am 04.Apr.2016 | 16:20 Uhr

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