Bildung braucht Europa

Lädt alle Elmshorner zum Mitdiskutieren und als Neumitglieder zur Abstimmung ein: SPD-Ortsvorsitzender Ernst Dieter Rossmann.
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Flensburgs Uni wird Europauniversität – Junge Menschen müssen lernen, europäisch zu denken / Ein Gastbeitrag von Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD)

shz.de von
27. Juni 2014, 15:53 Uhr

Die Bildung der Zukunft ist humanistisch, ökologisch und europäisch. Was Peter Glotz , dieser europäische Freigeist von hohen Graden, noch im alten Jahrhundert postuliert hat, bekommt neue Aktualität. Die Garantie von Frieden und das Versprechen von gemeinsamem Wohlstand in Europa können nicht mehr ausreichende Identifikation oder gar Begeisterung entfachen. Umso wichtiger werden das Verstehen von Europa durch Bildung und die Aneignung der europäischen Bildungsidee.

Europa braucht hierfür ein Netz an Institutionen, in denen die europäische Identität von der Jugend gelernt und persönlich erlebt werden kann. Europa braucht gleichzeitig die Erforschung von sich selbst und den offenen Diskurs zu den Perspektiven dieser einzigartigen politischen Assoziation. Welche Institutionen, wenn nicht die Hochschulen mit ihrer historisch gewachsenen Aufgabenstellung von Forschung und Lehre, sind die natürlichen Träger für einen substanziellen Beitrag zur Identitätsfindung und Identitätsfestigung im gemeinsamen Haus Europa!

Damit findet Europa in seiner Geschichte zugleich zu sich selbst zurück. Denn schon in Zeiten weit vor dem Nationalstaat wurde 1119 in Bologna die erste Universität in Europa gegründet. Die Hochschulen zählten fortan zu den zentralen „soziokulturellen Kräften, welche die Formierung, den Aufstieg und die hochrangige Positionierung Europas in der Welt ermöglichten“, wie Wolfgang Weber in seinem Standardwerk zur Geschichte der europäischen Universität feststellt. Dieses „universitäre Gen“ sollte Prägekraft bis in die Gegenwart behalten. In der Moderne vereinigt Europa in sich über 5000 Hochschulen, über 1,8 Millionen Hochschullehrer und mehr als 20 Millionen Studierende, die aus der Qualität ihrer Ausbildung und dem Grad ihrer Bildung heraus die Verantwortungs- und Leistungselite im positiven Sinne bilden. Die Europäische Union erweiterte deshalb auch sehr bald den Maastricht-Prozess von 1993 mit dem Ziel der gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsstärke durch EZB und Euro um den Lissabon–Prozess von 2000 mit der Orientierung auf mehr gemeinsame Innovations- und Integrationskraft durch Forschung und Bildung. Parallel hierzu wurde die große Bologna-Bewegung hin zu einem europäischen Hochschulraum ausgerufen. Nur ist die Bologna-fähige Hochschule damit gleich schon eine Europa-Hochschule? Dazu braucht es sicherlich noch einer besonderen inhaltlichen Ausrichtung im Sinne einer europäischen Mission, die sich eine Hochschule als Auftrag zu eigen macht und als ihr Angebot an Gesellschaft, Wirtschaft und Staat offensiv vertritt.

Europäisierung stellt sich dabei in erster Linie durch den persönlichen Austausch von Hochschulangehörigen aller Art her. Dazu gehört ein mobilitätsförderndes und Leistungen anerkennendes Netz an Partnerhochschulen. Wichtig ist die Entwicklung einer Professorenschaft, die ein nachhaltig wirkendes Engagement an mehreren europäischen Universitäten im Sinne einer Europa-Professur nachweisen kann. Schließlich wird dringend der Diskurs um ein europäisches Kern-Curriculum als Teil eines interkulturellen Studiums und Fundament für ein europäisches Studium Generale gebraucht. Das Güte-Siegel einer Europa-Hochschule muss dann über den Bologna-Prozess im technokratischen Sinn hinausweisen und für eine besondere Intensität von innereuropäischer Zusammenarbeit, von Hochschulaustausch, Mehrsprachigkeit und europäischem Geist stehen.


Wer klein ist, muss klug sein. Wer klug ist, schaut weit voraus.


Die Erschließung dieses Potenzials für das Europa der Zukunft steht allerdings vielerorts noch erst am Anfang. Umso bemerkenswerter ist, dass sich die Universität Flensburg in diesen Tagen auf den Weg macht, ein ganz eigenes Profil als Europa-Universität zu entwickeln und sich offensiv zu Europa zu bekennen. Wer klein ist, muss klug sein. Wer klug ist, schaut weit voraus. Wer mutig ist, macht sich darüber zum Pionier. Die Voraussetzungen für eine solche Pionierarbeit sind gut. Was früher Grenzraum mit harten Auseinandersetzungen war, hat eine bemerkenswerte Kultur von Respekt, Interesse, Toleranz und gleichzeitig Kooperation und Investition entwickelt. Stichworte sind hier die Zusammenarbeit mit der Syddansk Universität genauso wie der Internationale Campus Sønderborg und die Mitarbeit im Interreg-Projekt . Die Doppelabschlüsse machen diesen Anspruch einer Europa-Universität genauso konkret wie Mehrsprachigkeit, ein Europa-Semester im europäischen Ausland in allen grundständigen Studiengängen, die Gründung eines Forschungszentrums für Interdisziplinäre Europa-Wissenschaften und die Einrichtung von Europa–Professuren.

Der besondere Charme dieser Selbstverpflichtung für Europa liegt im Auftrag der Lehrerausbildung. Wenn Europa im Leben und Begreifen der Menschen zu sich selbst kommen soll, muss und wird dieses über die Jugend und nachwachsende Generationen geschehen. Der Lehreraus- und -weiterbildung kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Lionel Jospin, französischer Premierminister zur Jahrhundertwende, hat seinerzeit vier Wochen Erleben in einer europäischen Familie für jeden Schüler gefordert. Hier ist zu ergänzen: Auch jede angehende Lehrkraft sollte mindestens ein Semester Bildungserfahrung in einer europäischen Partneruniversität erfahren. Aktuell ist gerade unter Lehramtskandidaten das Auslandsstudium besonders selten. Das Ziel, an jeder europäischen Schule mindestens zwei Lehrkräfte aus einem anderen europäischen Partnerland wirken zu sehen, komplettiert diese konkrete Utopie. Noch einmal: Weitblick erwächst bekanntlich nicht aus Masse und Größe, sondern aus Klugheit und Mut. Der Europa–Universität Flensburg ist viel Glück und Erfolg zu wünschen, wenn sie jetzt aus eigener Souveränität diesen Weg in die gemeinsame Zukunft Europas gehen und für die junge Generation mit ebnen will.

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Dr. Ernst Dieter Rossmann, MdB,

ist Sprecher der AG Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion und Sprecher der SPD-Landesgruppe Schleswig-Holstein.

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