zur Navigation springen

Nach Trump-Besuch in Europa : Bierzeltrede von Angela Merkel: Das Ende der Illusionen

vom

Ein starkes Europa muss Donald Trump daran hindern, die liberale Weltordnung zu unterhöhlen, meint Thomas J. Spang.

Angela Merkels Bierzelt-Rede markiert das Ende der Illusionen. Wer darauf gehofft hatte, Donald Trump werde sich irgendwie einhegen lassen, im Amt schon die nötige Gravitas gewinnen, sollte sich wie die Bundeskanzlerin den Realitäten stellen. Dieser Präsident hat auf seiner ersten Auslandsreise die schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Die Bierzelt-Rede von Angela Merkel - Die wichtige Passage im Wortlaut

Angela Merkel: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt. Und deshalb kann ich nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen – natürlich in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika, in Freundschaft mit Großbritannien; in guter Nachbarschaft, wo immer das geht, auch mit Russland, auch mit anderen Ländern. Aber wir müssen wissen, wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal. Und das will ich gerne mit Ihnen, meine Damen und Herren.“

Trump fühlt sich erkennbar wohler unter Alleinherrschern, die den Narzissten hochleben lassen, als bei Alliierten, die es wagen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Der „America-First“-Präsident versucht aktiv, die Nato und die Europäische Union zu unterminieren, und betrachtet Deutschland als gegnerischen Wettbewerber.

Nichts daran ist wirklich neu. Trump vertritt diese erstmals 1987 in einem länglichen Interview mit dem Playboy entfaltete Weltsicht mit erstaunlicher Konsistenz. Daran ändern auch die Versicherungen seiner Berater wenig, die kaum hinterher kommen, die Scherbenhaufen zusammen zu kehren.

Die Erfahrungen der ersten Monate zeigen ein beunruhigendes Muster. Sicherheitsberater H.R. McMaster, Verteidigungsminister James Mattis und Vize-Präsident Mike Pence sagen viele richtige Dinge. Nur sie sprechen nicht für Trump. 

Merkel hat Recht. Europa kann sich nicht auf Trumps Amerika verlassen. Gleichzeitig gibt es keine Alternative zu der transatlantischen Gemeinschaft, die über 70 Jahre Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht hat.  

Benötigt wird deshalb eine Eindämmungs-Strategie, die darauf abzielt, Trump daran zu hindern, nachhaltigen Schaden anzurichten. Dafür wird ein starkes Europa gebraucht, das für Bürger- und Menschenrechte eintritt, Führung bei Freihandel und Klimaschutz übernimmt und für seine eigene Sicherheit sorgen kann.

 

Deutschland und Frankreich müssen ihre Rolle als Motor der Vereinigten Staaten von Europa mit voller Kraft wahrnehmen. Dazu gehört neben einer demokratisch rückgebundenen gemeinsamen Außen-, Sicherheits- und Finanzpolitik vor allem eine Vision. Europa ist immer da schwach, wo es zu wenig Europa gibt. 

Wenn Trump aus dem Klimaabkommen ausschert, sollten die Europäer demonstrativ daran festhalten. Das verschafft hiesigen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil durch Innovation. 

Die Antwort auf Handelsschranken und Strafzölle, wäre eine Einladung an Mexiko, über einen Beitritt zum Freihandelsabkommen der EU und Kanada zu verhandeln.   

Das Zwei-Prozent-Ziel der NATO bei den Verteidigungsausgaben erscheint in einem anderen Licht, wenn das Geld für die Integration und Modernisierung der Streitkräfte in Europa ausgegeben wird. Solange die EU ihre eigenen Außengrenzen nicht verteidigen kann, bleibt ihre Handlungsfähigkeit gegenüber dem Bully im Weißen Haus eingeschränkt.

All das lässt sich erreichen, ohne das transatlantische Bündnis in Frage zu stellen. Im Gegenteil hilft Europa damit dem anderen Amerika, dem es von der Befreiung vom Nationalsozialismus über den Marshall-Plan bis hin zum Fall der Mauer so viel zu verdanken hat.

Ein starkes, selbstbewusstes Europa ist auch für viele US-Bürger die beste Hoffnung, Trump daran zu hindern, die liberale Weltordnung zu unterhöhlen. Merkels Bierzelt-Rede hat das Bewusstsein dafür geschärft.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Mai.2017 | 07:22 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen