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Finnin vermisst : Bewaffnete töten Deutsche in Kabul

vom

Um kurz vor Mitternacht dringen Männer in das Gästehaus einer Hilfsorganisation in Kabul ein. Sie gehen brutal vor.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 17:03 Uhr

Kabul | Unbekannte Bewaffnete haben bei einem Überfall auf ein Gästehaus in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Deutsche getötet. Außerdem sei ein Wachmann ermordet worden, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Nadschib Danisch, der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Eine finnische Frau sei entführt worden. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte, dass die in Kabul getötete Frau deutsche Staatsbürgerin ist.

Aus Sicherheitskreisen in Kabul verlautete, dass es sich bei dem Haus im Südwesten der Stadt um die Unterkunft der schwedischen Nichtregierungsorganisation Operation Mercy handelt. Die Männer seien gegen um 23.30 Uhr (Ortszeit - 21 Uhr MESZ)in das Haus eingedrungen.

Entgegen von Medienberichten war es keine „Erstürmung“. Die Täter hätten sich leise auf das Gelände geschlichen, Schusswechsel seien nicht zu hören gewesen, sagten Nachbarn. Der Polizeichef des Bezirks, Ahmad Wali Sabori, bestätigte, die Polizei sei erst nach der Tat eingetroffen. Sicherheitsquellen sagen, eine dritte Frau, eine Holländerin, habe sich vor den Eindringlingen verstecken können.

Die Brennpunkte in Kabul

Wasir Akbar Khan:
Im teuren Viertel im Nordosten der Stadt liegen viele Botschaften sowie Büros und Gästehäuser internationaler Organisationen. Das Hauptquartier der Nato-Mission Resolute Support ist nicht weit, die deutsche Botschaft liegt am Rand des Viertels. Aber auch wichtige afghanische Institutionen sind hier, unter anderem der Präsidentenpalast.

In Wasir gibt es seit Jahren schweren Anschläge. Ein Beispiel: Im Januar 2014 griffen Taliban das bei Afghanen und Ausländern beliebte Restaurant „Taverna du Liban“ an und töteten 20 Menschen - teilweise mit Kopfschüssen an ihren Tischen. Erst im Februar waren nahe dem Viertel bei einem Anschlag der Terromiliz Islamischer Staat auf das höchste Gericht des Landes mindestens 22 Menschen gestorben.

Kart-e Seh:

In diesem Viertel im Südwesten der Stadt liegen unter anderem das Parlament, Ministerien und die große Amerikanische Universität. Erst im Januar waren bei einem Taliban-Anschlag vor dem Parlament mindestens 37 Menschen getötet und um die 100 verletzt worden. Im August hatten Talibankämpfer die Amerikanische Universität angegriffen und mindestens 14 Studenten und Lehrer getötet.

Auf der Darulaman-Prachstraße im Viertel gibt es regelmäßig Selbstmordanschläge auf Regierungsbusse, die Mitarbeiter nach Hause bringen. Im Januar 2016 hatten Taliban hier auch ein Fahrzeug des TV-Senders Tolo angegriffen und sieben Mitarbeiter getötet.

 

Die genauen Hintergründe waren zunächst unklar. „Wir können nicht sagen, ob der Zwischenfall einen kriminellen oder terroristischen Hintergrund hat, aber eine Untersuchung läuft“, sagte der Sprecher des Innenministeriums. Die Täter seien entkommen.

Sicherheitsanalysten halten zwei Szenarien für denkbar. Zum einen könnte der Überfall das Werk der immer aktiveren Kidnapping-Mafia von Kabul sein. Der waren allein im vergangenen Jahr mindestens vier Ausländer - eine Inderin, ein Amerikaner und ein Australier - sowie viele afghanische Geschäftsleute zum Opfer gefallen.

Quellen sagen, die Mafia habe Unterstützung bis in hohe afghanische Politkreise. Unter den Opfern sind auffallend viele Frauen. 2015 hatten Entführer in Kabul auch eine Mitarbeiterin der deutschen staatlichen Entwicklungshilfsorganisation GIZ entführt. Die Frau war nach rund zwei Monaten freigekommen.

Bisher hatten die Entführer ihre Opfer in den allermeisten Fällen aus ihren Autos entführt, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. „Sollte die Mafia jetzt anfangen, auch in Gästehäuser einzubrechen, wäre das eine klare Eskalation“, sagte ein internationaler Sicherheitsfachmann, der nicht namentlich genannt werden möchte, der dpa.

Zum anderen könne es sich um einen gezielten Angriff auf die NGO als christliche Organisation handeln. Solche glaubensbasierten Angriffe sind eher selten. Zuletzt hatten die Taliban 2014 das Gästehaus von Nothelfern angegriffen, die sie für Missionare hielten.

Die Sicherheitssituation in Afghanistan hat sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 stark verschlechtert. Die Taliban kontrollieren mittlerweile nach US-Militärangaben rund elf Prozent des Landes. Weitere knapp 30 Prozent sind umkämpft.

Am Tag des Überfalls auf das Gästehaus von Operation Mercy in Kabul töteten die Taliban bei schweren Angriffen auf mehrere Bezirke der südostafghanischen Provinz Sabul mindestens 20 Polizisten.

Ausländische Organisationen haben ihre Sicherheitsmaßnahmen massiv verstärkt. Die GIZ wird im Sommer ihre Büros im Zentrum von Kabul aufgeben und in ein schwer gesichertes Lager am Stadtrand ziehen. Das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif war schon im Winter nach einem Angriff der Taliban in das deutsche Militärlager umgezogen.

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