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Ein Jahr nach der Niederlage : Bernie Sanders: Donald Trump ist ein „Lügner aus Gewohnheit“

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Was macht eigentlich „Bernie“? Für den demokratischen Sozialisten hat die „Revolution“ gerade erst begonnen.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 07:21 Uhr

Chicago/Illinois | Da steht er wieder, der Führer der amerikanischen Linken. Fast eine Stunde lang bringt der Redner mit schlohweißem Haar, markanter Brille und leicht gerötetem Kopf im McCormick Place Convention Center seine Anhänger auf die Beine. „Unsere Ideen und unsere progressive Vision sind die Zukunft dieses Landes“, insistiert „Bernie“, wie ihn seine Fans nennen, in seinem typischen Stakkato.

Er ging als Außenseiter ins Rennen, doch Bernie Sanders war im Vorwahlkampf weiter gekommen, als viele erwartet haben. Nach der Niederlage gegen Hillary Clinton schlug er sich im Wahlkampf auf ihre Seite. Auch, um ihr – getragen von vielen Millionen Anhängern – diverse Zugeständnisse abzuringen. Sein Motto: „Hauptsache nicht Trump“.

Ein Jahr nach seiner Niederlage gegen Hillary Clinton hat er den rund 4000 Teilnehmern des „People's Summit“ eine doppelte Botschaft mit in die politische Heimat Barack Obamas gebracht: Donald Trump müsse gestürzt und die Demokratische Partei übernommen werden.

Den Präsidenten nennt er einen „Lügner aus Gewohnheit“. Trump habe den Arbeitern versprochen, auf ihrer Seite zu stehen. „Ohne nur eine Sekunde zu zögern, hat er nach seiner Wahl mehr Milliardäre in seine Regierung gebracht als jeder Präsident vor ihm“. In seinen Augen sei Trump „der vielleicht gefährlichste Präsident in der Geschichte unseres Landes“.

Behutsam vermeidet Bernie über eine Amtsenthebung zu sprechen. Er hält das Thema für verfrüht, denkt, es müssten erst alle Fakten etabliert werden. Der allseits respektierte Robert Mueller sei als Sonderermittler dafür genau der Richtige. Bernie macht weder in Chicago noch sonst die „Russland-Affäre“ zum zentralen Thema. 

Sein Beitrag zur „Resist“-Bewegung ist ein inhaltlicher. Der Rotstift-Haushalt Trumps bewegt ihn mehr als dessen Verwicklungen mit Moskau. Seine Leidenschaft gilt einer bezahlbaren Gesundheitsversorgung, freiem Zugang zu Bildung, Mindestlohn, dem Kampf gegen Armut und dem, wie er sagt, groteske Auseinanderklaffen der Wohlstandsschere. Das waren seine Themen vor einem Jahr, das bleiben sie bis heute. Er sei häufig gefragt worden, wie die USA mit so einem Präsidenten enden konnten. „Trump hat nicht gewonnen, die Demokraten haben die Wahlen verloren“.

Als Beleg dafür sieht er den Erfolg des Labour-Führers Jeremy Corbyn in Großbritannien, den die Presse den „britischen Bernie“ nennt. Nicht ohne Grund. Dessen Manifest weist viele Parallelen zu Sanders auf, der seinem politischen Double auf der Insel im Wahlkampf Schützenhilfe gab. Er sei „entzückt, wie gut Labour abgeschnitten hat“, gratuliert Sanders. 

Die beiden Links-Populisten eint dabei dasselbe Schicksal. Fast gewonnen zu haben, darf nicht mit einem Sieg verwechselt werden. So erging es zuletzt auch einigen „Berniekraten“, die versuchten, in Montana einen Kongresssitz, in Kalifornien die Parteiführung oder in Omaha das Bürgermeisteramt zu erobern. Nicht zu vergessen die Schlappe des Sanders-Kandidaten im Rennen um die Führung der Demokraten. 

Bernie schwört seine Anhänger auf einen langen Marsch ein. Wie lange? Sein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch „Un­se­re Re­vo­lu­ti­on: Wir brau­chen eine ge­rech­te Ge­sell­schaft“ gibt eine Antwort darauf. Es be­schreibt seinen unwahrscheinlichen Aufstieg als Kind jü­di­scher El­tern in Brooklyn zum Beinahe-Präsidentschaftskandidaten. Dazu gehören die Rückschläge als er im Bun­des­staat Ver­mont ver­such­te, in den Kon­gress ge­wählt zu wer­den. Aber auch die unerwarteten Erfolge, die ihn ­­­zum Bür­ger­meis­ter der Stadt Bur­ling­ton und schließlich Senator des Neuengland-Staats machten.  

Ob dieser Weg einmal im Weißen Haus endet? Der 75-jährige spricht nicht darüber, er organisiert. Wer den leidenschaftlich, zornigen Führer der US-Linken dieser Tage erlebt, ahnt, das Bernie Sanders den Glauben daran nicht aufgegeben hat. 

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