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Global Trends 2015 : Bericht des UNHCR: Pro Minute fliehen 24 Menschen weltweit

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Von Syrien bis zum Südsudan, von Burundi bis zur Ostukraine: Blutige Konflikte vertreiben immer mehr Menschen. Die UN beklagen einen neuen traurigen Rekord - und das Abnehmen der Hilfsbereitschaft.

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2016 | 08:22 Uhr

Genf | Mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht: Blutige Konflikte und brutale Verfolgung in etlichen Ländern haben mehr Kinder, Frauen und Männer als je zuvor aus ihren Heimatorten vertrieben. Jeder 113. Erdenbewohner sei davon inzwischen direkt betroffen, beklagt der Weltbericht 2015 des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Damit habe die Gesamtzahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen und Asylsuchenden „ein trauriges Rekordniveau“ erreicht, heißt es in der zum Weltflüchtlingstag am Montag vorgelegten Studie.

„Während im Jahr 2005 durchschnittlich sechs Menschen pro Minute entwurzelt wurden, sind es heute 24 pro Minute – das sind statistisch zwei Menschen pro Atemzug“, heißt es in dem UN-Bericht.

Foto: UNHCR
 

Zugleich hätten sich die Gefahren auf den Fluchtrouten vervielfacht, erklärte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. „Auf dem Meer verlieren erschreckend viele Menschen ihr Leben, der Landweg ist durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert und in manchen Ländern wird gegen Asyl politisch Stimmung gemacht.“

Zudem sinke die Bereitschaft von Staaten, sich der Flüchtlingskrise zu stellen und „im gemeinsamen Interesse der Menschlichkeit“ für deren Bewältigung zusammenzuarbeiten, bedauerte Grandi. „Dabei ist es genau dieser einende Geist, der so dringend gebraucht wird.“

Zum ersten Mal seit Bestehen des UNHCR sei durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen auf insgesamt 65,3 Millionen Menschen bis Ende 2015 die „60-Millionen-Marke“ überschritten worden. „Insgesamt ist die globale Zahl der Menschen auf der Flucht in etwa so groß wie die Einwohnerzahlen von Großbritannien, Frankreich oder Italien.“

Foto: UNHCR
 

21,3 Millionen Flüchtlinge hielten sich dem UN-Bericht zufolge Ende 2015 in fremden Ländern auf. 40,8 Millionen seien Vertriebene innerhalb ihrer Heimatstaaten. Weitere 3,2 Millionen warteten im Ausland auf Entscheidungen über ihre Asylanträge - der höchste bisher von UNHCR verzeichnete Stand.

Laut UNHCR ist etwa die Hälfte der Flüchtlinge jünger als 18 Jahre. Besonders beunruhigend sei die hohe Zahl an Kindern, die allein reisten oder von ihren Eltern getrennt waren. 98.400 Asylanträge seien von unbegleiteten Kindern gestellt worden. Die Bearbeitung von Asylanträgen sei aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen stark verzögert. Dabei wurden allein in Deutschland 441.900 Asylanträge und damit mehr als in jedem anderen Land der Welt gestellt.

„Das ist vor allem auf die Bereitschaft Deutschlands zurückzuführen, Flüchtlinge aufzunehmen, die 2015 über das Mittelmeer nach Europa kamen“, erklärte das UNHCR. Die USA hätten die zweithöchste Zahl von Asylanträgen verzeichnet (172.700). Viele Menschen, die dort Asyl beantragten, seien vor der Bandenkriminalität in Zentralamerika geflohen. Auch in Schweden (156.000) und Russland (152.500) seien vergleichsweise viele Asylanträge registriert worden. 

Das weltweit größte Aufnahmeland ist weiterhin die Türkei mit derzeit 2,5 Millionen Flüchtlingen. Insgesamt halten sich die weitaus meisten Flüchtlinge in Ländern außerhalb Europas auf: 86 Prozent der vom UNHCR betreuten Menschen haben in Staaten mit niedrigem bis mittlerem Einkommen Schutz gesucht. Dabei hat der Libanon mit 183 Flüchtlingen auf 1000 Einwohner im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl mehr Flüchtlinge aufgenommen als jeder andere Staat.

Seit Mitte der 1990er Jahre haben laut UNHCR Flucht und Vertreibung stetig zugenommen, jedoch seien die Zahlen in den vergangenen fünf Jahren „rasant nach oben geschnellt“. Zu den Hauptgründen gehört der Syrien-Krieg. Jedoch trieben auch etliche andere Konflikte Hunderttausende von Menschen in die Flucht, unter anderem im Südsudan, im Jemen, in Burundi, der Ukraine und der Zentralafrikanischen Republik.

Foto: UNHCR
 

Stimmen zum Weltflüchtlingstag

Kinderrechtsorganisation Save the Children

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children zeigt sich besorgt über die immer weiter ansteigende Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. In Serbien etwa habe sich ihre Anzahl im Monat Mai verfünffacht, sagte Goran Bilic, Leiter des humanitären Einsatzes der Organisation auf dem Balkan. Schuld daran seien Grenzschließungen, die zur Verschiebung der Fluchtrouten führten. Illegal reisende Familien würden zudem häufiger getrennt, die Kinder müssten dann alleine weiter fliehen. Sie würden Opfer von Gewalt und Ausbeutung, zum Beispiel in Form von Kinder- und Zwangsarbeit oder Entführungen.

Generalsekretär des Europarates

Der Generalsekretär des Europarates rief die europäischen Regierungen dazu auf, dem Schutz minderjähriger Migranten und Asylsuchender vor sexuellem Missbrauch oberste Priorität einzuräumen. „Im vergangenen Jahr sind allein in Europa 300.000 Kinder als Migranten und Asylsuchende angekommen, darunter viele unbegleitete“, sagte Thorbjørn Jagland in Straßburg. Diese Kinder müssten sichere Unterkünfte und gesetzliche Vertreter bekommen, um sie vor Missbrauch zu schützen. „Geflüchtete Kinder schweben in großer Gefahr, sexuell ausgebeutet und missbraucht zu werden und aus den Händen der Schleuser in jene der Menschenhändler zu geraten. Dadurch wird das Trauma, das viele von ihnen erlitten haben, noch verstärkt.“

Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen

Traumatische Fluchterlebnisse belasten oftmals den neuen Alltag der Migranten. Der Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen, Erzbischof Stefan Heße, mahnt: „2015 zählte das Bundeskriminalamt über 1000 Übergriffe auf Asylbewerberunterkünfte. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass schutzsuchende Menschen inmitten unseres Landes bedroht und angegriffen werden!“ Dagegen stehe das ungebrochene Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer. Allein in katholischen Kirchengemeinden setzten sich über 100.000 Ehrenamtliche für Flüchtlinge und Asylbewerber ein.

Hilfsorganisation Misereor

Die Hilfsorganisation Misereor wirbt für ein positives Bild der Migration vor allem in Afrika: Die freie Zirkulation von Menschen wie Waren sei über Jahrhunderte ökonomisch, sozial und kulturell konstitutiv für viele Regionen Afrikas gewesen, erläuterte Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Inzwischen sorge aber Druck aus Brüssel und Europa dafür, dass die bislang offenen Reisemöglichkeiten eingeschränkt würden. Ausgewählte Länder sollten sich verpflichten, Migrationswillige in ihren eigenen Landesgrenzen zurückzuhalten und Rückkehrpflichtige aus Europa zurückzunehmen - dabei könnten aber „Menschenrechte und der Schutz von Migranten auf der Strecke bleiben“, warnte Bröckelmann-Simon

Kinderhilfsorganisation World Vision

Die Kinderhilfsorganisation World Vision warnte vor neuen Flüchtlingsströmen, wenn das weltweit größte Flüchtlingslager Dadaab in Osten Kenias wie geplant im Herbst aufgelöst wird. Die Umsiedlung müsse mit nachhaltigen Hilfen und guten Schutzmaßnahmen verbunden werden. „Die kenianische Regierung steht ähnlich wie die Länder im Nahen Osten, die auf die Syrienkrise reagieren müssen, vor der Herausforderung, die Bedürfnisse von Hunderttausenden Menschen zu decken“, erklärte World Vision Regionaldirektorin Margaret Schuler.

„Aktion Deutschland Hilft“

Die „Aktion Deutschland Hilft“ will mit einer Online-Kampagne den Blick auf die Werte der Mitmenschlichkeit schärfen: „Partnerschaft, Toleranz und Solidarität müssen wieder zu festen Bestandteilen des täglichen Lebens werden. Unter dem Hashtag #TeileUnsereWerte kann sich jeder an einem Austausch über diese Grundwerte beteiligen“, sagte Geschäftsführerin Manuela Roßbach. In Videostatements erzählen Flüchtlinge, Helfer und Unterstützer, was Solidarität, Toleranz und Partnerschaft für sie bedeuten. Auch Ex-Bundespräsident Horst Köhler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier melden sich zu Wort.

 
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