Bei Hempels unterm Sofa

shz.de von
07. November 2013, 00:31 Uhr

Sucht jemand etwas auf dem Dachboden und findet einen echten Picasso. Oder kauft jemand auf dem Flohmarkt einen Teppich, der aus der Ming-Zeit stammt. Oder reißt jemand ein Haus ab und stößt im Fundament auf einen Münzschatz. Mit derartigen Geschichten lockt künftig niemand einen Leser hinter dem Ofen hervor. Wer noch mit Kunstfunden von sich reden machen will, muss schon im Depot seines Heimatmuseums das Bernsteinzimmer entdecken oder im Stadtarchiv Cäsars echte Tagebücher.

Wohin man blickt, von überall werden sensationelle Rekorde gemeldet. Jetzt also auch beim „Ausgraben“ von Bildschätzen. Wo haben die Suchmannschaften nicht überall nach Nazi-Raubkunst gefahndet. Auf dem Grund von Seen, in Höhlen, in versunkenen Schiffen. Ausgerüstet mit modernster Suchtechnik sind sie durch halbverschüttete Bergwerke gekrabbelt, haben zerfallene Führerbunker durchkämmt. Rentner-Wohnungen im dritten Stock wurden bisher außer Acht gelassen, was sich als unverzeihlicher Fehler erwiesen hat.

Es gibt eine spannende Sherlock-Holmes-Geschichte: Ein für Krieg und Frieden entscheidendes hochgeheimes Dokument ist verschwunden. Alle Betroffenen suchen es vergebens in allen nur denkbaren Verstecken. Bis der Meisterdetektiv eingeschaltet wird und das wertvolle Stück findet: Dort, wo es niemand vermutete: Als oberstes Blatt auf einem Papierstapel. Hat eigentlich schon mal jemand bei Hempels unterm Sofa nachgesehen?

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