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Besuch bei Raúl Castro : Barack Obama in Kuba: Castros rote Linien und eine ominöse Liste

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Was bringt der Besuch von US-Präsident Obama in Kuba? Die Menschen wollen ein besseres, freies Leben. Doch Staatschef Raúl Castro will das Land nicht vom Kapitalismus überollen lassen.

Havanna | Raúl Castro ist unsicher, so eine Pressekonferenz ist er nicht gewohnt. Er schaut fragend zu US-Präsident Barack Obama: Wer fängt an? Er. Dann referiert Kubas Staatschef einige sozialistische Errungenschaften - und sagt an Obamas Adresse einen klaren Satz: „Alles was sich ändern sollte, ist exklusive Sache der Kubaner.“  Obama beeilt sich zu sagen: „Die Zukunft der Kubaner wird von den Kubanern entschieden, von niemandem sonst.“ Aber er betont auch: „Amerika glaubt an die Demokratie“, dazu gehöre Meinungsfreiheit.

Erstmals seit 1928 ist ein US-Präsident wieder in Kuba. Barack Obama will Raúl Castro zu einer weiteren Öffnung des sozialistischen Landes bewegen. 

Bemerkenswert ist Castros Disput mit einem US-Journalisten, der ihn nach politischen Gefangenen fragt. „Geben Sie mir die Liste“, sagt er, gestikulierend mit den Händen. Bekomme er so eine Liste, werde er sofort alle freilassen. Es gebe aber keine politischen Gefangenen.

Elizardo Sánchez, Sprecher der verbotenen aber tolerierten kubanischen Kommission für Menschenrechte, könnte so eine Liste sofort liefern. „In diesem Moment haben wir mindestens 80 Namen“, sagt er. Viele Gefangene sind einfach wegen anderer vorgeblicher Vergehen wie Spionage oder Vaterlandsverrat zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Und so schnell wird Castro die Geister nicht mehr los. Die Cuban American National Foundation (CANF) fertigt schnell auch eine Liste an, sie kommt auf 47 Namen. Aufgelistet mit Namen, Haftdauer und Gefängnis. „Wir haben die Erwartung, dass diese politischen Gefangenen, ohne Auflagen sofort freigelassen werden.“

Auch wenn Obama auf spanisch vom „día nuevo“, einem neuen Tag spricht - und Castro betont, man dürfe Menschenrechte bitte nicht politisieren. Die Begegnung auf der Weltbühne (1500 Journalisten sind in Havanna akkreditiert) zeigt massive Differenzen, die auch alles Tauwetter nicht beiseite wischen kann. Als Castro am Ende Obamas Arm packt und zu einem gemeinsamen Gruß nach oben ziehen will, lässt Obama ihn schlapp herunterhängen - bloß keine komischen Verbrüderungsbilder.

Was bedeutet der Besuch für die Menschen?

Die Kubaner wollen ein Foto vom US-Präsidenten.
Die Kubaner wollen ein Foto vom US-Präsidenten. Foto: dpa
 

Viele interessiert jetzt schon mehr das riesige, kostenlose Rolling-Stones-Konzernt in der Ciudad Deportiva, ausgerechnet am Karfreitag. Dass für die vielen Dissidenten kein rascher Wandel kommt, zeigen dutzende Festnahmen. Ein bekannter Ort in Havanna ist das Coppelia, eine der größten Eisdielen Lateinamerikas, von Revolutionsführer Fidel Castro initiiert, jeden Tage mehrere tausend Gäste und lange Schlangen.

Ernesto (28) arbeitet hier als Sicherheitsmann, damit sich keiner vordrängelt. Sein größter Wunsch? „Mehr Geld, ich habe einen Monatslohn von 10 CUC.“ Sind umgerechnet genau 10 US-Dollar. Klar die Wohnung sei ihm umsonst zugeteilt worden, es gebe viele staatliche Subventionen. „Aber ich würde gerne mal was anderes sehen, mal eine Reise unternehmen.“ Wohin? „Die USA wären schön.“ Und ein bisschen im Internet surfen. Es gibt zwar eine wachsende Zahl an Hotspots. Gerade abends sind das besondere Bilder. Jugendliche, die auf den Mauern vor solchen Internet-Hotspots sitzen, die Gesichter von den Displays der Laptops und Smartphones beschienen. Aber nur die wenigsten haben hier Zugang. „Die Stunde kostet 2 CUC, unbezahlbar für mich“, so Ernesto.

Das wird wohl der nachhaltigste Effekt: Die Öffnung geht weiter, Kuba steht mehr unter Beobachtung, das erhöht den Druck für Reformen mehr als eine Isolation, so lautet Obamas Theorie. Castro will in sein Karibik-Paradies mit integriertem Freilichtmuseum (Oldtimer en masse, morbider Altbaucharme, Revolutionsromantik) deutlich mehr Touristen locken. Kuba ist ein sehr teures Reiseland, Kubaner zahlen in Pesos, die Ausländer zahlen in CUC (Peso Cubano Convertible), das ist 25 Mal so viel. Sie finanzieren die Revolution. Über drei Millionen kamen 2015.

Die Logik, mehr Touristen = mehr Einnahmen für Castros Staat. Und - so hoffen es die Bürger - mehr Jobs im Tourismussektor, wo ein Trinkgeld schon mal einen Monatslohn von 10 CUC ausmachen kann. Der Privatzimmervermittler Airbnb darf vom 2. April an Zimmer auf Kuba an Reisende aus aller Welt vermitteln - es gibt schon 4000 solcher Unterkünfte. Das stärkt die steigende Zahl kleiner Privatunternehmer.

Einen McDonalds wird es so schnell nicht geben

 

Obama tritt auch bei einem Wirtschaftsforum auf. Und er zählt neue Initiativen auf, etwa Direktflüge von American Airlines auf die Insel noch in diesem Jahr. „Kubas Wirtschaft beginnt sich zu ändern.“ Er habe mit seiner Familie in einem der sehr guten Privatrestaurants (Paladar) gespeist. „Das Essen war wirklich gut“, berichtet er.

Aber: Jeder darf in Kuba offiziell nur einen Paladar betreiben. Wie wird es die kommunistische Partei schaffen, die Zügel in der Hand zu halten? Eines ist klar, allein schon wegen der Regelung, dass sich keine Ketten bilden dürfen: Einen McDonalds, für viele Sinnbild des Kapitalismus, wird es in Havanna sicher nicht so schnell geben.

Castro würde sein Land gerne modernisieren, Geschäfte mit Rohstoffen und Medizin-Know-How stärken, aber das Handelsembargo des potenziell wichtigsten Partners USA wird vorerst nicht komplett fallen, wegen der Blockade im US-Kongress. Und ob die Entspannung weitergeht, hängt sowieso vom nächsten US-Präsidenten ab. In der Pressekonferenz wird er gefragt, ob ihm Hillary Clinton oder Donald Trump lieber sei. Da muss er schmunzeln: „Ich kann nicht in den Vereinigten Staaten wählen“.

Obama setzt seinen Besuch am Dienstag fort. Er wird zum Abschluss eine Rede halten, die im Staatsfernsehen übertragen wird.

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erstellt am 22.Mär.2016 | 07:18 Uhr

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