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Während Länderspiel Frankreich-Deutschland : Ausnahmezustand in Paris: Mindestens 120 Tote bei mehreren Anschlägen

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Paris im Schockzustand, Frankreich im Ausnahmezustand: Schwere Attentate während des Fußballspiels Frankreich-Deutschland.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2015 | 02:29 Uhr

Paris | Bei einer beispiellosen Terrorserie in Paris mit mehreren fast zeitgleichen Anschlägen sind mindestens 127 Menschen getötet worden. Mehr als 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Attentäter schossen am Freitagabend an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle „Bataclan“ richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand.

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen „terroristischer Gefahr“ und „Risiken für die öffentliche Ordnung“ hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz am 30. November die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen.

Frankreich befindet sich damit erneut in einem Schockzustand. Die Zeitung „Le Figaro“ titelte: „Krieg mitten in Paris“. Erst vor zehn Monaten hatte ein brutaler Überfall von islamistischen Terroristen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt das Land erschüttert.

Präsident François Hollande rief in einer Fernsehsprache an die Nation den Ausnahmezustand aus. Zugleich sagte er dem Terrorismus „erbarmungslosen“ Kampf an. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt. Entgegen ersten Ankündigungen blieben die Grenzen aber geöffnet.

Die genauen Hintergründe der Angriffe waren auch nach Stunden noch unklar. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Terrorismus ein. Befürchtet wurde, dass sich Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß befinden könnten. Nach Polizeiangaben starben mindestens sieben Angreifer. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine minutiös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf das „Bataclan“ soll einer der Männer „Allah ist groß“ gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten. Der Mann habe gerufen: „Das ist die Schuld von Hollande. Das ist die Schuld Eures Präsidenten. Er hätte nicht in Syrien eingreifen dürfen.“ Von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat wurde die Attacken im Internet gefeiert.

Nach bisherigen Erkenntnissen begannen die Anschläge kurz nach 21 Uhr an sechs verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt. Ziele waren neben dem Konzertsaal im 10. Arrondissement auch drei Cafés und Restaurants in der Nähe. Im Café „Le Carillon“ gab es mindestens 14 Tote, im Café „La Belle Équipe“ mindestens 18 Tote. Wegen der vergleichsweise milden Temperaturen saßen zu Beginn des Wochenendes in Paris noch sehr viele Menschen draußen.

Das schlimmste Bild bot sich im „Bataclan“, einer der bekanntesten Konzerthallen von Paris. Allein dort starben mindestens 80 Menschen. Nach Augenzeugenberichten waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo gerade die US-Rockband „Eagles of Death Metal“ auftrat. Mit Maschinengewehren schossen sie mehr als 10 Minuten wild um sich. Der Boden war anschließend übersät mit Leichen.

Vielen der fast 1500 Zuschauer gelang die Flucht. Einer von ihnen, Julien Pearce, berichtete anschließend: „Das hat 10, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen. Sie waren nicht maskiert. Sie traten sehr beherrscht auf. Sie waren sehr jung.“ Nach Angaben der Polizei töteten sich drei der Angreifer dann selbst, indem sie ihre Sprengstoffgürtel zündeten. Ein vierter sei von der Polizei getötet worden.

Übersicht über die Anschlagsorte in Paris.
Übersicht über die Anschlagsorte in Paris.
 

Die Gegend rund um das „Bataclan“ wurde weiträumig abgeriegelt. Sie gehört zu den beliebtesten Ausgehvierteln der französischen Hauptstadt. Die Redaktion von „Charlie Hebdo“, die im Januar von Terroristen überfallen worden war, ist nur wenige Straßenzüge entfernt. Noch in der Nacht eilten Hollande und Regierungschef Manuel Valls an den Tatort.

Die Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident dann aus dem Stadion gebracht.

Steinmeier versicherte: „Wir stehen an der Seite Frankreichs.“ Er sei erschüttert über die Ereignisse, twitterte das Auswärtige Amt am Freitagabend.

In der Nähe des Stadions starben nach offiziellen Angaben auch drei Angreifer. Hollande wandte sich noch während der Anschläge übers Fernsehen an seine Landsleute. In einer Rede an die Nation sagte er: „Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren. Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird.“ Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurde das Militär verstärkt. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Die Polizei appellierte an die Bevölkerung: „Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten.“

Die Anschlagsserie löste weltweit Entsetzen aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck äußerten ihre tiefe Erschütterung. Merkel sagte am frühen Samstagmorgen auf ihrer Website bundeskanzerin.de: „Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern der offensichtlich terroristischen Angriffe, ihren Angehörigen sowie allen Menschen in Paris.“

Kanzlerin Merkel sagte dem Nachbarn „jedwede Unterstützung“ zu. Merkel will bei einem Krisentreffen über Konsequenzen beraten. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ist die Sitzung für 13 Uhr im Kanzleramt angesetzt. Daran sollen unter anderem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier (CDU), und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) teilnehmen.

Merkel sagte am Samstagmorgen in Berlin in Richtung der Opfer und ihrer Angehörigen: „Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah.“ Dieser Angriff auf die Freiheit „meint uns alle“. Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen.„Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.“ Sie stehe im engen Kontakt mit der Regierung in Paris, so Merkel. Das Auswärtige Amt hatte am Morgen noch keine Gewissheit, ob unter den Opfern der Terroranschläge von Paris auch deutsche Opfer sind.

US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als „abscheulichen Versuch“, die Welt zu terrorisieren. „Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.“ Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, sprach ebenfalls von „abscheulichen Terrorakten“.

DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball sagte gegenüber der ARD, dass an einem solchen Tag der Sport in den Hintergrund tritt. „Wir sind alle erschüttert und schockiert“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach der 0:2-Niederlage der DFB-Elf. „Für mich tritt der Sport oder die Gegentore in den Hintergrund.“ Teammanager Oliver Bierhoff sprach von „großer Unsicherheit, großer Angst und großer Betroffenheit“ auch in der deutschen Kabine.

Bereits am Nachmittag musste das Teamhotel der Deutschen Nationalmannschaft nach einer Bombendrohung geräumt werden. Ein Sprengsatz wurde nicht gefunden.

Mit Trauer und Anteilnahme haben viele Berliner in der Nacht zum Samstag auf die Terroranschläge reagiert. Die Polizei verstärkte ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt und fuhr mit Streifenwagen vor bekannten französischen Einrichtungen vor. „Bis jetzt gab es keine Einsätze, die mit den Ereignissen in Paris zu tun haben“, sagte ein Sprecher der Polizei am frühen Samstagmorgen.

Trauernde legten vor der französischen Botschaft in Berlin Blumen nieder.

Trauernde legten vor der französischen Botschaft in Berlin Blumen nieder.

Foto: dpa
 

Dutzende Trauernde kamen vor der französischen Botschaft am Pariser Platz zusammen. „Eine deutsch-französische Familie legte vor dem Gebäude Blumen nieder und zündete eine Kerze an“, berichtete ein dpa-Reporter. Polizisten sprachen die Familie an und baten die Trauernden, den Umkreis der Botschaft zu verlassen. Dann hätten die Polizisten Zäune aufgebaut. Die Menschen gingen mit ihren Blumen auf den Pariser Platz.

Hintergrund: Anschläge bei großen Sportereignissen

April 2013

Bei einem Terroranschlag auf den Traditions-Marathon der US-Küstenstadt Boston werden drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Im Zielbereich explodieren zwei Sprengsätze. Vier Tage später kommt es zu einer Verfolgungsjagd auf die mutmaßlichen Bombenleger, zwei in den USA lebende Brüder tschetschenischer Abstammung. Nach tödlichen Schüssen auf einen Wachmann wird Tamerlan Zarnajew von der Polizei getötet, sein Bruder Dschochar später schwer verletzt in einem Versteck gefunden. Er wird im Mai 2015 zum Tode verurteilt. Sein Verteidiger legt Revision ein.

Januar 2010

Bei einem Anschlag auf den Bus der Fußball-Nationalmannschaft von Togo während des Afrika-Cups in Angola töten Rebellen drei Menschen. Sieben weitere werden zum Teil schwer verletzt.

Juli 1996

Die Olympischen Spiele in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) werden von einem Bombenanschlag im Centennial Olympic Park überschattet. Bei der Explosion einer mit Nägeln gefüllten Rohrbombe werden eine Frau getötet und mehr als 100 Menschen verletzt. Der Attentäter Eric Robert Rudolph wird 2003 gefasst und 2005 auch wegen anderer Anschläge zu viermal lebenslanger Haft verurteilt.

Juni 1996

Bei einem Autobombenanschlag der nordirischen Untergrundorganisation IRA im britischen Manchester werden während der Fußball-Europameisterschaft mehr als 200 Menschen verletzt.

September 1972

Bei den Olympischen Spielen in München nehmen palästinensische Terroristen im olympischen Dorf elf israelische Sportler als Geiseln. Dabei und bei einem gescheiterten Befreiungsversuch werden alle Israelis, fünf Geiselnehmer und ein deutscher Polizist getötet.

 
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