Auf’s Maul geschaut

shz.de von
02. Februar 2014, 13:07 Uhr

Man trinkt light, raucht light, isst light. Und auch die leichte Sprache ist auf dem Vormarsch. Zunächst war sie gedacht für Menschen, denen Lesen und Schreiben Schwierigkeiten bereiten. Inzwischen hat sich der Kundenkreis erheblich vergrößert und zunehmend mehr Anbieter, von den Parteien bis zu den Kommunen, haben erkannt, wie sie ihre Botschaften am besten unters Volk bringen, nämlich in dem sie Martin Luthers Rat befolgen und den Leuten „aufs Maul schauen“. Mehr als 80 Zentren für leichte Sprachen gibt es bereits, der Deutschlandfunk bietet mit der Fachhochschule Köln ein Webportal mit verständlichen Nachrichten, im Internet findet man von Wortmüll getrennte Übersetzungen der Bibel, sogar Literatur ist im Angebot. Der neue Trend, der mit der allgegenwärtig festzustellenden Leichtigkeit des Seins übereinstimmt, stößt auf viel Zustimmung und ebenso viel Ablehnung. Etwa von Berufs- und Interessengruppen, die sich sprachlich gerne abschotten. Die Soziologen zum Beispiel legen Wert darauf, mit ihren schriftlichen und mündlichen Äußerungen möglichst nur von Ihresgleichen verstanden zu werden. Einfache Sätze mit verständlichen Worten empfinden sie als Eingriff in die sprachliche Intimsphäre. Nicht begeistert von einer bis aufs Skelett abgemagerten Satzstruktur sind aber auch die Leser der schönen Literatur. Weder Ironie noch Satire, keine Botschaft zwischen den Zeilen, nur noch schlichte Metaphern. Geht doch gar nicht, klagen sie zu Recht. Vielleicht bilden sich bald Bürgerinitiativen zur Rettung des Adjektivs, des Konjunktivs und des Nebensatzes.

zur Startseite

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert