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Mord an russischem Botschafter in Ankara : Attentäter soll auch Veranstaltungen von Recep Tayyip Erdogan bewacht haben

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Der Leichnam des russischen Botschafters wird in Moskau aufgebahrt. Putin verlieh ihm den Ehrentitel „Held Russlands“.

Ankara/Moskau | Der Attentäter, der den russischen Botschafter Andrej Karlow am Montag vor laufender Kamera erschoss, soll von Mitte Juli an als Polizist bei acht Veranstaltungen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Ankara eingesetzt gewesen sein. Das berichtete die türkische Zeitung „Hürriyet“ am Mittwoch. Der 22-Jährige habe aber nicht zu dem Sicherheitspersonal gehört, das unmittelbar für den Schutz des Staatschefs verantwortlich gewesen sei. Er wurde bei dem Attentat von Spezialkräften getötet. Seinen Namen gab das türkische Innenministerium mit Mevlüt Mert Altintas an.

Der Leichnam des getöten Diplomaten wurde am Donnerstag im russischen Außenministerium in Moskau aufgebahrt. Langjährige Arbeitskollegen legten Blumen am Sarg nieder, berichtete das Staatsfernsehen. Eine Ehrenwache des Militärs stand Spalier. Im Foyer des Ministeriums wurde an einer Gedenktafel für Diplomaten, die im Dienst ums Leben kamen, Karlows Name eingraviert.

<p>Der russische Botschafter Andrej Karlow wurde am 19. Dezember in Ankara getötet.</p>

Der russische Botschafter Andrej Karlow wurde am 19. Dezember in Ankara getötet.

Foto: dpa
 

Der russische Menschenrechtsbeauftragte Konstantin Dolgow nannte Karlows Tod einen schweren Verlust. „Für diesen Terrorakt gibt es keine Rechtfertigung. Alle Schuldigen der Tat müssen streng bestraft werden“, sagte Dolgow. Der russische Präsident Wladimir Putin verlieh Karlow posthum den Ehrentitel „Held Russlands“. Putin will an diesem Donnerstag in Moskau auch an den Trauerfeiern für den ermordeten Botschafter teilnehmen. Er verschob deswegen seine Jahrespressekonferenz auf Freitag.

Erdogan sieht Gülen-Bewegung hinter dem Attentat

Erdogan verdächtigt die Gülen-Bewegung, für den Mord am russischen Botschafter in Ankara verantwortlich zu sein. Erdogan sagte am Mittwochabend in Ankara, alles deute darauf hin, dass der getötete Attentäter „Mitglied der Fetö-Terrororganisation“ gewesen sei: „Angefangen von dem Ort, an dem er ausgebildet wurde, bis hin zu seinen Verbindungen“. Er fügte hinzu: „Es gibt keinen Grund, das zu verheimlichen.“

Der Kreml hält türkische Schuldzuweisungen nach der Ermordung Karlows dagegen für verfrüht. „Moskau ist der Ansicht, dass erst die Resultate der Ermittlergruppe vorliegen sollten“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben der Agentur Tass am Mittwoch in Moskau.

Fetö ist die amtliche türkische Bezeichnung für die Bewegung des in den USA lebenden sunnitischen Predigers Fethullah Gülen, die in der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird. Die Regierung hält Gülen auch für den Drahtzieher des Putschversuches in der Türkei Mitte Juli und fordert von den USA dessen Auslieferung. Gülen verurteilte das Attentat auf Karlow am Mittwoch scharf. Er dementiert außerdem regelmäßig, Drahtzieher des Putschversuches gewesen zu sein.

Erdogan sagte mit Blick auf die Gülen-Bewegung: „Ich muss ganz offen und klar sagen: So, wie es innerhalb unserer Streitkräfte diese schmutzige Organisation immer noch gibt, gibt es sie leider auch innerhalb unserer Polizei. Deren Säuberung dauert natürlich an und wird auch fortgesetzt.“ Er fügte hinzu: „Es gibt auch Hinweise darauf, was die Verbindungen dieser Person ins Ausland betrifft.“

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu hatte berichtet, der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu habe seinen US-Kollegen John Kerry informiert, dass die Gülen-Bewegung für den Mord verantwortlich sei. Das wüssten „sowohl die Türkei als auch Russland“.

Kremlsprecher Peskow sagte, er rechne damit, dass die gemeinsame Ermittlergruppe die Drahtzieher der Ermordung Karlows früher oder später finden werde. Das von Russland nach Ankara entsandte Expertenteam nahm unterdessen seine Ermittlungen zum Attentat auf.

Die 18 Experten aus Russland seien in Ankara mit Polizisten aus dem Bereich der Terrorismusbekämpfung zusammengetroffen, berichtete Anadolu. 120 Mitarbeiter der Polizei in Ankara seien abgeordnet worden, um mit dem russischen Team zusammenzuarbeiten.

Anadolu berichtete am Mittwoch, im Zusammenhang mit dem Mord seien zwölf Verdächtige in Gewahrsam. Darunter waren auch sechs Familienmitglieder des Attentäters. Sie kamen am Donnerstag wieder frei. Die Mutter, der Vater, die Schwester und drei weitere Verwandte seien nach ihrer Aussage bei der Polizei aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Nach Angaben des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan deuten alle Hinweise darauf hin, dass der getötete Attentäter der Gülen-Bewegung angehört hat. Erdogan macht die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen auch für den Putschversuch in der Türkei Mitte Juli verantwortlich.

Seit dem Putschversuch sind in der Türkei nach offiziellen Angaben mehr als 40.000 Verdächtige in Untersuchungshaft genommen worden, denen Gülen-Verbindungen vorgeworfen werden. Das Bildungsministerium suspendierte am Mittwoch wegen Gülen-Verdachts weitere knapp 2000 Mitarbeiter vom Dienst, darunter auch Lehrer.

In der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale war am Donnersmittag eine Trauerfeier geplant, zu der auch Präsident Wladimir Putin und Außenminister Sergej Lawrow erwartet wurden. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, zelebriert einen Gottesdienst. Anschließend sollte der Diplomat auf einem Friedhof der russischen Hauptstadt mit militärischen Ehren beigesetzt werden.

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erstellt am 22.Dez.2016 | 11:13 Uhr

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