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Flüchtlinge : Asyl in Sonderburg: „Nur kaltes Wasser“ im Wohlfahrtsstaat Dänemark

vom

Kopenhagen versucht vieles, um die Flüchtlingszahlen sinken zu lassen. Doch für Geflohene ist nicht alles faul im Staate Dänemark. Ein Besuch im Grenzland.

shz.de von
erstellt am 20.Mär.2016 | 10:35 Uhr

Sonderburg | Hozan Othman, 29, lebt seit November im Flüchtlingslager in einer früheren Kaserne in Sonderburg. „Wenn man in Syrien zum Militär muss, tötest entweder Du, oder Du wirst getötet“, sagt Othman. Zuletzt studierte er in Damaskus Englisch, wollte Dolmetscher werden und stand, wie er sagt, ein Jahr vor dem Abschluss. Doch der Krieg wurde schlimmer, alle Männer zwischen 18 und 40 wurden einberufen. Othman ergriff die Flucht. Ziel: Dänemark.

Dabei setzt die rechtsliberale Minderheitsregierung in der Asylpolitik auf Abschreckung: Bereits im September wollten zahlreiche Flüchtlinge lieber weiter nach Schweden und marschierten zu Fuß über die Autobahn. Und mit der jüngsten, im Januar beschlossenen Asylrechtsverschärfung darf Migranten an der Grenze nun auch Bargeld abgenommen werden. Zunächst sollte auch Schmuck beschlagnahmt werden können, was selbst Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon kritisiert hatte.

Hintergrund: Sinkende Flüchtlingszahlen in Dänemark

In Dänemark hat sich die Zahl neu ankommender Flüchtlinge stark reduziert. Nach Angaben des Integrationsministeriums sank die Zahl von 640 in der ersten Woche 2016 auf derzeit wöchentlich noch rund 100 bis 200 Menschen. Womit der Rückgang der Flüchtlingszahlen genau zusammenhängt, ist unklar.

Im Januar hatte das Land stichprobenartige Grenzkontrollen an den Übergängen zu Deutschland eingeführt, Ende Januar verschärfte die Regierung mit breiter Mehrheit auch von den Sozialdemokraten nochmals das Asylrecht.

Die Dänische Volkspartei hatte vor dem EU-Gipfel eine vollständige Schließung der Grenzen zu Deutschland gefordert. Eine diplomatische Krise mit Deutschland befürchtet die Partei, die einen entsprechenden Antrag noch vor Ostern im Folketing stellen will, dadurch nicht: „Bevor wir die vorübergehenden Grenzkontrollen eingeführt hatten, hieß es doch auch, dass es den Beziehungen zu Deutschland schaden würde. Aber das haben wir seither ja nicht gesehen“, sagte Kristian Thulesen Dahl, Vorsitzender der für die rechtsliberale Minderheitsregierung wichtigen Stützpartei der Zeitung „Berlingske Tidene“. Stattdessen solle das Land überhaupt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, die über Deutschland nach Dänemark einreisten.

Als besonders einschneidend gilt jedoch der Grundsatz, wonach Flüchtlinge ihre Familien meist erst nach drei statt bisher einem Jahr nachholen dürfen. Inzwischen hat aber auch Deutschland mit dem Asylpaket II eine ähnliche Zwei-Jahres-Regel auf den Weg gebracht.

Wie ein Bollwerk thront auch die ehemalige deutsche Kaserne am Alsensund auf einem Hügel über der Stadt. Die einst vom deutschen Kaiserreich gebaute Anlage bietet jenseits der Grenze heute rund 650 Syrern und staatenlosen Palästinensern Schutz. Und von der Politik ließ sich auch Othman nicht abschrecken: „Ich habe von Verwandten aus Aalborg gehört, dass es sehr gut ist, hier zu leben, sie fühlen sich nicht wie Immigranten“, sagt er. Gemeinsam mit den Dänen wolle er in Frieden leben, doch seine Gedanken sind auch oft in Syrien. „Ich habe eine kleine Tochter und will, dass sie in Dänemark aufwächst“, erzählt er. Wie die Chancen dafür sind? „Es gibt dieses neue Gesetz, es hängt von meiner Aufenthaltserlaubnis ab“, erklärt er. In ganz Europa gebe es so viele neue Regeln. „Ich weiß nicht, was passiert“, sagt er - auch sein Asylverfahren läuft noch.Hozan Othman war zunächst in die Türkei geflohen, wie er erzählt.

Dort sei er von Soldaten geschlagen worden. Später sei er per Boot nach Griechenland übergesetzt und kam über die Balkanroute. Der Zug habe ihn bis Kopenhagen gebracht. Geld habe ihm die Polizei dort nicht abgenommen. Und auch insgesamt, teilte die dänische Polizei mit, habe es, seit das neue symbolträchtige Gesetz gilt, noch keinen Fall gegeben, in dem Geld oder Wertsachen beschlagnahmt wurden.

In Sonderburg paukt Othman zusammen mit den anderen Flüchtlingen Dänisch, im Dachgeschoss unterrichten Lehrer sie mehrere Stunden täglich. „Lidt“, also „ein wenig“ könne er schon, sagt er. Im Heim dolmetscht er an der Rezeption, spielt manchmal Fußball, leiht sich Bücher in der Bibliothek. Im Heim betreiben Ehrenamtliche ein Café, eine Kleiderkammer, ihr Essen kochen Othman und die anderen selbst, sie schlafen in Mehrbettzimmern. „Die Menschen sind freundlich und hier lächeln immer alle“, sagt Othman. Er fühle sich wohl. Es gibt Kooperationen mit Musik- und Sportschulen, mit der Rot-Kreuz-Jugend. „Wir fühlen uns willkommen in Sonderburg“, sagt auch Heimleiterin Gitte Thørring. Hier, so scheint es, funktioniert Wohlfahrtsstaat.

Die vier Zeltlager, welche die Regierung seit Herbst errichten ließ, vermitteln zumindest ein anderes Bild. Eines der Lager, mit gut 400 Plätzen, befindet sich am Stadtrand von Hadersleben. Bohlen verbinden die beheizten Gruppenzelte, die der Katastrophenschutz neben seinen Gebäuden aufgestellt hat. In der Kälte stehen Dutzende Männer vor einem Büro-Container am Eingang Schlange. Es ist Freitag und es gibt Taschengeld. Alle zwei Wochen, je nach Asylstatus, zwischen 800 und 1100 Kronen (umgerechnet zwischen 100 und 150 Euro), wie es vom Betreiber heißt. Nicht viel in einem Land, in dem die Lebenshaltung laut Statistischem Bundesamt knapp 40 Prozent mehr kostet als in Deutschland. Auch Hozan Othman muss mit dieser Summe auskommen. „Nur kaltes Wasser“, ärgert sich ein Mann, als er in Hadersleben mit einem Fahrrad aufs Gelände fährt. Einige der 60 Flüchtlinge, die aus dem Registrierungszentrum Helsingør nach Hadersleben verlegt wurden, hatten zuletzt gegen diese Art der Unterbringung demonstriert. Manche übernachteten aus Protest auf der Landstraße vor dem Camp.

Die dänische Ausländerbehörde spricht von einer „Notlösung“, ohne die nicht genug Plätze bereitgehalten werden könnten. „Die Verwaltung kann nicht ausschließen, dass zukünftig Bedarf für weitere Zeltlager oder andere Notlösungen entsteht“, teilte sie mit. Dabei gibt es gerade im ländlichen und dünn besiedelten Jütland, in dem drei der vier Zeltlager liegen, Immobilienangeboten zufolge zahlreiche leerstehende Häuser. Auch kann die Regierung mit einem neuen Gesetz öffentliche Gebäude einfacher nutzen oder das Baurecht ändern.

Falls also System dahinter steckt, scheint es zu wirken: Die Anzahl neuer Flüchtlinge ist in Dänemark stark zurückgegangen. Nach Angaben des Integrationsministeriums beantragen täglich derzeit etwa nur noch 10 bis 20 Menschen in dem Land Asyl, die Einführung der Grenzkontrollen Anfang Januar dürfte dazu ebenfalls beigetragen haben. 2015 waren es insgesamt gar weniger als 20 000, in Schleswig-Holstein, bei etwa halb so vielen Einwohnern, rund 35 000.

Immerhin: Anders als in den festen der insgesamt 93 dänischen Unterkünfte, in denen auch Familien leben, schlafen in den Zelten laut Ausländerbehörde fast nur Männer.

Dauerhaft aufhalten, findet Othman, könnten Kontrollen Flüchtlinge nicht: „Die Menschen haben keine Wahl, besonders die Syrer nicht. Man verlässt nicht grundlos seine Familie oder geht Tage lang aufs Meer“, sagt er, äußert aber auch Verständnis: „Manchmal muss der Staat strikt sein, denn es queren auch kriminelle Menschen die Grenze.“ Inzwischen, beobachtet Heimleiterin Thørring, kommen jedenfalls immer mehr Familien. Allein in Sonderburg machen sie mittlerweile geschätzt ein Drittel aus, während es anfangs fast nur Männer waren. Auch Hozan Othman wartet auf eine Lösung für seine Familie: „Es ist schwer, wenn man eine kleine Tochter hat und sie nicht gehen oder lächeln sehen kann.“

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