Fast wie Sarkozy und Gaddafi? Scholz und der Scheich

Eine Kolumne von Tobias Schmidt | 21.05.2022, 12:00 Uhr

Wir brauchen Gas. Aber müssen dafür gleich Kanzler und Bundespräsident dem Emir von Katar den Hof machen? Das kann böse ausgehen. Wir erinnern ans Zelt, das Nicolas Sarkozy für Gaddafi in Paris aufschlug.

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In unserer Hauptstadt-Kolumne berichten unsere Berliner Korrespondenten Rena Lehmann und Tobias Schmidt jedes Wochenende über Kurioses und Bemerkenswertes aus der Berliner Blase. Sie blicken hinter die Kulissen von Bundestag, Kanzleramt und Rotem Rathaus. 

Erst buckelte Energieminister Robert Habeck in Katar vor Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani, am Freitag wurde der Emir gleich von Kanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen.

Der große Bahnhof für den autokratischen Herrscher vom Golf zeigt wie unter dem Brennglas die verfahrene Lage: Al Thani gehört das größte Gasfeld der Welt. Wir brauchen seinen Stoff, um uns auch ohne Putins Gas zu wärmen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Deswegen natürlich die Energiepartnerschaft, die jetzt feierlich besiegelt wurde. Schon 2024 soll das Flüssiggas sprudeln.

Ist es scheinheilig, statt von Ukraine-Angreifer Putin von Islamisten-Sponsor Al Thani Gas zu kaufen? Der Unterschied zwischen den beiden „unappetitlichen Autokraten“ sei nun mal, „dass Russland Europa und seine direkte Nachbarschaft seit Jahren destabilisieren will und nun mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine die europäische Ordnung angegriffen hat“, zieht der „Spiegel“ die Trennlinie. Die Gasabhängigkeit von Russland war „strategisch dumm“, der Wechsel zum neuen Lieferanten sei „realpolitisch richtig“.

Erst ein Zelt in Paris, dann Bomben auf Libyen

So weit, so bitter. Allerdings sollte Scholz gewarnt sein, wozu es führen kann, wenn man sich fragwürdigen Rohstofflieferanten in die Arme wirft. Frankreichs damaligem Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ging es 2007 um libysches Öl, wohl auch um Wahlkampfspenden und internationalen Glanz, als er Machthaber Muammar al-Gaddafi mitten in Paris sein Beduinenzelt aufschlagen ließ.

Eine Woche hielt Gaddafi – auch er ein langjähriger Terror-Sponsor – vor dem Élysée-Palast Hof. Ganz Europa lachte über Sarkozy, der mit dem Outlaw schmuste, im Zelt mit ihm posierte.

Foto mit Al Thani aber nicht mit Selenskyj

Eine stabile Freundschaft entstand nicht. Vier Jahre später bombardierte Frankreich Gaddafis Truppen und hatte maßgeblichen Anteil am Sturz und der Ermordung des Machthabers. Der Krieg schütze Sarkozy bis heute nicht vor Vorwürfen, er habe sich von Gaddafi schmieren lassen, auch wenn er wegen anderer Vergehen zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nun ist Olaf Scholz charakterlich das Gegenteil des heißblütigen Franzosen, und Al Thani ist kein Gaddafi. Aber ob es dem angekratzten Kanzler-Image dient, in Berlin den Golfmonarchen zu umgarnen, aber bloß nicht zwecks „Fototermin“ den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew zu besuchen? Das darf dann doch bezweifelt werden.

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