Der Typ aus dem Norden Peer Steinbrück - ein Mann der klaren Worte

Von Erich Maletzke | 30.09.2012, 12:07 Uhr

In Hamburg wurde Peer Steinbrück geboren. In Schleswig-Holstein war er Staatssekretär und Wirtschaftsminister. Hier lesen Sie seinen politischen Werdegang.

Obwohl Peer Steinbrück den größten Teil seines beruflichen Lebens südlich der Elbe zugebracht hat, fühlt er sich nach eigenem Bekunden als Norddeutscher. In Hamburg wurde er 1947 als Sohn eines Architekten und einer Schneiderin geboren, hier ging er - nicht sehr erfolgreich - zur Schule. In Kiel studierte er Volkswirtschaft, und in der Landeshauptstadt begann seine eigentliche politische Karriere. Vorausgegangen waren Lehrjahre wie sie gründlicher nicht sein könnten. Er war persönlicher Referent mehrerer Bundesminister, darunter Hans Matthöfer, Volker Hauff, Andreas von Bülow, er arbeitete in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin, und Helmut Schmidt holte den aufgeweckten jungen Mann ins Kanzleramt. Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982 beschäftigte ihn die SPD-Bundestagsfraktion, anschließend wechselte er nach Nordrhein-Westfalen, wo ihn Landesvater Johannes Rau zu seinem Büroleiter machte. Dort ereilte ihn 1990 ein Ruf aus Kiel, der entscheidend für den weiteren Verlauf seiner Karriere werden sollte.
In Kiel herrschte nach turbulenten Jahren Aufbruchstimmung. Die Wunden der Barschel-Affäre waren verheilt - noch ahnte niemand, dass sie noch einmal aufbrechen sollten. Björn Engholm galt als Hoffnungsträger der SPD. Die Wahlen 1988 hatte er haushoch gewonnen. Eine Denkfabrik suchte nach politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Visionen. Das Klima im Kabinett galt als vorbildlich. Staatssekretär im Innenministerium war der spätere Minister Ekkehard Wienholtz. Er kannte und schätzte Steinbrück aus Bonner Zeiten und machte sich bei Engholm für ihn stark. Gezielt für eine Sonderaufgabe: Zu den populärsten Ministern im Kabinett gehörte der parteilose Berndt Heydemann. Ein bundesweit geschätzter Fachmann für Umweltschutz, der in dem Ruf stand, jeden Käfer beim lateinischen Vornamen zu kennen. Jeden Tag produzierte er eine neue Idee, und seine Ernennung zum Umweltminister wurde als Engholms Geniestreich gewertet. Doch Heydemann war auch ein Chaot. Er ließ Aktenberge wachsen, verlegte wichtige Unterlagen.
Die beiden schwersten Jahre seines Lebens
Steinbrücks Aufgabe sollte es sein, als Staatssekretär das Chaos zu beenden, und er ließ sich überreden, diese Sisyphus-Arbeit zu übernehmen. Eine seiner ersten Aufgaben bestand darin, sich eine Thermo-Hose zu kaufen; denn der Frischluft-Fanatiker Heydemann pflegte auch im Winter Besprechungen draußen abzuhalten. Die beiden Jahre im Haus Heydemann seien die schwersten seines Lebens gewesen, räumt Steinbrück ein. Engholm, im Mai 1991 zum SPD-Bundesvorsitzenden aufgestiegen, erlöste ihn schließlich und machte ihn nach gewonnener Wahl 1992 zum Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Dessen Chef war Uwe Thomas, und das Verhältnis zwischen Minister und Amtschef litt schnell an unterschiedlicher Chemie. Als Engholm 1993 spätes Opfer der Barschel-Affäre wurde und von allen Ämtern zurücktrat, war dies für Steinbrück ein Schock. Der Glanz des Lübecker Hanseaten hatte ihn nach Kiel gezogen, und jetzt?
Zunächst brachte der Wechsel an der Spitze des Kabinetts einen Aufstieg; denn die Entlassung des ungeliebten Wirtschaftsministers gehörte zur ersten Amtshandlung der neuen Regierungschefin Heide Simonis. Zum Nachfolger ernannte sie überraschend Peer Steinbrück. Das Verhältnis der beiden war zunächst gut. Doch das änderte sich schnell. Einen der Hauptgründe nennt Steinbrücks Biograf Daniel Friedrich Sturm: "Steinbrück hält Simonis intellektuelles Niveau für gering." Lange konnte das Bündnis daher nicht halten, und der Bruch kam, als der Wirtschaftsminister das tat, was er gut kann: mit spitzen Bemerkungen eine ungeliebte Person lächerlich machen. In einem Hintergrundgespräch mit Journalisten hielt er der Regierungschefin vor, Politik "auf Pepita-Niveau" zu betreiben. Ihn hatte zuvor mächtig geärgert, dass ihn die Regierungschefin nach den Landtagswahlen 1996 von den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen ausschließen wollte und erst auf Druck der Partei nachgab.
Im Oktober 2009 schien die Karriere schon beendet
Beide wollten nun die Trennung. Steinbrück bemühte sich 1998 um den frei gewordenen Posten an der Spitze des Sparkassen- und Giroverbandes, scheiterte jedoch. Als dann NRW-Regierungschef Wolfgang Clement einen neuen Wirtschaftsminister suchte, nahm Steinbrück dankbar an.
Dass es die richtige Entscheidung war, zeigte der weitere Aufstieg: Als Clement in die Bundespolitik wechselte, wurde Steinbrück NRW-Ministerpräsident, verlor 2005 krachend die Landtagswahlen, übernahm anschließend in der großen Koalition das Bundesfinanzministerium. Nach der Wahlniederlage der SPD schien Steinbrücks politische Karriere im Oktober 2009 beendet. Er war jetzt nur noch einfacher Abgeordneter, zugleich aber begehrter Festredner in Sachen Finanzkrise. Mit 65 wollte er sich eigentlich zur Ruhe setzen.