Feuerwehr erhebt Vorwürfe gegen Bundeswehr Moorbrand-Messungen: Grenzwerte wurden überschritten

Von Burkhard Ewert | 07.10.2018, 14:28 Uhr

Der NOZ liegen die Protokolle der Moorbrand-Messungen aus der Nacht vom 18. auf den 19. September vor. Die Werte sind nicht dramatisch, aber belegen sehr wohl: So unkritisch, wie Bundeswehr und Behörden behauptet haben, war die Schadstofflage nicht. Die Feuerwehr erhebt einen schweren Vorwurf.

Erst hat die Bundeswehr gar nichts gemessen, dann verweigert sie die Veröffentlichung von Schadstoffbelastungen nach dem Moorbrand im Emsland seit inzwischen mehr als zwei Wochen – Transparenz sieht anders aus. Inzwischen liegen unserer Redaktion die Protokolle der Luftmessungen aus der Nacht vom 18. auf den 19. September aus anderer Quelle vor. Sie belegen: Die Ergebnisse waren keineswegs so unkritisch wie bisher behauptet.

In dem Dorf Stavern östlich des Testgeländes für Waffen und Munition der Bundeswehr (WTD) stellte der Messzug der Feuerwehr Leer mehrere Überschreitungen von Grenzwerten fest, teilweise um 100 Prozent. Selbst im Kern des Ortes wurden Kohlenmonoxid-Grenzwerte unmittelbar neben Wohnhäusern um 50 Prozent und mehr gerissen. Das Technische Hilfswerk hatte in Stavern ein Zeltlager mit rund 400 Plätzen für seine Helfer aufgeschlagen. In direkter Nähe überstiegen die Messungen der Feuerwehr ebenfalls den Grenzwert.

Dass keine Evakuierung erfolgte, lag einzig daran, dass die Messwerte nicht über einen Zeitraum von vier beziehungsweise acht Stunden festgestellt wurden. Nur wenn Menschen einer Konzentration von Kohlenmonoxid wie der gemessenen über eine solche Dauer ausgesetzt sind, wäre der Bereich nach gängigen Richtlinien sinnvollerweise zu räumen.

Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, warum an den jeweiligen Messpunkten keine Werte über einen längeren Zeitraum erhoben worden sind, um genau diese Notwendigkeit zu prüfen. Stattdessen fanden an den Stellen Einzelmessungen statt, die sich maximal auf eine gute halbe Stunde aufteilten.

Dann woanders kontrolliert

Mit dem Thema unmittelbar befasste Feuerwehrkreise erheben im Gespräch mit unserer Redaktion schwere Vorwürfe gegen die Bundeswehr. Die Messdaten aus der Nacht seien der Einsatzleitung der Bundeswehrfeuerwehr unverzüglich mit der klaren Empfehlung gemeldet worden, die Messpunkte mit Grenzwertüberschreitungen weiter zu überwachen. Die Bundeswehr habe dies unter Verweis auf ihre Zuständigkeit barsch abgelehnt und andere Messpunkte festgelegt. Ergebnis: Die Grenzwertüberschreitungen in Stavern blieben folgenlos.

Keine Information

Zieht man in Betracht, dass viele Anwohner der WTD dem Qualm zu diesem Zeitpunkt bereits über einen langen Zeitraum ausgesetzt waren – in den ersten zwei Wochen des Brandes erfolgten keine Messungen, schon in den Tagen vor dem 19.9. hatte sich die Rauchentwicklung erheblich verstärkt – wären Evakuierungen aus Feuerwehrsicht bereits nach den ersten Messergebnissen keine unrealistische Option gewesen. Mindestens wäre die sofortige Information der Bevölkerung geboten gewesen, auf dass die Anwohner selbst hätten entscheiden können, ob sie ihre Häuser verlassen oder nicht. So aber gehe Vertrauen in staatliche Institutionen verloren, ärgert man sich bei der Feuerwehr.

"Gar nicht witzig"

„Gar nicht witzig“ sei zudem die pauschale Aussage von Bundeswehr und Behörden gewesen, dass die Messwerte nicht auf eine akute Gesundheitsgefährdung für Anwohner und Einsatzkräfte hätten schließen lassen. Mindestens für Alte, Schwangere, Kinder und Kranke gelte das nicht, bei anderen hänge es von der besagten Dauer der Belastung ab.

Armer Amselweg

Besonders hohe Überschreitungen (20 ppm) hatten die Spezialisten aus Leer im unbebauten Bereich des Schlagfördener Weges gemessen. Hier waren Einsatzkräfte regelmäßig in Aktion. Nahe von Wohnhäusern stellten die Experten an der „Panzerstraße“ genannten Trasse ebenfalls noch beträchtliche Belastungen fest (18 ppm, 0.16 Uhr). Im Amselweg mit seinen Einfamilienhäusern maß die Feuerwehr um 23.36 Uhr 12 ppm, um 23.51 Uhr 14 ppm und um 0.08 Uhr wieder 12 ppm.

Der Grenzwert, ab dem ein Mensch laut Weltgesundheitsorganisation maximal acht Stunden am Stück einer Kohlenmonoxidbelastung ausgesetzt sein sollte, beträgt 9 ppm. Er wurde ebenfalls gerissen an der Kiesbergstraße (10 ppm) sowie nur knapp unterschritten an den Messpunkten Schützenstraße und Raddegrund (8 ppm).

Auf der WTD, wo professionelle und ehrenamtliche Helfer in großer Zahl im Einsatz waren, müssen laut Experten wesentlich höhere Schadstoffkonzentrationen als außerhalb geherrscht haben.

Am Arbeitsplatz ist mehr erlaubt

Die maximal erlaubte Arbeitsplatzkonzentration von Kohlenmonoxid beträgt 30 ppm. Die normale Konzentration in der Luft ist kleiner als 0,5 ppm. Zu hohe Werte führen zunächst zu Kopfschmerz und Konzentrationsstörungen, bei extremen Dosen zu Bewusstlosigkeit und schließlich raschem Tod. Auch Spätfolgen einer überstandenen Vergiftung sind möglich.

Nachdem sie die ersten Grenzwertüberschreitungen festgestellt hatte, ordnete die Feuerwehr Leer an, dass die eigenen Kräfte nur noch mit Atemschutz zu operieren hätten.

Die Bevölkerung erfuhr von all dem nichts.