Flensburg und Ostholstein Mehr jugendliche Flüchtlinge kommen nach SH

Von Kay Müller | 19.07.2014, 17:30 Uhr

Viele Schleuser nehmen die Strecke über die A7 oder die Bahn Richtung Skandinavien - die Flüchtlinge landen in Schleswig-Holstein. Immer mehr von ihnen sind minderjährig. Und allein.

Sie kommen aus Afghanistan, Nordafrika, dem Irak oder Syrien – und es werden immer mehr. Die Zahl der jugendlichen Flüchtlinge, die allein unterwegs sind und in Schleswig-Holstein aufgegriffen werden, hat sich im Vergleich zum Vorjahr fast überall verdoppelt. Vor allem die Kreise Schleswig-Flensburg und Ostholstein sind betroffen, weil viele Schleuser die Strecke über die A7 oder die Bahn Richtung Skandinavien nutzen.

In der Stadt Flensburg, in der Flüchtlinge landen, die von der Bundespolizei in Zügen aufgegriffen werden, waren es 2007 genau drei, im Jahr 2013 schon 122 und bis jetzt in diesem Jahr 102. In Ostholstein wurden 2013 insgesamt 119 Jugendliche aufgegriffen, der Prognose nach werden es 2014 doppelt so viele sein. Und auch in Neumünster kamen im gesamten vergangenen Jahr 51 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge an, im laufenden Jahr waren es bis Ende Juni schon 48.

„Der Trend wird weiter stark zunehmen, weil die Verzweiflung der Menschen in den Herkunftsländern zunimmt“, sagt Martin Link vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. „Manche Familien können sich die Flucht nicht leisten, sie schicken oft den ältesten Sohn nach Europa, in der Hoffnung, dass wenigstens einer von der Familie überlebt.“ Schleswig-Holstein sei als Grenzbundesland besonders von der Flüchtlingswelle betroffen.

Die Ämter müssen damit umgehen. „Wir kommen manchmal schon an unsere Belastungsgrenze“, sagt Andreas Wellenstein, Fachbereichsleiter Jugend und Familie beim Kreis Schleswig-Flensburg. „Wir wünschen uns, dass das überregional stärker berücksichtigt wird.“ Und sein Kollege Jörg Hellberg aus Neumünster ergänzt: „Die Kosten für die Maßnahmen für die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge werden der Stadt Neumünster erstattet, allerdings nicht für den eigenen Personaleinsatz, was mittlerweile zu einer erheblichen Schieflage im Land führt.“ Denn zwei Kreise und zwei Städte tragen die Hauptlast.

Viele Flüchtlinge versuchen zwar nach wenigen Tagen, ihre Flucht nach Norden fortzusetzen, aber mit der steigenden Zahl der Aufgriffe blieben auch immer mehr Jugendliche in Deutschland, sagt Martin Link. Vor allem Neumünster ist offenbar das Ziel der jugendlichen Flüchtlinge, weil hier oft Verwandte leben. „Über 60 Prozent bleiben hier“, sagt Hellberg. Die meisten Jugendlichen werden geduldet, auch wenn ihr Asylverfahren nicht positiv ausgeht. „Die Behörden müssen sich um das Kindeswohl kümmern und sind damit manchmal überfordert, weil es aufwändig ist“, sagt Martin Link. Denn Ausbildung und Jobs zu vermitteln und die oft traumatisierten Jugendlichen zu betreuen sei schwer. „Der quantitative Bedarf an Betreuung ist hoch – und das hat die Politik bislang noch nicht wahrgenommen.“ Sicher sei nur, dass die Jugendlichen nach einer Zeit in Deutschland nicht mehr weg könnten. Link: „Viele haben ja auch in den Herkunftsländern keine Angehörigen mehr.“