Infektiologe bezweifelt Sinnhaftigkeit Schluss mit Corona-Masken in Bus und Bahn wie in Österreich?

Von Tobias Schmidt | 26.05.2022, 01:00 Uhr

Nach dem Beschluss zum Ende der ÖPNV-Maskenpflicht in Österreich wird in Deutschland diskutiert: Braucht es den lästigen Corona-Schutz trotz sinkender Zahlen noch? Wir haben nachgefragt.

„Ein Ende der Maskenpflicht in Bussen, Bahnen oder Flugzeugen wäre durchaus vertretbar. Jeder kann sich impfen lassen und damit vor schweren Verläufen gut schützen, und wir haben sinkende Fallzahlen“, sagte Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).

„Aus infektiologischer Sicht spräche nicht viel dagegen, auch wenn ein Ansteckungsrisiko in engen und geschlossenen Räumen natürlich nicht ganz auszuschließen ist“, sagte der Professor und Chefarzt einer Berliner Kinderklinik. „In vielen europäischen Ländern ist längst Schluss mit den Masken, auch in Flugzeugen. Deutschland ist nach wie vor extrem vorsichtig.“ Tenenbaum ergänzt:

„Dabei hilft das gerade wenig, um einer möglichen neuen schweren Welle im Herbst vorzubeugen.“
Infektiologe Tobias Tenenbaum

Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery hält die Maskenpflicht in Bussen und Zügen hingegen weiterhin für eine „sehr niederschwellige aber absolut sinnvolle Maßnahme“. Es gehe nicht in erster Linie um den Selbstschutz, sondern den Schutz der vulnerablen Personen mit Vorerkrankungen und der Ungeimpften.

Wo die Ansteckungsgefahr weiter hoch sei, und dazu zählten volle Busse, Bahnen und Flugzeuge, „dort sollte an der Tragepflicht festgehalten werden, und das bitte bundesweit und so lange, bis wir endgültige Corona-Entwarnung geben können, also frühestens wohl zum kommenden Frühjahr.“

In den Niederlanden war die Maskenpflicht im ÖPNV schon Ende März ausgelaufen, in Belgien am vergangenen Montag, in Österreich müssen im Nahverkehr ab dem 1. Juni keine Masken mehr getragen werden. In Deutschland ist die ÖNPV-Maskenpflicht Ländersache. Noch hat keine Landesregierung ein Ende beschlossen.

Kopfschütteln über deutsche Vorsicht

„Den Bundesbürgern fällt es zunehmend schwer, die Sinnhaftigkeit von bestimmten Corona-Maßnahmen zu erkennen, wenn international immer weniger Maßnahmen wie das Maskentragen verpflichtend sind“, sagte DGPI-Chef Tenenbaum. Da sie die Übertragung des Virus effektiv verhindern könnten, sei eine „politische Güterabwägung“ notwendig.

„Die Kerngesunden und dreimal Geimpften benötigen das nicht, aber es gibt noch zehn Millionen Menschen ohne ausreichenden Schutz“, betonte hingegen Montgomery. Niemand wisse, wie sich die Infektionslage entwickele. „In vielen Teilen der Erde beginnt gerade der Winter, und es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass schon bald neue Varianten auch nach Deutschland eingetragen werden.“ 

Montgomerys Fazit:

„ Um die Maskenpflicht wird ein lächerliches Bohei gemacht. Das ist wahrlich kein Eingriff in die Grundrechte, sondern wir alle haben uns längst daran gewöhnt.“
Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery
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