„Großkonzerne sind neue Nationen“ Dänemark will mit „digitalem Botschafter“ Google und Facebook ins Land locken

Von Götz Bonsen | 30.01.2017, 14:40 Uhr

Kopenhagen betrachtet die IT-Giganten als Staaten und beruft einen Botschafter für die Kooperation mit ihnen.

Internet-Giganten wie Google, Apple, Microsoft und Facebook sind durch ihre Umsätze und ihre Macht auf den menschlichen Alltag als staatliche Gebilde zu verstehen. Dieser Perspektive nimmt sich Dänemarks neoliberaler Außenminister Anders Samuelsen nun mit einer pikanten Weichenstellung an. Weil sein Land für die digitalen Weltkonzerne ein besserer Standort werden will, soll so schnell wie möglich ein digitaler Botschafter benannt werden. Dieser soll die Beziehungen zu Facebook und Co. verstetigen – so, als wären sie Staaten.

Mehr Informationen:

Info

Datenkraken, Hate Speech, Social Bots und die Anmahnung von Verantwortung: Während in anderen Ländern Argwohn herrscht gegen die digitalen Weltkonzerne, erklärt Dänemark deren Status an und öffnet den beäugten Unternehmen Tür und Tor. Über den dauerhaften persönlichen Kontakt soll es leichter werden, bürokratische Hürden für die Branche abzubauen.

Eine Ein-Mann-Institution soll die Vertretung der Interessen des Landes im digitalen Netz übernehmen. Über die Schaffung eines Ansprechpartners erhofft sich das Land, bei neuen technologischen Entwicklungen sowie den einhergehenden politischen und ethischen Fragen die Nase vorn zu haben und für Investoren attraktiver zu werden. Der Aufgabenbereich des neuen Botschafters – so wenig konkret es bislang beschrieben wurde – dürfte letztendlich das Gegenteil des in Deutschland und seinen Bundesländern etablierten Datenschutzbeauftragten werden.  Dänemark will Investitionen ins Land locken.

Die großen IT-Firmen würden „Dänemark genauso beeinflussen wie andere Länder“, begründete Samuelsen gegenüber „Politiken“ seinen Vorstoß: „Diese Groß-Konzerne sind wie eine Art neue Nationen geworden. Und wir müssen uns passend zu diesen Entwicklungen verhalten“, so der Partei­vorsitzende der Liberal Alliance, der seit November Außenminister ist.

Für „Politiken“ spiegelt dieser Vorstoß Dänemarks den Umgang mit einer neuen Realität wider: Eine Machtverschiebung zwischen Staaten und Unternehmens-Giganten in Privatbesitz. So seien es heute weniger Staaten oder Gesellschaftsmodelle, die unser Leben und unsere Arbeit bestimmen, als Firmen, die über Technologie Veränderungen herbeiführen, führt die Zeitung aus.

In Dänemark ist der digitale Alltag deutlich weiter vorangeschritten, als beispielsweise in Deutschland. Im Grunde finden sämtliche Behördengänge nur noch an PC und Smartphone statt, Arzneirezepte sind digital und der Bargeldverkehr ist beinahe gänzlich dem Handy-Bezahlsystem Mobile Pay gewichen. Die Diskussion über Datenschutz wird sehr viel weniger eifrig geführt als anderswo. Auch letzterem wird mit dem neuen Botschafter zwar Rechnung getragen, aber in erster Linie geht es nach bisheriger Einschätzung um den Technologiestandort Dänemark.

Das ganze Anliegen sei „symbolisch“, kritisierte Professor Martin Marcussen, der sich mit mit Kleinstaaten als Akteur in den Internationalen Beziehungen beschäftigt. Zunächst solle es sich schließlich nur um eine Person auf dem Posten handeln, der ohne Mitarbeiter agieren solle, kritisierte er. Das Außenministerium bestätigte dann aber, dass der Botschafter personelle Unterstützung Ministerium bekommen werde, wie es einem echten Botschafter gebührt.

Professor Jan Stentoft, der das Insourcing der technischen Produktion nach Dänemark erforscht – also besonders die wirtschaftlichen Aspekte im Auge hat – heißt die Idee eines IT-Botschafters willkommen: „Wir haben viel für diese Unternehmen zu bieten. Aber Dänemark ist ein kleines Land, und wir müssen natürlich auf uns aufmerksam machen, wenn wir sie in unser Land holen wollen“, sagt er.

Die Reaktionen aus der Branche ließen auch nicht lange auf sich warten. Marianne Dahl Steensen, CEO von Microsoft Dänemark, findet den Vorstoß aus Kopenhagen gut, die „Anerkennung“ als Staat findet sie allerdings sonderbar. „Wir vertreten eine Industrie-Branche und man kann uns wohl kaum mit einer Nation gleichgesetzen“.