Foto-Reportage Auf dem Sprung: Über das Leben der Flüchtlinge in Idomeni

Von Julian Busch, Jonas Kakó und Paul Lovis Wagner | 10.04.2016, 18:26 Uhr

Im griechischen Grenzort Idomeni harren Tausende Menschen aus. Sie schlafen in Baracken oder im Wald, viele landen im Gefängnis. Ihr Ziel: Europa. Wir haben sie besucht.

Bis Ende Februar wurden die Flüchtlingsgruppen an der griechisch-mazedonischen Grenze noch zum Teil durchgelassen. Es bestand eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Einerseits waren da die Geflüchteten aus Irak, Syrien und Afghanistan, und andererseits alle anderen Flüchtlinge. Erstere durften die Grenze Richtung Mitteleuropa passieren, Letztere wurden in die Illegalität gezwungen. Diese Fotostrecke mit Bildern der Nachwuchsfotografen Jonas Kakó, Julian Busch und Paul Lovis Wagner zeigt ihre Lebensrealität als Ausgegrenzte, die ihr Leben trotz massiver Zäune und der gegen sie gerichteten Staatsgewalt selbst gestalten wollen.

 

Seit der Grenzschließung in Mazedonien sind mehr als 15.000 Menschen aus aller Welt auf der griechischen Seite in Idomeni damit beschäftigt zu überleben – und hoffen auf ein Weiterkommen. Immer öfter vergeblich: Anfang April fanden die ersten Massenabschiebungen aus Griechenland in die Türkei statt.

Mudassar* wickelt sein Handy aus einer Plastiktüte. Ein letzter Anruf bei seiner Mutter, bevor es losgeht. Die Scheiben der Tankstelle an der Landstraße sind beschlagen, es ist eine neblige Nacht. Drinnen sitzen die Hoffenden direkt neben den Profiteuren der Migration. Gemeinsam schauen sie Fußball, es gibt Tee und Kaffee aus Pappbechern. Ein Schleuser wird die Gruppe von etwa zehn Menschen über die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien begleiten. Für Mudassar und seine Freunde ist es der dritte Versuch, für andere schon der 15. Spricht man die Schleuser auf ihre Arbeit an, kommen klare Worte: „Job? What job? Border is closed! Big problem! No photo! You don’t go with them!“ („Meine Arbeit? Welche Arbeit? Die Grenze ist dicht! Großes Problem! Kein Foto! Ihr geht nicht mit ihnen!“).

 

Die Hinweise sind deutlich, aber niemand droht hier. Die Grenze ist Militärgebiet. Das machen Polizei, viele kleine Ladenbesitzer und vor allem die Schlepper unmissverständlich klar. Die Menschen, die in den Wäldern um den Grenzort Idomeni leben, haben keine Möglichkeit, auf legalem Weg durch die Balkanstaaten zu reisen. Sie kommen aus vielen Teilen der Welt: Syrien, Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia, Sudan, Nordafrika und sogar aus Tibet. Die Gründe für das Verlassen ihrer Heimat sind so zahlreich wie sie selbst. Einige wollen sich frei bewegen können, das Europa aus dem Fernsehen kennenlernen, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten. Andere haben eine Liebe und Kinder in Europa, dürfen aber wegen strenger Visaregulationen nicht legal einreisen. Die meisten aber fliehen vor einem der zahlreichen aktuellen Kriege.

 

Sie wohnen in Ruinen und unter freiem Himmel, wenn sie nicht gerade in einem der überfüllten Gefängnisse sitzen. Ihre Lebensumstände sind katastrophal. Sie sind bereit, viel auf sich zu nehmen.

 

Für die lokalen Ladenbesitzer ist ihre Situation ein finanzieller Segen. Aus der sogenannten Flüchtlingskrise ist längst ein Business geworden. So wird es den freiwilligen Helfern beispielsweise verboten, kostenlos Essen und Getränke in Gebieten zu verteilen, in denen sie Einheimischen die Kunden streitig machen.

 

Mudassar und seine Freunde sind am darauffolgenden Tag wieder im Wald. Sie haben es nicht über die Grenze geschafft. Glücklicherweise sind sie im Gegensatz zu vielen anderen unbeschadet zurückgekommen. Sie kommen aus Pakistan und sind gezwungen, sich auf die Schleuser zu verlassen. Gezahlt wird, sobald der Grenzübertritt erfolgreich war. 250 Euro sind es bis nach Mazedonien. Dort wartet ein gefährlicher und mindestens sieben Tage langer Fußmarsch auf sie. In Mazedonien hilft ihnen niemand, sie sind dort auf sich gestellt. Doch Mudassar und seine Freunde haben vorerst aufgegeben. Sie sind zurück nach Athen gegangen und hoffen, dass sich die politische Lage ändert.

 

Wenn die Helfer zwei Mal am Tag Essen bringen, kommen viele aus ihren Verstecken. Der Wald wirkt dann zuweilen wie eine Krankenstation. Eine Organisation leistet einmal täglich medizinische Nothilfe. Die Helfer berichten auch von Verletzungen durch Polizeistöcke und Bisswunden von Polizeihunden.

 

Die geschlossenen Grenzen in Mazedonien und Serbien führten dazu, dass in den letzten zwei Wochen Schätzungen zufolge mehr als 15.000 Menschen dort ausharren – unter unwürdigsten Bedingungen. Der illegale Weg über die Grenzen ist nun kaum möglich, und für die vielen Familien mit kleinen Kindern, Schwangere und Alte auch keine Option. Die Versorgung der Menschen, sei es mit Essen, Informationen, Zelten, Tee oder Kleidung, wird ausschließlich durch selbstorganisierte Initiativen gewährleistet.

 

Inzwischen regt sich Widerstand. Die Aktionen reichen von einer Blockade der Bahnschienen, Hungerstreiks und Demonstrationen bis hin zu einem Menschen, der sich aus Verzweiflung und Protest selbst in Brand setzte. Die griechischen Behörden setzen durch Polizeipräsenz und aktive „Nicht-Versorgung“ darauf, dass die Menschen das notdürftige Lager freiwillig verlassen und in Auffanglager im Landesinneren umziehen. Allerdings mit wenig Erfolg. Nachdem europäische und türkische Politiker die Türkei zu einem sogenannten sicheren Drittstaat erklärt haben, werden alle nun in Griechenland ankommenden Geflüchteten direkt in Haftzentren gebracht und in die Türkei abgeschoben.

 

Der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte des Bundes, Christoph Strässer (SPD), und viele nichtstaatliche Organisationen sehen das Abkommen als Bruch internationalen Rechts und nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar. In der Türkei wurden in den letzten vier Monaten 16 syrische Geflüchtete an der Grenze erschossen, darunter drei Kinder.

* Alle Namen geändert


Die drei Nachwuchsfotografen Julian Busch, Jonas Kakó und Paul Lovis Wagner haben für ihre Foto-Reportage kurz vor der endgültigen Grenzschließung zwei Wochen mit illegalisierten Geflüchteten verbracht. „Es fühlte sich am schlimmsten an, zu merken, dass alle Freunde, die wir kennengelernt haben, nur wegen eines Stücks Papier im Gefängnis saßen und unvorstellbare Torturen auf sich nahmen. Die harte Arbeit selbstorganisierter Solidaritätsgruppen aus der ganzen Welt und die Durchhaltekraft der Geflüchteten gaben uns Kraft.“ Die drei sind selbstständige Fotojournalisten, Kakó stammt aus Schleswig-Holstein.