Opposition beklagt „Daten-Chaos” Exklusiv: 42 Millionen mehr Impfzertifikate als Corona-Impfungen

Von Tobias Schmidt | 27.01.2022, 01:00 Uhr

Vor genau zwei Jahren kam Corona in Deutschland an, seit 13 Monaten wird geimpft. Aber in Sachen Datenlage geht der Blindflug immer weiter. So wurden hierzulande mindestens 42 Millionen mehr Impfzertifikate ausgestellt als Corona-Impfungen vorgenommen, wie eine Recherche unserer Redaktion ergab. Die Opposition im Bundestag fordert Aufklärung und beklagt ein „Daten-Chaos”.

Die erstaunlichen Fakten:

Seit Beginn der Impfkampagne bis zum vergangenen Freitag wurden 204,7 Millionen digitale Zertifikate über erfolgte Corona-Impfungen ausgegeben. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage mit. Allerdings wurden dem Ministerium zufolge bis zu diesem Montag „nur“ 162,1 Millionen Dosen für Erst-, Zweit- und Drittimpfungen gespritzt, also genau 42,6 Millionen weniger.

Verstecken sich hinter der gewaltigen Diskrepanz Hinweise auf millionenfache Fake-Zertifikate? Wurden Millionen Impfungen zwar digital zertifiziert, aber von Ärzten nicht an die Behörden gemeldet? Ist dann die tatsächliche Impfquote also viel höher als die offizielle?

Wir haben im Ministerium von Karl Lauterbach (SPD) nachgefragt, dort gibt man sich gelassen, ein Sprecher führt „verschiedene Gründe“ an:

„Zum einen wurden insbesondere zu Beginn der Anwendung viele Zertifikate automatisch durch Impfzentren erstellt und an die geimpften Personen geschickt, während die betroffenen Personen oftmals bereits ein Zertifikat in einer Apotheken ausgestellt bekommen haben.“ Das wäre ein zu vernachlässigendes Verwaltungsproblem. Weiter heißt es: „Des Weiteren können Zertifikate auch mehrfach ausgestellt werden, wenn beispielsweise eine Person ihr Zertifikat verliert.” Auch das hört sich wenig dramatisch an.

Lücke noch deutlich größer geworden

Aber kann das bei jeder vierten Impfung passiert sein? Zudem die Diskrepanz in den zurückliegenden Wochen noch erheblich gewachsen ist. So waren laut Ministerium bis zum 15. Dezember 162.397.255 digitale Impfzertifikate ausgestellt und nach Angaben des Robert-Koch-Institutes 136.641.993 Impfdosen verabreicht worden. Vor fünf Wochen betrug der „Überhang“ an Zertifikaten demnach „erst” knapp 26 Millionen gegenüber aktuell mehr als 42 Millionen.

Zur Erinnerung: Schon vergangen Oktober hatte das RKI anhand telefonischer Bürgerbefragungen festgestellt, dass vermutlich deutlich mehr Menschen geimpft sind als anhand der offiziell verabreichten Dosen berechnet. Der Anteil mindestens einmal Geimpfter in der Erwachsenenbevölkerung liege bei 84 Prozent statt bei 80 Prozent, hieß es. Die RKI-Vermutung im Oktober: Die Diskrepanz „ergibt sich offenbar daraus, dass Impfungen nicht gemeldet worden sind.“ Lücken hätten sich unter anderem bei Betriebsärzten oder auch bei Einsätzen der mobilen Impfteams wie etwa in Altenheimen ergeben. „Das kann bei einer so großen Kampagne immer mal wieder vorkommen“, so der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Ärzte-Verband stochert im Nebel

Die Impfungen der niedergelassenen Ärzte wird von der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) organisiert. Dort stochert man mit Blick auf die krasse Diskrepanz zwischen Impfzertifikaten und verabreichten Dosen selbst im Nebel. „Wir gehen auf Basis der vertragsärztlichen Abrechnungsdaten davon aus, dass eine Untererfassung durch das digitale Impfquoten-Monitoring (DIM) nicht generell gegeben ist und damit die dargestellte Lücke nicht erklären kann“, sagte ein KBV-Sprecher. Und er ergänzte:

„Um diese Lücke zu erklären, sind vertiefende Analysen der Daten zur Zertifikatsausstellung nötig, die aktuell nur das Robert-Koch-Institut durchführen kann.“
Ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Das RKI wollte sich gegenüber unserer Redaktion nicht äußern und verwies auf das Bundesgesundheitsministerium.

Das schreit nach Aufklärung

Oppositionsparteien im Bundestag geben sich mit dessen Antwort nicht zufrieden. Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, sagte:

„Das schreit nach weiterer Aufklärung“
Kathrin Vogler

„Die Bundesregierung muss dringend für Klarheit sorgen”, fügte sie hinzu und gibt zu bedenken, dass vermutlich längst nicht jeder Geimpfte auch ein digitales Zertifikat habe, gerade von den Hochbetagten. „Dann wäre bei mehr als jeder vierten Impfung etwas schief gelaufen”, so Vogler.

Irritiert gibt sich auch die AfD-Fraktion. „Die enorme Diskrepanz zwischen den Impfzahlen des RKI und den digitalen Impfzertifikaten zeigt einmal mehr das Daten-Chaos bei der Bundesregierung“, sagte René Springer, Sprecher für Arbeit und Soziales. „Es ist völlig unklar, was man noch glauben kann und was nicht. Der Vertrauensverlust in die Corona-Maßnahmen ist vor diesem Hintergrund mehr als verständlich.“

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