Parteitag in Hannover : Annalena Baerbock und Robert Habeck sind neue Grünen-Vorsitzende

Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen über ihre Wahl.
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Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen über ihre Wahl.

Die Doppelspitze der Grünen steht fest: Mit Annalena Baerbock und Robert Habeck übernehmen zwei Realos.

shz.de von
27. Januar 2018, 13:12 Uhr

Hannover | Robert Habeck und Annalena Baerbock fallen sich in die Arme. Sie strahlen. Die neue Doppelspitze der Grünen hat gerade ein bisschen Parteigeschichte geschrieben - und das, bevor die beiden ihre Büros in der Berliner Parteizentrale bezogen haben. Habeck ist neuer Vorsitzender der Grünen. Der schleswig-holsteinische Umweltminister erhielt am Samstag beim Bundesparteitag in Hannover 81,3 Prozent der Stimmen. Er bildet gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Annalena Barbock die neue Doppelspitze der Grünen. Beide gehören zum pragmatischen Realo-Flügel der Partei. Damit brachen die Grünen mit ihrem Prinzip, eine Doppelspitze mit Vertretern des Realo- und des linken Flügels zu besetzen.

Annalena Baerbock und ein grüner Plüsch-Adler freuen sich über Baerbocks Wahl zur Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.  
Foto: Julian Stratenschulte
Annalena Baerbock und ein grüner Plüsch-Adler freuen sich über Baerbocks Wahl zur Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.  
 

Dass der 48-Jährige aus Schleswig-Holstein und die 37-Jährige Wahl-Brandenburgerin gemeinsam an die Spitze der Grünen rücken, wäre vor ein paar Jahren - oder Monaten? - nur schwer vorstellbar gewesen. Nicht, weil sie nicht geeignet wären. Sie gehören aber demselben Parteiflügel an. Und da sind die Grünen speziell - oder waren es.

Habeck nahm die Wahl mit den Worten an: „Was ich geworden bin, bin ich durch Euch geworden, lasst mich ein bisschen davon an Euch zurückgeben.“ Am Freitagabend hatte die Partei Habeck zuliebe ihre Satzung geändert, so dass er acht Monate lang sowohl Parteichef als auch Minister sein kann. Die Ämtertrennung gehört zu den Grundprinzipien der Grünen. Habeck hatte seine Bedingung für die Kandidatur damit erklärt, dass er sein Ministeramt geordnet übergeben will.

Der Flensburger sieht nach der Wahl der Doppelspitze in seiner Partei eine neue Geschlossenheit. An den Debatten beim Parteitag merke man, „dass die Partei gerade zusammenrückt, dass da was Neues passiert“, sagte der 48-Jährige am Samstag in Hannover. Das wolle er nun weiter voranbringen. Ein Grund zum Feiern sei seine Wahl nicht: „Das ist ein Auftrag“, sagte Habeck. Er wolle die neuen Herausforderungen mit einer „gewissen Demut“ angehen.

Robert Habeck reagiert auf die Annahme seines Satzungsänderungsantrags bei der außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen.
Foto: Bernd von Jutrczenka
Robert Habeck reagiert auf die Annahme seines Satzungsänderungsantrags bei der außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen.
 

Vor seiner Wahl hatte Habeck an die Grünen appelliert, die auseinanderdriftende Gesellschaft wieder zusammenzubringen. Liberalität, Freiheit und Gerechtigkeit müssten sich in Zukunft finden, sagte er. „Der Anfang ist immer die Gegenwart. Es ist immer unsere Zeit. Machen wir sie zu unserer Zeit.“ Baerbock hatte sich zuvor mit rund 64 Prozent der Stimmen gegen die niedersächsische Fraktionsvorsitzende Anja Piel durchgesetzt. „Ich werde mein Bestes geben“, sagte sie. Die Klimaschutz-Expertin war unter anderem vom scheidenden Parteichef Cem Özdemir und von Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt unterstützt worden.

 

Nord-Politiker gratulieren

Führende Politiker aus Schleswig-Holstein haben Robert Habeck zur Wahl an die Parteispitze der Grünen in Deutschland gratuliert. „Der nach Wolfgang Kubicki zweitcoolste Spitzenpolitiker Deutschlands ist nun Bundesvorsitzender seiner Partei“, sagte FDP-Landeschef Heiner Garg am Samstag. „Ich freue mich sehr für ihn, aber da ist natürlich auch ein weinendes Auge dabei“, meinte Garg angesichts des kommenden Abschieds Habecks aus Kiel. „Er ist ein extrem guter, angenehmer Kabinettskumpel.“ Im Norden bilden Grüne und FDP zusammen mit der CDU eine Jamaika-Koalition.

 

„Eine große Bereicherung für unsere Partei“, schrieb Finanzministerin Monika Heinold von den Grünen in Richtung Habeck auf Twitter. „Ich wünsche dir norddeutsche Gelassenheit in stürmischen Zeiten und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel.“

„Das große Werk von Robert Habeck ist zweifellos, dass er die Grünen in alle Richtungen geöffnet hat. Für ihn unerwartet ist Herr Lindner in Berlin im Gegensatz zu Herrn Kubicki in Schleswig-Holstein seinem Werben für eine Schwarze Ampel nicht erlegen“, kommentiert Ralf Stegner (SPD) Zur Tragik Robert Habecks gehört, dass ihm jetzt nur der achtmonatige Doppeljob in der grünen Parteizentrale und als Kieler Agrarminister bleibt. Für seine neue Aufgabe wünsche ich ihm alles Gute.“

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sagt, die neue Rolle seines Stellvertreters als Regierungschef sei aus Sicht Schleswig-Holsteins eine „sehr gute Lösung“. Es sei wichtig, „dass Politiker aus unserem Bundesland auch im Bund eine herausgehobene Rolle spielen.“  Dies werde der mit einem „sehr guten Ergebnis“ gewählte neue Grünen-Vorsitzende jetzt tun, „und das ist zu begrüßen“, sagte Günther.

Zugleich geht der Ministerpräsident davon aus, dass Habeck sein Amt als Minister für Energie, Landwirtschaft, Umwelt und Digitalisierung in der schleswig-holsteinischen Landesregierung für eine Übergangsfrist und wie verabredet noch weitere acht Monate ausüben wird. „Er macht einen guten Job für das Land und für die Bereiche, in denen er Verantwortung trägt“, sagte Günther. Mit dem Blick auf das Ausscheiden Habecks aus dem Kabinett im Frühherbst zeigte sich Günther „sicher, dass die Grünen eine Nachfolgeregelung treffen, die die entstehende Lücke ausfüllen wird.“

Der Dichter und die Kämpferin: Das ist das neue Dreamteam

Gewählt! Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen sich über ihre Wahl von Bündnis 90/Die Grünen.
Foto: Bernd von Jutrczenka
Gewählt! Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen sich über ihre Wahl von Bündnis 90/Die Grünen.
 

Um ein Haar wäre das aus Lübeck stammende Nordlicht schon Spitzenkandidat für die Bundestagswahl geworden. Nun will Habeck als Bundesvorsitzender in die Partei einbringen, was er als Minister in manchmal rauen Konflikten mit Bauern, Fischern, Jägern und Naturschützern gelernt hat. Die richtige Mischung aus Vision und Realismus müsse her, sagt er, die Grünen müssten für ihre Themen gesellschaftliche Mehrheiten suchen oder schaffen. Von Streitereien zwischen den Parteiflügeln, die bei den Grünen oft vorkommen, hält er dagegen wenig - er gilt als Realo, sieht sich aber selbst als flügellos.

Wenn Annalena Baerbock in Fahrt kommt, dann hat man manchmal Mühe, zu folgen. In schnellem Stakkato kommen dann die Sätze, nach jedem denkt man ein Ausrufezeichen automatisch mit. Egal, ob sie im Bundestag über ihr Herzensthema Kohleausstieg redet oder vor Parteifreunden erklärt, wie die Grünen gleichzeitig radikal und staatstragend sein können. Die frühere Trampolinspringerin sprüht vor Energie.

Mit 37 Jahren ist sie die Bewerberin, die für einen Generationenwechsel steht. Wie kompliziert ihre Partei ist, weiß Baerbock genau - als Mitglied der Antragskommission sortiert sie vor Parteitagen Hunderte von Anträgen und verhandelt über grundsätzliche Fragen oder die Streichung einzelner Wörter. Diese Vielfalt sei eine Stärke - ein Satz, den sie so und ähnlich häufig sagt.

Baerbocks Problem bei dieser Wahl war, dass sie eine „Reala“ ist, also vom realpolitischen Flügel - zu dem die Parteilinken auch Robert Habeck zählen. Und es ging nicht nur um die heikle Balance zwischen den beiden wichtigen Flügeln der Grünen. Baerbocks Kompetenz beim Öko-Kernthema Klimaschutz wird niemand in der Partei anzweifeln, sie kennt das Gefühl, von Kohlekumpeln ausgepfiffen zu werden. Aber was ist mit Menschenrechten, sozialen Fragen, Umverteilung? Im kurzen Wahlkampf hat die ehemalige brandenburgische Landeschefin und Abgeordnete für den Wahlkreis Potsdam, die ursprünglich aus Niedersachsen kommt, sich um mehr Profil in diesen sozialen Themen bemüht. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen kann die Mutter zweier kleiner Kinder besonders glaubwürdig streiten.

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