Angriff auf die Seele

Immer mehr Soldaten kehren mit psychischen Störungen aus Afghanistan zurück – jeder fünfte geht schon mit Problemen in den Einsatz

shz.de von
27. November 2013, 00:33 Uhr

Die Bundeswehr nennt das Phänomen die „unsichtbare Verwundung“. Sie kommt weitaus häufiger vor als die körperliche Verletzung bei Anschlägen oder in Gefechten im Auslandseinsatz. Gemeint sind Angstzustände, Alkoholismus, Depressionen und Traumatisierungen – eine ganze Palette von psychischen Störungen, die schon wenige Monate Kriegserfahrung in Afghanistan mit sich bringen können.

Für die Bundeswehr ist das Phänomen relativ neu. Seit 20 Jahren werden deutsche Soldaten in Auslandseinsätze geschickt, aber erst in Afghanistan wurde die Bundeswehr ab 2007 regelmäßig Ziel von Anschlägen und in Gefechte verwickelt. Seitdem schnellt die Zahl der an PTBS erkrankten Soldaten in die Höhe: PTBS steht für „Posttraumatische Belastungsstörungen“, deren Symptome meistens erst Monate nach dem Einsatz auftreten.

Die Zahl der behandelten Fälle stieg allein zwischen 2009 und 2012 von 466 auf 1147. Dass die Dunkelziffer deutlich höher ist, war lange klar. Viele erkrankte Soldaten versuchen psychische Erkrankungen zu verbergen – aus Angst vor Stigmatisierung und sinkenden Aufstiegschancen. Jetzt gibt es erstmals eine wissenschaftliche Studie, die ein fundiertes Bild vom ganzen Ausmaß des Problems bietet.

Erstellt wurde sie von der Technischen Universität Dresden unter Leitung von Hans-Ulrich Wittchen. Danach ist das Problem nicht auf PTBS beschränkt und weitaus größer als bisher bekannt. Nur 56 Prozent der psychischen Erkrankungen bei Einsatzsoldaten werden laut Studie erkannt, nur 18 Prozent therapiert. Die Zahl der psychischen Erkrankungen neben PTBS – also vor allem Alkoholismus, Depressionen und krankhafte Angstzustände – ist deutlich höher als erwartet.

Für das meiste Aufsehen sorgt aber ein anderer Befund. Jeder fünfte Soldat geht schon psychisch gestört in den Einsatz. Die meisten dieser vorbelasteten Soldaten verbergen ihre Krankheit oder wollen sie nicht wahrhaben. Nur 18 Prozent waren laut Studie schon einmal deswegen in Behandlung. Das hört sich erst einmal ziemlich dramatisch an. Allerdings ist der Anteil der Menschen mit psychischen Störungen an der Gesamtbevölkerung noch deutlich höher, hier ist es ein Drittel. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob man psychisch labile Soldaten den Belastungen eines Einsatzes aussetzen darf.

Studienleiter Hans-Ulrich Wittchen ist gegen ein generelles Einsatzverbot. Man müsse sich allerdings gut überlegen, welche Aufgaben die Soldaten dann noch übernehmen könnten. „Wenn einer keine ruhige rechte Hand hat, dann wird er nicht zum Scharfschützen werden im Einsatz“, sagt der Professor.

Das Verteidigungsministerium hat schon einiges in die Wege geleitet, um psychisch kranken Soldaten zu helfen. Im Berliner Bundeswehrkrankenhaus gibt es ein Zentrum für Psychiatrie und Psychotraumatologie, das sich seit Mai 2010 schwerpunktmäßig mit den Einsatzfolgen befasst. Ebenfalls 2010 wurde ein PTBS-Beauftragter als Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema eingesetzt.

Nach Ansicht von Wittchen und dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus muss jetzt aber beim Umgang mit psychischen Einsatzfolgen umgesteuert werden. Wittchen sagt, die starke Konzentration auf PTBS habe den Blick darauf verstellt, dass es ein breites Spektrum von viel gravierenderen Folgen gebe. Königshaus fordert mehr Geld und Personal für die Betreuung der Soldaten. Er sagt: „Da müssen wir in der Tat noch einmal etwas aufpolstern.“

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