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Nach Drogenfund bei Volker Beck : Alkohol, Drogen und Sex - die Versuchungen für Berliner Politiker

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Um dem täglichen Stress gewachsen zu sein, greifen viele Parlamentarier nach der Arbeit zur Flasche – aber auch Drogen sind kein Tabu

Berlin | Der Fall des Abgeordneten Volker Beck hat Besonderheiten: Mit jakobinischer Schärfe schwang der Grünen-Politiker die Moralkeule. Schrill und nervig bespielte er Seite an Seite mit Claudia Roth die parlamentarische Empörungsklaviatur. Damit schuf Beck selbst die moralische Fallhöhe, an der er scheiterte.

Volker Beck ist nicht der einzige Politiker, der mit Drogen aufgegriffen wurde. Sex, Alkohol und andere Drogen sind im Berliner Politikalltag keine Seltenheit.

Bereits auf dem Höhepunkt der Pädophilie-Debatte bei den Grünen wurde Beck eigenen Maßstäben nicht gerecht, als er einen beschönigenden Artikel so lange verleugnete, bis ihm die Autorenschaft nachgewiesen werden konnte. Als Parlamentarischer Geschäftsführer war er von der Fraktion nicht mehr zu halten. Nun kostet ihn sein – per Erklärung indirekt eingestandener – Drogenkonsum die verbliebenen Ämter und angesichts der bevorstehenden Nominierungen wohl auch das Mandat.

Die Lebensumstände des ersten offen homosexuellen Bundestagsabgeordneten sind nicht typisch für den Durchschnittsparlamentarier. Subjektive Überforderung spielte sicher auch eine Rolle, da der Studienabbrecher von seiner Fraktion mit dem komplizierten Themenfeld Innen- und Rechtspolitik betraut wurde. Trotzdem sind auch andere Parlamentarier von Stressventilen abhängig.

Unter ähnlichen Umständen wie Beck wurde der SPD-Abgeordnete Michael Hartmann am Berliner Domizil eines Drogendealers aufgegriffen. Das im Regierungsviertel am meisten verbreitete Aufputschmittel ist allerdings Alkohol. Vor einer der letzten Bundestagswahlen schwor der Kieler Wolfgang Kubicki (FDP), er wolle keinesfalls für den Bundestag kandidieren, um nicht als Alkoholiker zu enden oder seine Frau zu betrügen. Noch zu Bonner Zeiten lästerte Joschka Fischer: „Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt“.

Zu den wenigen Parlamentariern, die sich zum Problem öffentlich bekannten, zählte der inzwischen verstorbene CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff. Der wegen seines Sachverstands hoch respektierte Abgeordnete scheiterte nach eigenem Bekunden an den Lebensumständen des parlamentarischen Betriebs. Mindestens zu den 25 Sitzungswochen des Jahres leben die Politiker in der Berliner Parallelwelt. Während im heimischen Wahlkreis geklagt wird, der Abgeordnete sei zu wenig vor Ort, hängt die Fraktionskarriere in Berlin von der medialen und politischen Präsenz im Bundestag ab. Alle vier Jahre wird die Zerreißprobe besonders heftig, wenn die Abgeordneten ihr Mandat von der heimischen Parteibasis verlängert haben möchten.

„Vielleicht ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne an ihrer Seele Schaden zu nehmen“, gab SPD-Politiker Erhard Eppler zu bedenken. Man werde von der Politik als Mensch „uminterpretiert“, klagte der Sozialdemokrat Hermann Scheer. Die menschlichen Abgründe des politischen Geschäfts beschrieb der frühere Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann in seinem Buch „Höhenrausch“. Darin schildert er alle möglichen Versuchungen, denen Parlamentarier fern ihrer Familien ausgesetzt sind.

Auf 64 Einladungen zu parlamentarischen Abenden bringt es SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach pro Sitzungswoche. Verteidigungspolitiker werden von der Rüstungsindustrie umworben, Agrarexperten von der Nahrungsmittel-Lobby – und bei allen Gelegenheiten fließt reichlich Alkohol. Zwar sind Bonner Zeiten längst Vergangenheit, in denen alleinstehende Ministersekretärinnen zum leichten Opfer von „Romeo“-Spionen der DDR-Staatssicherheit wurden. Weder gibt es in der 3,4 Millionen Metropole Berlin einen Frauenüberschuss noch treibt die Stasi ihr Unwesen.

Aber die Erotik der Macht selbst unscheinbarer Spitzenpolitiker hat schon manches Doppelleben begründet und zum Scheitern etlicher Ehen geführt. In der „menschlichen Gefriermasse“ des Politikbetriebs, die der Schriftsteller Dieter Lattmann bei seinem kurzen Gastspiel im Bundestag ausmachte, suchen nicht wenige den erotischen Ausgleich.

In Berlin, aber auch in Washington oder London gibt es dafür prominente Beispiele – vom notorischen Liebesleben französischer Präsidenten ganz zu schweigen. Dem menschlichen Preis, den der Konkurrenz- und Erfolgsdruck politischer Karrieren kostet, steht aber die Faszination dieser Ämter gegenüber. Die Kombination von politischer Macht und Öffentlichkeitswirkung habe suchterzeugenden Charakter, meint Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Er beschreibt die vielleicht am meisten verbreitete Abhängigkeit im politischen Geschäft.

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erstellt am 04.Mär.2016 | 14:34 Uhr

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