zur Navigation springen

Insektizid Fipronil : Aldi nimmt sämtliche Eier aus dem Verkauf

vom

Rewe und Penny verhängen einen Verkaufsstopp für niederländische Eier.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 16:04 Uhr

Berlin | Der Skandal um Millionen giftbelasteter Eier zieht in Deutschland immer weitere Kreise. Inzwischen reagieren auch die Discounter auf die Situation. Aldi Süd und Aldi Nord nehmen deutschlandweit sämtliche Eier aus dem Verkauf. Das teilten die Unternehmensgruppen am Freitag mit. Es handele sich um eine „reine Vorsichtsmaßnahme“, es könne weiter von keiner gesundheitlichen Beeinträchtigung ausgegangen werden, hieß es in der Mitteilung.

Von sofort an dürften nur noch Eier an Aldi geliefert werden, für die ein Nachweis vorliege, dass sie negativ auf fipronilhaltiges Anti-Läusemittel getestet seien. Die Unternehmen teilten mit, das Vorgehen werde möglicherweise dazu führen, dass es zu Engpässen bei der Versorgung mit Eiern kommt.

Die Unternehmensgruppen begründeten die Maßnahmen den Angaben zufolge damit, dass sie „Klarheit und Transparenz“ bei ihren Kunden herstellen wollten. Schon seit Anfang der Woche beziehe Aldi keine Eier mehr aus gesperrten niederländischen Betrieben. Zudem seien in den vergangenen Tagen in einzelnen Regionen Freiland-, Bodenhaltungs- und Bio-Eier vorsorglich aus dem Verkauf genommen worden, wie es weiter hieß.

Auch der Discounter Lidl nahm Eier von Höfen unter Fipronil-Verdacht aus den Regalen. Einen Verkaufsstopp für alle niederländische Eier verhängten Rewe und Penny.

Skandal weitet sich auch in SH aus

Wie am Freitag bekannt wurde, lieferte ein zweiter niedersächsischer Zwischenhändler Eier in den Norden, die belastet sein könnten. Laut Verbraucherschutzministerium in Kiel wurden - Stand Freitag - insgesamt fünf Zentrallager von Lebensmittelketten von den beiden Händlern mit niederländischen Eiern beliefert. In den Lebensmittelläden seien vorsorglich alle niederländischen Eier aus den Regalen genommen worden.

Voraussichtlich am Dienstag werden erste Ergebnisse des Landeslabors von 15 Eierproben aus Schleswig-Holstein erwartet. Laut Ministerium könnten auch Produkte betroffen sein, die unter Verwendung von möglicherweise belasteten Eiern hergestellt wurden. Erste Rücknahmen solcher Produkte durch die Hersteller gebe es vorsorglich bereits.

12 Bundesländer betroffen

Inzwischen sei von zwölf betroffenen Bundesländern auszugehen, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Vorerst nicht betroffen waren laut Bundesministerium die vier Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Eine Schlüsselrolle hätten Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Lage sei „unter Kontrolle“, es gebe aber „noch keine Entwarnung“. Warenströme würden mit Hochdruck untersucht, auch für Produkte mit verarbeiteten Eiern.

Ein Ursprung des Skandals sind belastete Eier aus den Niederlanden, die auch in Deutschland in den Handel gelangten - darunter Bio-Eier.

<p>Im Auftrag der niederländischen Lebensmittelkontrollbehörde NVWA werden rund eine Million Eier aus einer Geflügelfarm in Onstwedde (Niederlande) zerstört, weil sie mit dem Insektizid Fipronil verseucht sind. </p>

Im Auftrag der niederländischen Lebensmittelkontrollbehörde NVWA werden rund eine Million Eier aus einer Geflügelfarm in Onstwedde (Niederlande) zerstört, weil sie mit dem Insektizid Fipronil verseucht sind.

Foto: dpa

Möglicherweise komme es zeitweise zu Engpässen. Der Deutsche Bauernverband kritisierte den Verkaufsstopp als überzogene Reaktion. Der Geflügelwirtschaftsverband Schleswig-Holstein und Hamburg rechnet damit, dass regionale Anbieter von der Entwicklung aber profitieren.

Wenn ein Discounter wie Aldi Eier aus dem Sortiment nehme, führe dass zu einem Anstieg der Nachfrage bei anderen Lebensmittel-Händlern, sagte der Landesvorsitzende Hans-Peter Goldnick der Deutschen Presse-Agentur. Die Geflügelwirtschaft sei im Norden anders strukturiert als in Niedersachsen oder den Niederlanden. Es gebe landesweit nur 40 bis 50 Betriebe mit mehr als 3000 Legehennen. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir dieses Zeug nicht im Einsatz haben“, fügte er mit Blick auf den Wirkstoff Fipronil hinzu.

Dennoch herrscht unter den Verbrauchern Verunsicherung. „Das Thema Fipronil beunruhigt Verbraucher“, sagte Vivien Rehder von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. „Wir haben verstärkt Anfragen dazu, es kommen auch Leute mit ihren Eiern in die Beratungsstellen.“ Generell rieten Ernährungsberater dazu, nicht mehr als drei Eier pro Woche zu essen. „Wenn man sich daran hält, kann nicht allzu viel passieren, selbst wenn es belastete Eier sein sollten.“

Die Bundesregierung nehme das Geschehen „sehr ernst“, sagte Schmidt. Er fügte hinzu, dass eine akute gesundheitliche Gefährdung für die Verbraucher nach derzeitigem Stand praktisch ausgeschlossen sei. Auch niedersächsische Legehennenhalter stehen unter Verdacht, Ställe mit dem fipronilhaltigem Anti-Läusemittel Dega-16 desinfiziert zu haben. Dort sind nach Angaben des Landesagrarministeriums nunmehr vier Betriebe gesperrt, in denen sich ein Verdacht bestätigt habe.

Nach Angaben des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt es vorerst keine Befunde für einen möglicherweise gesundheitsschädlichen Gehalt an Fipronil pro Kilogramm Ei. Bisher vorliegende Daten lägen „um einen Faktor zehn unterhalb“ des kritischen Werts, bis zu dem eine Gefährdung für Erwachsene wie Kinder unwahrscheinlich sei. Dieser Wert gelte sowohl für lose Eier als auch für verarbeitete Produkte. Generell gelte: „Fipronil hat in Eiern nichts zu suchen“, sagte BfR-Abteilungsleiterin Monika Lahrssen-Wiederholt.

Schnelle Aufklärung gefordert

Schmidt mahnte eine lückenlose Klärung der Vorgänge an. Zentral sei vor allem, wo im Handel oder anderswo sich noch kontaminierte Eier befinden könnten, die dann aus dem Verkehr zu nehmen seien. Bund und die betroffenen Länder stünden in enger Abstimmung, auch mit den Niederlanden und Belgien würden Informationen ausgetauscht. Verbotene Verwendung des Insektengifts wie bei Hennen sei nicht hinnehmbar und müsse von der Justiz geahndet werden, sagte der Minister.

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte eine rückhaltlose Aufklärung. „Behörden und Unternehmen müssen jetzt nachverfolgen und unverzüglich öffentlich machen, welche Eier betroffen sind und vor allem auch, in welchen Lebensmitteln belastete Eier verarbeitet wurden“, sagte Geschäftsführer Martin Rücker.

Nach Einschätzung der EU-Kommission ist die Situation unter Kontrolle. Die Höfe seien identifiziert, Eier geblockt, verseuchte Eier vom Markt genommen, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde. Ein Ursprung des Skandals sind belastete Eier aus den Niederlanden, die auch in Deutschland in den Handel gelangten - darunter Bio-Eier.

138 Betriebe in den Niederlanden gesperrt

In den Niederlanden bleiben noch 138 Geflügelbetriebe gesperrt. Bei Kontrollen seien Spuren von Fipronil in den Eiern festgestellt worden, teilte die Kontrollbehörde NVWA mit. Die übrigen der zuvor insgesamt 180 betroffenen Betriebe seien frei gegeben worden. Inzwischen seien alle belasteten Eier aus den Supermärkten entfernt worden, sagte Behörden-Sprecher Benno Bruggink. „Es sind keine niederländischen Eier mit Fipronil mehr im Handel.“ Insgesamt 180 Betriebe hatten ein Anti-Läusemittel eingesetzt, dem das für Nahrungsmittel verbotene Fipronil beigemischt worden war.

Zu den Ermittlungen gegen das flämische Unternehmen, das als Verursacher verdächtigt wird, machte die Staatsanwaltschaft in Antwerpen keinerlei Angaben. Der Händler soll dem Mittel den Stoff Fipronil beigemischt haben, der in der Geflügelzucht verboten ist. Über eine niederländische Firma wurde das Mittel weiter verbreitet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen