Nach Taliban-Angriff am Wochenende : Afghanistan: IS überfällt Büro von Hilfsorganisation „Save the Children“

Immer wieder kommt es in Afghanistan zu schweren Terroranschlägen. /Symbol

Immer wieder kommt es in Afghanistan zu schweren Terroranschlägen. /Symbol

Erst am Wochenende hatten die Taliban 20 Menschen getötet, darunter eine Deutsche. Die Gewalt lässt nicht nach.

shz.de von
24. Januar 2018, 07:58 Uhr

Kabul | Bei dem Angriff von Unbekannten auf ein Büro der Kinderhilfsorganisation Save the Children in Ostafghanistan sind mindestens vier Menschen ums Leben gekommen. Unter ihnen seien ein Zivilist und ein Mitglied der Sicherheitskräfte, sagte der Sprecher der Regierung der Provinz Nangarhar, Attaullah Chogiani, am Mittwochmittag (Ortszeit). Außerdem seien zwei der Attentäter tot. Einer habe sich am Tor der NGO in die Luft gesprengt, ein anderer sei später von Sicherheitskräften erschossen worden. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Angriff für sich reklamiert.

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit Ende der Nato-Kampfmission vor drei Jahren drastisch verschlechtert. Die radikalislamischen Taliban kontrollieren oder beeinflussen nach Militärangaben mittlerweile wieder rund 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Erst am Wochenende waren bei einem Angriff auf ein Hotel mindestens 20 Menschen getötet worden. Auch der IS verübt mehr Anschläge. In Kabul kam am Mittwochmorgen derweil der neunte Abschiebeflug mit 19 abgelehnten afghanischen Asylbewerbern an Bord an.

Das IS-Sprachrohr Amak verbreitete eine Mitteilung, in der von einer Selbstmordoperation, unter anderem mit einer Autobombe, die Rede war. Ziel seien britische und schwedische Institutionen und afghanische Regierungseinrichtungen gewesen. Save-the-Children-Büros in Afghanistan werden auch von den Büros der Organisation in Großbritannien und Schweden unterstützt. Der IS hat in Ostafghanistan seine einzige territoriale Basis und verübt dort und auch in der Hauptstadt Kabul zunehmend blutigere Anschläge.

Wie viele Attentäter sich noch in dem Haus befinden, blieb unklar. Die Attentäter waren am Mittwochmorgen gegen 9 Uhr Ortszeit in das Haus eingedrungen. Auch mehrere Stunden nach Beginn des Überfalls berichteten Augenzeugen von Schusswechseln aus dem Haus. Außerdem seien zwölf Menschen verletzt worden, sagte Chogiani. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in der ostafghanischen Provinz Nangarhar, Inamullah Miachel, sprach von 14 Verletzten. Die Zahl könne noch steigen. Ambulanzen seien unterwegs. Außerdem sollen 40 Mitarbeiter der Hilfsorganisation in dem weiterhin umkämpften Haus in einem Schutzraum gefangen sein. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur von einem Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Ob auch internationale Mitarbeiter in dem Büro waren, blieb zunächst unklar.

Laut eines Innenministeriumssprechers griffen am Samstagabend vier bewaffnete Männer das Hotel an.
Rahmat Gul/AP/dpa
Erst am Samstagabend hatten die Taliban ein Hotel angegriffen und Menschen getötet.
 

Der afghanische Journalist Bilal Sarwary berichtete, die Attentäter würfen Handgranaten Richtung Sicherheitskräfte. Ein Mitarbeiter berichtete der dpa: „Unsere Kollegen sind im Save Room, ich weiß nicht wieviele. Wir haben noch keinen Überblick, wer heute morgen im Büro war und wer im Feld. Die Angreifer haben den zweiten Stock erreicht. Sie scheinen von da aus auch auf andere Ziele zu schießen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es allen meinen lieben Kollegen in Jalalabad gerade geht. Ich zittere am ganzen Körper.“

Save the Children ist eine der größten Hilfsorganisationen in Afghanistan und kümmert sich seit 1976 vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung um Kinder und Mütter. Nach eigenen Angaben erreicht die Organisation derzeit 1,4 Millionen Kinder in 17 Provinzen.

In einem Plan der UN für die humanitäre Arbeit in Afghanistan in diesem und in den kommenden Jahren hieß es jüngst, dass Afghanistan eines der gefährlichsten Länder der Welt für Helfer sei. In den ersten zehn Monaten von 2017 seien 17 Entwicklungs- und Nothelfer getötet, 15 verletzt und 43 entführt worden. Eine Konsequenz der neuen Gefahren sei, dass Hilfsorganisationen ihre Arbeit einschränkten. „Zwischen Juli und September ist die Zahl der Partner, die wenigstens zwei der folgenden Aktivitäten durchgeführt haben – Hilfslieferungen, Bedarfsprüfungen oder Überprüfung von Projekten – von 170 auf 153 gefallen.“

Update: 14.56 Uhr:

Save the Children hat nach dem Angriff auf ihr Büro in Ostafghanistan die Arbeit landesweit eingestellt. Alle Büros seien geschlossen worden, hieß es am Mittwoch in sozialen Medien. „Wir sind bereit, unsere Operationen und lebensrettende Arbeit so schnell wie möglich wieder aufzunehmen“, hieß es in der Botschaft – sobald es sicher sei. Auch das Internationale Komittee vom Roten Kreuz (IKRK) hatte angesichts der sich drastisch verschlechternden Sicherheitslage im Land vor kurzem seine Arbeit stark eingeschränkt.

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