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Nach dem Parteitag in Bremen : AFD auf dem Weg zur Normalo-Partei

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Eine Frau, die im Saal hartgekochte Eier schält. Ein Mann, der einem anderen wütend die Stimmkarte aus der Hand schlägt. Auch das gibt es bei der AfD. Doch die Mehrheit ist bürgerlich-unauffällig - wie Bernd Lucke.

shz.de von
erstellt am 01.Feb.2015 | 12:37 Uhr

Für eine konservative Partei war die AfD bislang ganz schön schrill. Die Führungsstruktur und die ideologischen Grabenkämpfe der Truppe um Bernd Lucke erinnerten stark an die Frühphase der Grünen. Das wird jetzt anders. Nach dem Bremer Parteitag ist die AfD auf dem besten Weg, eine Normalo-Partei zu werden.

Die Parteispitze ähnelt von ihrem Aufbau her künftig eher dem, was man aus der CDU kennt, der Lucke selbst mehr als 30 Jahre angehörte.

Ab Dezember gibt es nur noch einen statt bisher drei Vorsitzende. Basisdemokratische Elemente wurden in der neuen Satzung etwas zurückgedrängt. Revolutionäre Ideen, wie etwa Mandatszeit-Beschränkungen zur „Bekämpfung des Berufspolitikertums“ kippten die Teilnehmer des Parteitags aus der neuen Satzung.

Manche Mitglieder fragen sich deshalb, was denn jetzt noch alternativ ist an der Alternative für Deutschland. Der Vorsitzende des AfD-Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen, Markus Pretzell, teilt diese Sorgen nicht - im Gegenteil. Nach einem Zwölf-Stunden-Tag auf dem Podium des Parteitagshotels ist der diskutierwütige Jurist und Europaabgeordnete immer noch zu Späßen aufgelegt. Er sagt: „Diese Partei ist immer für Überraschungen gut, was langfristige Planungen nicht gerade einfacher macht.“

Pretzell missfällt es, wenn Lucke wieder einmal mit dem Argument „Es kann nur einen Häuptling geben“ Entscheidungen an sich reißt. Doch - und auch das hat der Parteitag in Bremen gezeigt - Lucke kommt mit seiner nüchternen Art gut an. Er hat im Moment knapp zwei Drittel der Basis hinter sich. Dagegen kommt weder Pretzell an, noch die bei den AfD-lern ebenfalls sehr populäre Co- und sächsische Landesvorsitzende Frauke Petry.

Die Chemikerin sieht das, anders als einige der älteren Herren im Bundesvorstand, pragmatisch. Sie kann damit leben, für einige Jahre die Nummer zwei oder drei zu sein. Deshalb ist auch sie froh, als die Satzung mit dem auf Lucke zugeschnittenen neuen Führungsmodell am Samstagabend nach zwölf Stunden Debatte dann doch noch mit Zwei-Drittel-Mehrheit angenommen wird.

Sie sagt: „Es wäre frustrierend gewesen, wenn das nicht durchgegangen wäre.“ Die etablierten Parteien, denen die AfD zuletzt bei den Landtagswahlen in drei östlichen Bundesländern Wähler abgenommen hatte, hätten sich dagegen freuen können, wenn sich die AfD mit einem gescheiterten Satzungsparteitag ein Eigentor geschossen hätte. Nun müssen sie sich wohl darauf einstellen, dass diese neue Partei des bürgerlichen Protests auch bei der nächsten Bundestagswahl 2017 eine Rolle spielen wird. Es sei denn, sie zerbricht vorher doch noch an ihren vielen ideologischen Widersprüchen.

Der Parteitag im April, bei dem dann der neue Vorstand gewählt und die Zahl der Vorsitzenden übergangsweise zunächst von drei auf zwei verkleinert wird, birgt zwar nicht allzu viel Konfliktpotenzial. Doch wenn die AfD-ler im November erneut zusammenkommen, um über ihr neues Parteiprogramm abzustimmen, steht neuer Zoff ins Haus.

Dass dann die liberalen Datenschützer, die Law-and-Order-Freunde und die Verfechter der Mindestens-drei-Kinder-Familie aufeinander losgehen werden, ist ebenso vorhersehbar wie eine Eskalation des Streits über die Zuwanderung.

Denn einige Parteimitglieder sehen Migration vor allem unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt - „Wenn wir Ärzte brauchen, deren Kinder unsere Renten mitbezahlen sollen, können wir keine Stahlarbeiter mit Jahresverträgen ins Land holen“. Andere sind dagegen vor allem in die Partei eingetreten, um ein multikulturelles Deutschland zu verhindern. 

Einigkeit gibt es eigentlich nur in zwei Punkten: „Die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung war falsch“ und „Die political correctness nimmt uns die Luft zum Atmen“. Außerdem würde sich vermutlich die große Mehrheit der AfD-Mitglieder selbst als „wertkonservativ“ bezeichnen. Doch auch da gibt es Ausnahmen.

Unter den vielen persönlichen Internet-Hotspots, die von den Teilnehmern des Parteitags zum Surfen im Netz benutzt wurden, war auch einer mit dem Namen „Swingerclub Lanzarote“.

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