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Krieg in Syrien : Abzug von Rebellen und Zivilisten aus Ost-Aleppo verzögert sich

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Mehrere Monate war der Osten der Stadt von der Außenwelt abgeschnitten. Jetzt hat das syrische Regime wieder das Sagen.

shz.de von
erstellt am 14.Dez.2016 | 08:04 Uhr

Damaskus | Der geplante Abzug von Kämpfern und Zivilisten aus den Rebellengebieten der umkämpften syrischen Stadt Aleppo am Mittwoch verzögert sich. Hintergrund seien Unstimmigkeiten zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Rebellen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwochmorgen. Bislang habe noch niemand die Stadt verlassen. Wie es aus syrischen Regierungskreisen hieß, sollte der Abzug am Mittwochmorgen beginnen. Hier lesen Sie, wie es in Syrien weitergehen soll.

Lange galt Aleppo als die am heftigsten umkämpfte Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Der angekündigte Abzug der Rebellen könnte ein Wendepunkt in dem jahrelangen Konflikt werden. Der anstehende Abzug bedeutet einen wichtigen Sieg für die syrische Regierung im fast sechs Jahre dauernden Bürgerkrieg. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad kontrolliert damit wieder alle großen Städte des Landes.

Syriens Führung ist unzufrieden mit dem Abkommen, weil es ihm von Russland aufgezwungen worden sei. Moskau habe die Einigung zudem ohne Abstimmung mit ihr verkündet. Das Regime sei entschlossen gewesen, den Konflikt um Aleppo militärisch zu entscheiden. Die Armee und ihre Verbündeten hatten zuletzt mehr als 90 Prozent der bisherigen Rebellengebiete bei heftigen Kämpfen eingenommen.

Russland als Verbündeter der Regierung und die Türkei als Unterstützer der Rebellen waren federführend bei den Verhandlungen. Das am Dienstag verkündete Abkommen sieht vor, dass Kämpfer und Zivilisten die Stadt in Richtung der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib verlassen. Journalisten berichteten aus Aleppo, erste Busse für den Transport stünden bereit.

Der führende syrische Oppositionelle Hadi al-Bahra machte ebenfalls Syriens Regierung für die Verzögerung verantwortlich. Das Regime mache einen Rückzieher, erklärte der frühere Vorsitzende des größten Oppositionsbündnisses Syrische Nationale Koalition über Twitter.

Die syrischen Regierungstruppen haben nach einem erbitterten Kampf wieder die Kontrolle über die Großstadt Aleppo übernommen. Die Gefechte im Osten der Stadt seien beendet, sagte Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin am Dienstag in New York. Die Rebellen hatten sich mit dem syrischen Regime von Präsident Baschar al-Assad auf einen Abzug aus den verbliebenen Stadtvierteln im Osten Aleppos verständigt.

Nahezu seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien vor gut vier Jahren war die frühere Handelsmetropole Aleppo geteilt zwischen Regierungstruppen im Westen und der Opposition im Osten. Im Sommer kappte die syrische Armee dann zunächst die letzten Versorgungswege in die Rebellengebiete, vor einem Monat begann sie eine Großoffensive mit Hilfe russischer Kampfflugzeuge. Die humanitäre Lage in der Stadt war nach Angaben von Hilfsorganisationen katastrophal. Mehr als 40.000 Menschen flohen in den vergangenen Tagen vor den Kämpfen. Menschen, die noch in Aleppo leben, veröffentlichen verzweifelte Botschaften in den sozialen Netzwerken.

Hintergrund: Die umkämpfte Stadt Aleppo

Vor dem Bürgerkrieg war Aleppo Syriens Handelsmetropole im Norden des Landes. Als größte Stadt neben Damaskus hat Aleppo erhebliche strategische und symbolische Bedeutung im Bürgerkrieg. Einst lebten hier mehr als zwei Millionen Menschen. Die Altstadt mit ihrer Zitadelle gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Große Teile des kilometerweit überdachten Marktes sind inzwischen zerstört.

Aleppo galt lange als die am heftigsten umkämpfte Stadt in dem seit mehr als fünf Jahren tobenden Krieg. Die Stadt war zwischen dem Regime von Machthaber Baschar al-Assad im Westen und verschiedenen Rebellengruppen im Osten geteilt. Die heftigen Gefechte haben für schwere Verwüstungen in der Stadt gesorgt. Die vollständige Rückeroberung Aleppos könnte ein Wendepunkt in dem Krieg sein.

 

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte seiner Organisation angesichts der Situation Kapitalversagen bei der Lösung des Konflikts in Syrien attestiert. „Wir alle haben die Menschen in Syrien bislang kollektiv hängenlassen“, sagte Ban bei einer kurzfristig einberufenen Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats am Dienstag in New York. „Dieses Versagen zwingt uns, mehr zu tun, um den Menschen in Aleppo jetzt unsere Solidarität zu zeigen.“

Foto: dpa Infografik
 

Sicherheitsexperten und Verteidigungspolitiker warfen dem Westen schwere Verfehlungen im Syrien-Konflikt vor. „Man kann nicht die Absetzung eines Diktators fordern, dann die Hände in den Schoß legen und hoffen, dass er freiwillig abtritt: mit dem Verlust seiner Glaubwürdigkeit hat der Westen auch die Fähigkeit verspielt, der syrischen Bevölkerung zu Hilfe zu kommen“, sagte der Chef der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, zur „Bild“-Zeitung.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, kritisierte eine verspätete Reaktion des Westens. „Der Westen hat nicht nach Syrien geschaut, als es 250.000 Tote gab, sondern erst, als die ersten 10.000 Flüchtlinge kamen“, sagte Nouripour dem Blatt. „Diese Ignoranz hat ein Vakuum geschaffen, das (Russlands Präsident Wladimir) Putin mit Bomben gefüllt hat.“

Der russische Chefdiplomat Sergej Lawrow beriet mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in einem Telefonat über die Lage in Aleppo. Dabei sei es auch um humanitäre Hilfe für die Menschen in der Stadt gegangen, teilte das Ministerium in Moskau mit. Ein Sprecher der Bundesregierung bestätigte, dass auch Kanzlerin Angela Merkel mit Russlands Präsident Wladimir Putin telefoniert und mit ihm über die katastrophale Lage im Osten Aleppos gesprochen habe.

Zuvor hatte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, die Verbündeten Russland, Iran und Syrien für die Gräueltaten in Aleppo verantwortlich gemacht. Zudem zeigten sie keinerlei Gnade für die Zivilisten, sagte sie. Die Vereinten Nationen hatten regierungstreuen Truppen vorgeworfen, in den vergangenen Tagen der Offensive mindestens 82 Zivilisten getötet zu haben.

Die Einigung über den Abzug aus der Stadt kam offenbar unter Vermittlung von Russland als Verbündetem der syrischen Regierung und der Türkei als Unterstützer der Rebellen zustande. Nach Angaben der türkischen Regierung sollen sie die Umsetzung des Abkommens garantieren. Unklar war zunächst, ob auch die Al-Kaida-nahe Fatah-al-Scham-Front (früher: Al-Nusra) abzieht und Teil der Abmachung ist.

Beobachter rechnen trotzdem nicht damit, dass der Bürgerkrieg bald endet. Rebellen beherrschen unter anderem die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im Norden und Osten Syriens noch große Gebiete unter Kontrolle.

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