Nach zwei Jahren Haft : US-Pastor Andrew Brunson verlässt Türkei in Richtung Deutschland

Andrew Brunson wurde wegen eines Streits der USA und der Türkei zwei Jahre lang in der Türkei festgehalten.
Andrew Brunson wurde wegen eines Streits der USA und der Türkei zwei Jahre lang in der Türkei festgehalten.

Der evangelische US-Amerikaner darf ausreisen. Das dürfte auch die türkische Währungskrise entschärfen.

shz.de von
12. Oktober 2018, 23:21 Uhr

Izmir | Nach einem schweren Zerwürfnis mit den USA ist der seit rund zwei Jahren in der Türkei festgehaltene US-Pastor Andrew Brunson frei. Ein Gericht im westtürkischen Izmir ordnete am Freitag die Aufhebung des Hausarrests an. Auch die Ausreisesperre wurde aufgehoben. Brunson verließ die Türkei am Abend und flog zusammen mit seiner Frau Norine in Richtung Deutschland. US-Präsident Donald Trump begrüßte die Freilassung und die Nachricht vom Abflug Brunsons. Dies seien "gute Nachrichten", sagte er auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung in Cincinati. "Wir sind sehr geehrt, dass er wieder bei uns ist. Er hat sehr gelitten."

Das Weiße Haus bestätigte am Abend, dass die Maschine bereits den türkischen Luftraum verlassen habe. Nach einem Zwischenstopp in Deutschland werde Brunson am Samstagmittag (Ortszeit) am Militärflughafen Andrews erwartet, sagte Sprecher Judd Deere. Zuvor hatte schon der Sender CNN berichtet, Brunson werde im US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland gründlich ärztlich untersucht werden.

Das Gericht in Izmir hatte am Freitag zudem eine Haftstrafe von drei Jahren, einem Monat und 15 Tagen gegen Brunson verhängt, die er jedoch nicht antreten muss. Außerdem wird nach türkischen Medienberichten die bereits in Haft verbrachte Zeit angerechnet. Brunsons Anwalt Ismail Cem Halavurt sagte der dpa, er werde trotzdem gegen das Urteil vorgehen.

Fall brachte Lira zum Einsturz

Der Fall Brunson hatte ein schweres Zerwürfnis zwischen Washington und Ankara ausgelöst. Um die Freilassung des Pastors zu erreichen, hatte US-Präsident Donald Trump im August Sanktionen und Strafzölle verhängt, die Türkei reagierte mit Gegenmaßnahmen. Die türkische Lira brach daraufhin auf historische Tiefstände ein, die Währungskrise dauert auch Wochen später noch an. Auf die Entscheidung des Gerichts reagierte die Lira sofort mit einem Ausschlag nach oben.

Während des international mit Spannung verfolgten Gerichtstermins waren zentrale Zeugenaussagen in sich zusammengefallen. Wie die Zeitung "Hürriyet" am Freitag berichtete, zogen insgesamt drei Zeugen Aussagen zurück. Ein Zeuge zum Beispiel widerrief die Behauptung, dass ein syrisches Mitglied von Brunsons Kirchengemeinde Bomben für Terrorangriffe gebaut habe.

Brunson wirkte während der Verhandlung sichtlich mitgenommen, wie eine dpa-Reporterin im Gerichtssaal berichtete. Kurz vor der Urteilsverkündung wischte er sich die Augen mit einem Taschentuch, legte die Stirn auf die Schulter seiner Frau Norine und umarmte sie minutenlang.

Bizarre Zeugenaussagen

Ein dpa-Reporter im Gerichtssaal berichtete, wie sich Zeugen der Anklage in einem nachgerade bizarren Austausch gegenseitig widersprachen. Ein per Videoleitung zugeschalteter Zeuge sagte zunächst, er habe von zwei weiteren Zeugen gehört, dass in Brunsons Kirche Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und Anhänger der Gülen-Bewegung ein und aus gegangen seien. Sowohl die PKK als auch die Gülenisten gelten in der Türkei als Terroristen. Die betreffenden Zeugen gaben jedoch kurze Zeit später zu Protokoll, dass sie das doch wiederum selbst von dem ersten Zeugen gehört hätten.

Die USA hatten zuletzt den Druck auf die Türkei immer wieder erhöht und betont, wie wichtig Brunsons Freilassung für die US-türkischen Beziehungen sei. US-Außenminister Mike Pompeo hatte in der Nacht zum Donnerstag der Türkei erneut dringend angeraten, Brunson nach Hause zu schicken. Der US-Sender NBC berichtete einen Tag vor der Fortsetzung des Prozesses von einer geheimen Einigung zur Freilassung des Pastors – Washington bestätigte das jedoch nicht.

Seit 20 Jahren in der Türkei, fast zwei Jahre in Haft

Der 50-Jährige Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Er war Pastor an einer evangelikalen Kirche in der Küstenmetropole Izmir, als er wenige Monate nach dem Putschversuch vom Juli 2016 in der Türkei festgenommen und dann im Dezember des selben Jahres in Untersuchungshaft genommen wurde. Ende Juli wurde er wegen Gesundheitsproblemen in den Hausarrest entlassen.

Konkret wurde dem US-Pastor Unterstützung der PKK und der Bewegung um den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Führung für den Putschversuch verantwortlich macht. Die Staatsanwaltschaft warf Brunson zudem Spionage vor und hatte zunächst bis zu 35 Jahre Haft für ihn gefordert.

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