Kommentar : Steigende Mieten? Es geht auch anders.

Trautes Heim, Glück allein: Zumindest ein Teil derer, die über hohe Mieten klagen, könnte dem über den Kauf einer Wohnung entgehen. Das setzt freilich die Bereitschaft zu Verzicht, Disziplin und Risiko voraus. Foto: Henning Kaiser/dpa
Trautes Heim, Glück allein: Zumindest ein Teil derer, die über hohe Mieten klagen, könnte dem über den Kauf einer Wohnung entgehen. Das setzt freilich die Bereitschaft zu Verzicht, Disziplin und Risiko voraus. Foto: Henning Kaiser/dpa

Wann hat sich eigentlich der Glaube festgesetzt, es sei sinnvoll, die Mieten so gut wie möglich einzufrieren? So schön eine weitgehende Stagnation im Einzelfall ist, so sehr gibt es auch Argumente, die klar dagegen sprechen. Scheinbar will sie keiner hören. Ein Kommentar.

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29. November 2018, 15:56 Uhr

Berlin | Zum einen haben es viele Menschen in der eigenen Hand, Mieten komplett zu vermeiden: durch den Erwerb von Eigentum. Sicher, das setzt harte Arbeit, Verzicht auf Konsum oder eine Erbschaft oder eine Kombination all dessen voraus, aber unmöglich ist es nicht.

Im einen oder andere Urlaub hieße es dann freilich, zu renovieren oder den Garten zu gestalten. Wäre es möglich, dass zumindest ein Teil derer, die fortlaufend niedrige Mieten fordern, ihre Freizeit lieber anders verbringen und Bindung, Aufwand und Risiko scheuen, wie es mit Wohneigentum verbunden ist? Zumindest diese Gruppe hätte es selbst in der Hand, etwas gegen ihre Miete zu tun. Zwar liegen die Bau- und Kaufpreise relativ hoch, aber die Kreditzinsen zugleich rekordverdächtig niedrig. Die Gesamtkalkukation fällt so günstig aus wie selten in der Vergangenheit, wenn man sich denn traut.

Auch volkswirtschaftlich haben steigende Mieten durchaus eine Funktion. Wird ein Viertel oder eine ganze Stadt zu teuer, suchen sich die Menschen Alternativen. Sie entdecken und entwickeln heruntergekommene Ecken, weshalb steigende Mieten der Entstehung von abgehängten Ghettos entgegenwirken. Ottensen in Hamburg ist so ein Fall oder das Schanzenviertel: Früher von Kleingewerbe, Arbeiterwohnungen und Schlachthof geprägt, kocht hier heute Tim Mälzer und hat sich ein bürgerliches Milieu eingenistet; weiter geht der Trend derzeit in St. Georg, und wo es zu teuer wird, wandern die Menschen eben ab.

Für Firmen und Behörden gilt das gleiche. Muss es immer die Metropole als Standort sein? Je höher die Mieten für Mitarbeiter und Gewerbe dort sind, umso größer der Anreiz, in Mittelstädte oder gar die Fläche zu gehen oder dort zu bleiben: Es muss nicht jede neue Behörde automatisch in Berlin eröffnen oder eine Zweigstelle dort unterhalten.

Auf all diese Weisen würden Mieten auf natürliche und, gesamtwirtschaftlich gesehen, förderliche Weise reguliert. Die Preise staatlich zu lenken, wirkt hingegen darauf hin, den Status quo künstlich zu erhalten und die Lage so auf Dauer sogar zu verschärfen. Sinnvoll wäre es, mehr Vertrauen in den Markt zu haben. Nur wird dafür natürlich keiner gewählt.

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