Entwarnung ohne Grundlage : Moorbrand im Emsland: Bundeswehr verwies auf Messungen, die es nicht gab

Patrouille am Abend: Ein Trupp im Naturschutzgebiet Tinner Dose auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle bei Meppen im Emsland. Die Schadstoffmessungen der Bundeswehr setzten nach dem Moorbrand erst spät ein. Foto: Bundeswehr/Sebastian Grünberg
Patrouille am Abend: Ein Trupp im Naturschutzgebiet Tinner Dose auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle bei Meppen im Emsland. Die Schadstoffmessungen der Bundeswehr setzten nach dem Moorbrand erst spät ein. Foto: Bundeswehr/Sebastian Grünberg

Die Bundeswehr hat in den Tagen der größten Rauchentwicklung des Moorbrandes im Emsland Risiken für die Anlieger ihres Testgeländes und für weit über 1000 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk verneint. Dabei verwies sie auf Messungen, die es nie gab.

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04. Oktober 2018, 13:29 Uhr

Osnabrück | Daten, die eine Entwarnung gerechtfertigt hätten, lagen ihr zum Zeitpunkt der entsprechenden Erklärungen nicht vor. "Die in den vergangenen Tagen bereits durchgeführten Luftmessungen werden heute fortgesetzt, die Überwachung wird engmaschig durchgeführt“, heißt es etwa in einer Mitteilung der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD) vom 20. September. Mehrere Messungen hatte es nach Recherchen unserer Redaktion bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht gegeben, engmaschige und umfassende schon gar nicht.

Auszug aus der Presseinformation der Bundeswehr vom 20. September.
Auszug aus der Presseinformation der Bundeswehr vom 20. September.

Die Bundeswehr bestätigte in dieser Woche auf Nachfrage, von Kohlenmonoxid abgesehen erst ab dem 20. September Luftschadstoffe gemessen lassen zu haben – 17 Tage nach Ausbruch des Brandes, drei Tage nach der maximalen Rauchentwicklung und einen Tag nach einer pauschalen öffentlichen Feststellung, wonach, so wörtlich, „keine Gesundheitsgefährdung durch die Rauchentwicklung“ bestehe.

NRW-Trupp kam erst Tage später

Die zitierte Aussage über die Vortage beziehe sich auf „Messungen des Landkreises Emsland, bei dem das Land NRW entsprechend unterstützt hat“, erklärte ein Sprecher in dieser Woche weiter. Das Landesamt für Natur,- Umwelt- und Verbraucherschutz NRW hatte in der Tat Messungen durchgeführt – aber erst ab dem 22. September, also zwei Tage nach der Unbedenklichkeitserklärung der Bundeswehr und fünf Tage, nachdem die Qualmwolke sich bereits zu verziehen begonnen hatte.

Beschränkte Aussagekraft

Auch dem Landkreis Emsland sind keine einschlägigen Schadstoffmessungen vor dem 19. September bekannt, sagte ein Sprecher unserer Redaktion. Gleiches erklärte die Feuerwehr. An diesem 19. September hatte der Gefahrgutzug der Feuerwehr Leer auf Veranlassung der Bundeswehr die Kohlenmonoxidkonzentration gemessen. An späteren Tagen (21. und 22. September) wiederholte der Zug die Messungen im Auftrag des Landkreises. Die Aussagekraft mit Blick auf gesundheitliche Gefahren ist allerdings eingeschränkt. Die Konzentration anorganischer Gase, flüchtiger Kohlenwasserstoffe TVOC, polycyclisch aromatischer Kohlenwasserstoffe PAK sowie von Staub, Schwermetallen und sprengstofftypischen Verbindungen wurde durch die Gefahrstoffmessstelle Nord der Bundeswehr erst am 20. September ermittelt, wiederum also, als die Rauchentwicklung bereits deutlich abgeklungen war.

'Keine Gesundheitsgefährdung': Auszug aus der Bundeswehrmitteilung vom 19. September.
"Keine Gesundheitsgefährdung": Auszug aus der Bundeswehrmitteilung vom 19. September.

Bevor der Landkreis Emsland die Messungen am 21. September übernahm, erfolgte nach Angaben der Bundeswehr ansonsten nur noch ein weiteres Mal die Messung von Kohlenstoffdioxid, Schwefeldioxid, Distickstoffmonoxid, Methan, Stickstoffdioxid und Stickstoffmonoxid, und zwar am 20. September durch die WTD selbst. „Alle an diesem Tag (20.09.2018) ermittelten Messwerte lagen unterhalb der Grenzwerte“, teilte die Bundeswehr mit. Veröffentlicht wurden die Werte bisher allerdings nicht.

Vorschnelle Entwarnung

Treffen die Angaben der Bundeswehr zu, hat sie also einerseits vorschnell Entwarnung gegeben. Andererseits wären Gerüchte über vorherige und bisher unveröffentlichte Messungen der Bundeswehr auf dem eigenen Gelände falsch. Beispielsweise hatten die Grünen die Herausgabe entsprechender Daten aus den ersten zwei Wochen des Brandes gefordert. Diese gibt es scheinbar nicht.

Die Bundeswehr verweist in diesem Zusammenhang übrigens auch darauf, dass sie für die Bewertung der konkreten Gefahr eines Löscheinsatzes letztlich gar nicht zuständig sei. Zwar ist sie Eigentümerin des Geländes und durch einen Raketenabschuss bei großer Trockenheit die Verursacherin des Brandes. Ein Sprecher stellte aber fest, dass die Beurteilung einer etwaigen Gefahr beim Löschen „immer dem zuständigen Einheitsführer“ obliege. Wörtlich erklärte der Sprecher: „Sofern die Gefahr von Atemgiften erkennbar ist, werden durch den Einheitsführer geeignete Maßnahmen zum Schutz der Einsatzkräfte angeordnet.“

Auf Angaben der Bundeswehr sollte er sich bei seiner Risikoabschätzung wohl besser nicht verlassen.

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