Tafel-Chef Jochen Brühl im Interview : Immer mehr Rentner stehen bei den Tafeln für Lebensmittel an

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. Foto: Carstensen/dpa
Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. Foto: Carstensen/dpa

Der Bundesverband der Tafeln hat in der Debatte um Lebensmittelpreise in Deutschland davor gewarnt, Menschen mit geringem Einkommen aus dem Blick zu verlieren. Verbandschef Brühl sagt im Interview: „Einfach nur höhere Lebensmittelpreise zu fordern, ist zu einfach. Das würde die Kundenzahl bei den Tafeln in die Höhe treiben.“ Allerdings: Auch so steigt die Zahl - besonders Rentner stehen an.

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07. Dezember 2019, 02:12 Uhr

Osnabrück | Herr Brühl, die Zahl der Tafelkunden steigt, einzelne Tafelverbände beklagen eine Überlastung. Kommt dieses ehrenamtliche Konstrukt an seine Grenzen, droht es zu kollabieren?

Es kommen immer mehr Menschen zu den Tafeln. Das ist richtig. Derzeit verzeichnen wir 1,65 Mio Kunden. Das sind zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr 2018. Aber wir sind insgesamt in der Lage, diese Herausforderung zu meistern.

Welche Personengruppen kommen denn verstärkt zu Ihnen, um Lebensmittel zu erhalten?

Es kommen immer mehr ältere Menschen. Die Zahl der Rentner unter den Tafelkunden ist innerhalb eines Jahres um 20 Prozent auf 430.000 gestiegen. Es kostet viel Energie, seine Armut zu verstecken. Viele Rentner haben diese Energie für ein Versteckspiel vielleicht einfach nicht mehr und kommen dann zu uns. Hinzu kommt, dass wir unsere Angebote angepasst haben, spezielle Senioren-Nachmittage und Ähnliches. Das senkt vielleicht die Hemmschwelle. Und nicht unterschätzen darf man, dass wir auch eine Anlaufstelle gegen Alters-Einsamkeit sind.

Die Große Koalition streitet um die Grundrente, die ja besonders armen Rentnern helfen soll. Wir das denn Trend stoppen?

Das glaube ich nicht. Grundrente klingt so, als werde damit die Altersarmut in Deutschland abgeschafft. Das ist natürlich Quatsch. Eine effektive Bekämpfung von Altersarmut fängt doch im Erwerbsleben oder noch früher an. Unter unseren Kunden sind auch 500.000 Kinder und Jugendliche. Deren Zahl übersteigt also noch die der Rentner, die unsere Angebote nutzen.

Foto: dpa/Roland Weihrauch
Roland Weihrauch
Foto: dpa/Roland Weihrauch


In Deutschland werden immer noch zu viele Lebensmittel einfach weggeworfen. Die Bundesregierung will das ändern. Teil der Strategie sind auch die Tafeln…

Es freut uns, dass wir Teil dieser Strategie sein sollen. Aber was uns wundert: Wie wir das organisieren sollen, noch mehr Lebensmittel als bislang zu retten, interessiert offenbar niemanden. Kein Politiker fragt: ,Was braucht ihr denn, um diese gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen?`“ Stattdessen hören wir immer nur, was angeblich nicht gehe, wenn wir um Unterstützung anfragen. Wir sind ein guter Seismograph dafür, was in der Gesellschaft schief läuft. Wir machen nicht nur Armut sichtbar, sondern auch den wahnsinnigen Überfluss. Ich finde es fahrlässig, uns und unsere Erfahrungen so zu ignorieren.

Was läuft falsch? Haben Sie ein Beispiel aus dem Tafel-Alltag?

Die Gesellschaft verdrängt, unter was für Umständen Menschen in Deutschland leben. Ich glaube zwar nicht, dass Menschen hierzulande hungern. Aber gerade ältere Menschen berichten uns, dass sie die Heizung im Winter nicht anstellen, weil sie Sorge haben, die Heizkostenabrechnung im Frühjahr nicht mehr bezahlen zu können. Solche Geschichten bekommt man zu hören, wenn man unsere 60.000 ehrenamtlichen Helfer fragt. Nur fragt sie kein Politiker!

Foto: dpa/Sven Hoppe
Sven Hoppe
Foto: dpa/Sven Hoppe


Was für eine Unterstützung vom Staat bräuchten die Tafeln denn?

Wir wollen keine staatliche Organisation sein. Aber eine institutionelle Förderung muss drin sein, damit wir verlässlich Lebensmittel retten und verteilen können. Bislang sind unsere Lager und Kühlfahrzeuge ausschließlich spendenfinanziert. Wir geraten an Kapazitätsgrenzen. Wir brauchen mehr Kühllager, Fahrzeuge und hauptamtliche Unterstützung, um mehr Lebensmittel retten zu können. Das Geld will uns aber niemand geben. Stattdessen werden wir von der Politik mit Schulterklopfern abgespeist. Das reicht nicht!

Es wird ja derzeit viel über Lebensmittelpreise gesprochen. Die Bauern, aber auch Teile der Bundesregierung sagen in Richtung Handel: Die Preise müssen rauf. Richtig?

Natürlich bin ich dafür, dass Lebensmittelpreise auskömmlich für die Bauern sind. Lebensmittel sind wertvoll und es ist aufwendig und ressourcenintensiv sie zu produzieren. Aber: Auch Menschen, die wenig haben, müssen sich gesund ernähren können. Ich kann nur davor warnen, arme Menschen bei der Debatte um Lebensmittelpreise aus dem Blick zu verlieren. Einfach nur höhere Lebensmittelpreise zu fordern, ist zu einfach. Das würde die Kundenzahl bei den Tafeln in die Höhe treiben.

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