Oft mühsame Polizeiarbeit : Ehrenwort, verruchte Frauen und Protzkarren? Wie kriminelle Clans wirklich ticken

Nach dem spektakulären Dresdner Juwelendiebstahl im Jahr 2019 wurde dieser Verdächtige festgenommen. Der Mann gehört einer arabischen Clanfamilie an.
Nach dem spektakulären Dresdner Juwelendiebstahl im Jahr 2019 wurde dieser Verdächtige festgenommen. Der Mann gehört einer arabischen Clanfamilie an.

Ein Wissenschaftler ist angetreten, mit Illusionen über Clans aufzuräumen. Eine Studie gibt Einblicke in den Alltag.

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17. Februar 2021, 06:00 Uhr

Kiel/Osnabrück | Es war ein filmreifer Coup: Drei Männer steigen nachts durch ein Fenster der Herrenumkleide in das Berliner Bode-Museum ein. Sie zerschlagen eine Vitrine und transportieren mit Schubkarre und Rollbrett die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ ab. Ihr Wert: Mindestens 3,75 Millionen Euro. Die Täter des spektakulären Berliner-Krimis 2017 werden später geschnappt, die Drei gehören dem bekannten arabisch-stämmigen Remmo-Clan an – und schweigen. Bis heute ist die Beute nicht gefunden, vermutlich wurde die Münze zerteilt und eingeschmolzen, um Spuren zu verwischen. Auch beim spektakulären Juwelen-Raub 2019 im Grünen Gewölbe in Dresden weist die Spur zum Remmo-Clan. Die Auftraggeber und Hintermänner sind unbekannt. Vielleicht das Familienoberhaupt? Oder ein Onkel? Lassen die es sich jetzt gerade irgendwo gut gehen? Irgendwie faszinierend, oder nicht?

In der Bevölkerung herrscht ein romantisches Bild vom Mafia-Paten vor, der in einem Orangenhain auf Sizilien sitzt und einen Enkel auf den Knien hat. Das mag es geben. Aber die Organisierte Kriminalität hat viele Gesichter.

Das sagt Prof. Arndt Sinn, Jurist und Professor für Strafrecht an der Universität Osnabrück. Da geht es nicht nur um den väterlichen Paten, der seinen Clan im Griff hat, sondern auch um Drogenhandel und Zigarettenschmuggel, um schnöde Wirtschaftskriminalität und das Verhökern gefälschter Produkte auf Billigmärkten. Manchmal langweilige Geschichten, nur mühsam aufzuklären, oft erst nach Jahren und unbefriedigend, weil meist nur die kleinen Fische ins Netz der Fahnder gehen.

Fahnder müssen oft mühsam Beweise suchen

Statt faszinierender Stories bedeutet das Aufklären von Banden- und organisierter Kriminalität oft mühsame Arbeit über Monate oder Jahre. Mit Missverständnissen aufzuräumen, ist das eine Ziel des Professors. Das andere lautet, der Politik Tipps zu geben, wie die Strafverfolgung besser laufen kann – nach mehreren Büchern über Organisierte Kriminalität, kurz „OK“ genannt, nun in einer großen Studie. Seit Oktober 2020 führt Sinn das Verbundprojekt „Organisierte Kriminalität 3.0“ an, vom Bund mit drei Millionen Euro gefördert, mit zahlreichen Partnern aus Wissenschaft und Praxis.

Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ wurde vermutlich eingeschmolzen
picture alliance/dpa
Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ wurde vermutlich eingeschmolzen

Der moderne Sherlock Holmes

Mit seinem durchdringenden Blick, Brille und Einstecktüchlein im Jackett wirkt Arndt Sinn wie die moderne Version eines Sherlock Holmes. Statt Lupe liegt in seinem Regal ein symbolisches Höhrrohr, das er mal geschenkt bekommen hat, „um in die Strukturen der Kriminellen hineinzuhören“. In seinem Büro ist der 49-Jährige umringt von Büchern, es sind so ungefähr 700, schätzt er. Nicht alle hat er gelesen, gibt er zu. Im Moment schmökert er in seiner Freizeit gerade in einem Buch über das Leben des Pablo Escobar, des legendären Drogenbarons aus Kolumbien, 1993 von Sicherheitskräften erschossen. „Ich möchte mich in die Psyche von Führungsfiguren der Organisierten Kriminalität hereinfinden, wissen, wie das funktioniert“, erklärt der Wissenschaftler. „Exzessive Gewalt spielte für ihn eine große Rolle, auch der Erhalt von Macht, viele Verbündete und der unbedingte Wille, der Beste zu sein.“

Der Jurist und Wissenschaftler seziert die schillernde Welt der Organisierten Kriminalität auf sehr nüchterne Art. Das macht ihn zum gefragten Berater internationaler Strafverfolgungsbehörden wie Europol, das hat ihm Gastprofessoren in Japan und China eingebracht. Der Lehrstuhlinhaber leitet das Zentrum für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (ZEIS) und ging auch schon der internationalen Arzneimittelkriminalität auf den Grund.

Prof. Arndt Sinn von der Universität Osnabrück: Der moderne Sherlock Holmes
Hermann Pentermann
Prof. Arndt Sinn von der Universität Osnabrück: Der moderne Sherlock Holmes

Mafia-Morde sind schlecht fürs Geschäft

„Die Aufklärung von Organisierter Kriminalität ist zäh“, sagt Prof. Sinn. „Sie ist teuer, langwierig und selten von Erfolg gekrönt, weil sich die Szene abschottet und schweigt.“ Oder manchmal eben auch Selbstjustiz übt. Wie etwa bei den Duisburger Mafia-Morden, als 2007 vor der Pizzeria „Da Bruno‟ nachts sechs Italiener aus einem Maschinengewehr mit Kopfschüssen quasi hingerichtet wurden. Der Höhepunkt einer Familienfehde. „Duisburg war eine Katastrophe, geradezu ein Super-GAU für die Mafia, weil ihre Geschäfte aufflogen und sie diese nicht mehr im Verborgenen weiterführen konnte“, sagt Prof. Sinn.

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Wenn Arndt Sinn über die Organisierte Kriminalität redet, schwingt geradezu Euphorie mit, „weil sie so facettenreich ist“, sagt er. Sinn will nicht nur im Elfenbeinturm der Wissenschaft forschen, er will konkret Polizei, Justiz und Politik helfen. Ziel der Studie ist deshalb auch, Handlungsempfehlungen zu geben, wenn sie denn in drei Jahren abgeschlossen ist. Der Jurist kennt deshalb viele Fälle aus der Praxis bis ins Detail und hatte auch schon mit Clan-Mitgliedern zu tun, ohne dass er darüber reden will. Aber wie kann man „OK“ erforschen, wenn sie sich doch abschottet? „Über akribische Arbeit“, antwortet der Wissenschaftler. Zu den Mitstreitern im Forschungsprojekt gehören Landeskriminalämter, Staatsanwaltschaften, der Zoll, die Deutsche Hochschule der Polizei, ein Institut für Kriminologie und ein Fraunhofer Institut. Die Experten werten Akten aus, machen Interviews mit Ermittlern und Banden-Mitgliedern, wenn doch mal einer auspackt, lesen Geständnisse und Urteile und suchen gemeinsam nach technischen Hilfsmitteln, um OK aufzuspüren.

Anis Amri war vor allem Drogendealer

Und so kann Sinn schon jetzt mit manchen Vorurteilen aufräumen – nicht nur das mit dem Paten im Orangenhain. „Wir müssen die Definition von Organisierter Kriminalität überdenken – die stammt von 1990 und ist veraltet“, sagt Sinn. So werde der Terrorismus bislang ausdrücklich ausgeschlossen. „Dabei wissen wir, dass es enge Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Terroristen gibt. Zum Beispiel haben sich die Paris-Attentäter von „Charlie Hebdo“ über den Verkauf gefälschter Artikel finanziert.“ Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt 2016 Anis Amri habe sein Geld mit Drogenhandel verdient. Auch bei tschetschenischen Banden gäbe es Verbindungen zur Terrorismus-Finanzierung. „Diese Allianzen haben Fahnder zu spät gesehen, da gab es schon vorher viele Spuren“, sagt Sinn.

Neu sei auch der Trend, dass Organisierte Kriminelle immer öfter Service-Leistungen anböten: „Im Internet, dem Darknet, kann man gefälschte Führerscheine oder Pässe kaufen. Und die OK finanziert die Plattformen dafür“, erklärt Arndt Sinn. Vernachlässigt werde bislang auch als neues Feld die Nanotechnologie und die Künstliche Intelligenz. „Wir müssen den Blick dahin richten und schauen: Verdient die Organisierte Kriminalität dort auch Geld?“

Razzia gegen Organisierte Kriminalität
Bodo Marks
Razzia gegen Organisierte Kriminalität

Keiner weiß genaues über Banden

Ihn stört vor allem, dass die Sicherheitsbehörden keinen wirklichen Überblick über Organisierte Kriminalität haben. Es sei ein Irrtum zu glauben, das jährliche Lagebild des Bundeskriminalamtes BKA könne das zeigen. Im Gegenteil: Ihn macht diese Statistik immer wieder sprachlos. Darin steht beispielsweise, dass es jedes Jahr in etwa gleich viele OK-Verfahren gibt (2019 waren es bundesweit 579), jedes Jahr steht Drogenhandel an der Spitze. „Da kann man nur sagen: Vom BKA aus Wiesbaden nichts Neues“, schimpft Arndt Sinn. Das seien nur die bekannten Taten, das Dunkelfeld sei um ein Vielfaches höher. Drogendelikte stünden nur deshalb auf Platz eins, „weil wir unsere Pappenheimer genauso wie die Drogenrouten kennen – da ist es einfach zuzugreifen“, so Sinn.

Um organisierte Kriminelle effektiv zu verfolgen, brauche Deutschland viel mehr speziell ausgebildete Fahnder. Zudem müsse die Politik „vor die Tat kommen“ – sprich rechtliche und juristische Lücken schließen, etwa bei der Geldwäsche, die bei Organisierter Kriminalität beliebt sei, um Beute und Einnahmen zu verschleiern. Auch Aussteiger-Programme und die Jugendhilfe würden in Deutschland noch stiefmütterlich behandelt. Arndt Sinn hat also einen ganzen Katalog an Vorschlägen für die Politik.

Wer ein T-Shirt auf dem Grabbelmarkt kauft, macht sich schuldig

Darunter sind auch unbequeme Forderungen – etwa zur Produkt-Piraterie. Der Experte kritisiert, dass Kriminelle mit gefälschten Markenprodukten jedes Jahr rund 461 Milliarden US Dollar Gewinn machen – und viele Bürger und Touristen dazu beitragen.

Jeder, der für 5 Euro ein Marken-T-Shirt auf dem Grabbelmarkt kauft und erwischt wird, sollte eine Geldbuße als Ordnungswidrigkeit zahlen.

Man müsse aufhören, es als Kavaliersdelikt zu sehen, wenn Schnäppchen-Jäger gefälschte Produkte kauften, findet Sinn. Jeder, der erwischt werde, sollte dafür eine Geldbuße aufgebrummt bekommen. „Aber das will die Politik nicht hören und macht nicht mit, weil sie dann Wählerstimmen verliert“, ärgert sich der Jurist. Dass Politiker sich nicht so sehr für die Organisierte Kriminalität interessieren, findet Arndt Sinn bedauerlich. Vielleicht hilft ja der ein oder andere Film zum Thema - wie etwa der legendäre Pate: „Der Pate ist Kult. Mit diesem Film und der Darstellung von Großfamilien-Clans habe ich kein Problem – das ist ja Unterhaltung, keine Aufklärung“, sagt Professor Sinn. „Damit muss ich als Wissenschaftler leben.“

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