Kommentar : Joe Biden bietet sich im TV-Duell als seriöse Alternative zu Donald Trump an

Landesweit verfolgten Millionen Menschen die erste TV-Debatte von US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden wie hier in West Hollywood,Kalifornien.
Landesweit verfolgten Millionen Menschen die erste TV-Debatte von US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden wie hier in West Hollywood,Kalifornien.

Die Kontrahenten bieten ihren jeweiligen Anhängern, was sie hören wollen.

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30. September 2020, 05:47 Uhr

Osnabrück | Hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden seine Chance vertan? Oder hat sich der amtierende Präsident Donald Trump endgültig unmöglich gemacht? Mit Vorhersagen ist das bekanntlich so eine Sache – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

Tatsache ist: Biden hat im ersten direkten Rededuell mit dem Chef im Weißen Haus eine ordentliche Figur abgegeben. Von jemandem, der einen rhetorischen Berserker wie Donald Trump schlagen will, hatte man genau das erwarten müssen: Seriosität. Biden will das moralische Gewissen der Nation sein.

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Trumps Impulsivität kontert der Demokrat mit ungläubigem Schmunzeln und demonstrativer Gelassenheit. Das erinnert an Aikido, die Kampfkunst, die den Schwung des Gegners nutzt, um ihn auszuschalten. Doch reicht Bidens zur Schau gestelltes inneres Gleichgewicht auch, um Trump rhetorisch zu Boden zu werfen? Nur bedingt.

Das niedrige Niveau der Debatte

Bereits nach wenigen Minuten ist klar, auf welchem Niveau sich die Debatte bewegen wird – im Stil krawallig bis unterirdisch, inhaltlich weniger aufschlussreich, als man es sich als Wähler wünschen würde. Die Kontrahenten lassen einander nicht ausreden und attackieren sich bisweilen auch unterhalb der Gürtellinie. Doch es ist vor allem Trump, der von den Spielregeln einer gesitteten Debattenkultur nichts wissen will - und sich damit treu bleibt. Wiederholt ruft der Moderator den Präsidenten zur Ordnung.

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„An Ihnen ist nichts clever, an Ihnen ist nichts klug, Sie waren der Schwächste in der Klasse“, keilt der US-Präsident an die Adresse Bidens, der den Präsidenten wiederholt bezichtigt „keinen Plan“ zu haben, immer wieder zu „lügen“, kurzum „der schlechteste Präsident“ zu sein, den Amerika je hatte.

In mehreren Themenblöcken arbeiten sich die beiden aneinander ab, von der Besetzung des Supreme Courts über die Gesundheitsversorgung bis zur Corona-Pandemie, von Trumps Steuerzahlungen über die Wirtschaftslage bis zu Rassismus, Sicherheit und Ordnung und den Klimawandel. Dabei versucht Trump Biden wie bereits in der Vergangenheit als Erfüllungsgehilfen sozialistischer Radikaler darzustellen, der die Wirtschaft an die Wand fahren und die öffentliche Ordnung gefährden würde.

„Es gibt keinen Präsidenten, der so viel geleistet hat, wie ich – und das trotz Amtsenthebungsverfahren und solcher Sachen“, lobt sich Trump selbst. Dass dies zu wenig gewürdigt werde, liege an den Medien, den „fake news“, den über ihn verbreiteten Unwahrheiten.

„Vier weitere Jahre der Lüge oder einen Wechsel“

Herausforderer Biden wiederum bezichtigt den Präsidenten, drängende Herausforderungen wie die Covid-19-Pandemie, grassierenden Rassismus und den Klimawandel zu unterschätzen, zu ignorieren und einfach nicht konsequent genug anzugehen. Trump spalte Land und Gesellschaft. Mit offenem Blick in die Kamera stellt Biden „Sie, das amerikanische Volk“ vor die Wahl: „Vier weitere Jahre der Lüge oder einen Wechsel“.

All jenen, die Trumps selbstgefälliger Art überdrüssig sind, hat sich Biden beim ersten direkten Aufeinandertreffen der Kontrahenten im Fernsehen als Alternative angeboten. Trumps Anhänger wiederum werden ihn für das lieben, was er gesagt hat und vor allem wie er es gesagt hat. Darüber, was er in einer möglichen zweiten Amtszeit vorhat, haben sie allerdings so gut wie nichts erfahren; es wird sie vermutlich auch nicht interessieren.

Wenige Tausend Stimmen können wahlentscheidend sein. Das hat sich bereits beim Sieg von Donald Trump vor vier Jahren gezeigt. Deshalb zählt jeder Wähler, den die Duellanten an diesem Abend auf ihre Seite haben ziehen können. Das Rennen ist noch nicht entschieden.

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