Autos, Landwirtschaft und Klimawandel : Artensterben: Wie die Wasser-Lobelie im Emsland verschwand

Früher Heimat der Wasser-Lobelie, heute ausgetrocknet: Der Ahlder Pool im Emsland. Montage: Langer/Fotos: Böckermann(links)/Melanie Willen/Uni Oldenburg (rechts).
Früher Heimat der Wasser-Lobelie, heute ausgetrocknet: Der Ahlder Pool im Emsland. Montage: Langer/Fotos: Böckermann(links)/Melanie Willen/Uni Oldenburg (rechts).

Im Landkreis Emsland befand sich lange Zeit einer der letzten Standorte der Wasser-Lobelie. Der akut vom Aussterben bedrohten Pflanze wurden mehrere Faktoren zum Verhängnis: Autoverkehr, die Landwirtschaft und der Klimawandel. Das ist die Geschichte ihres Verschwindens:

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27. September 2019, 17:44 Uhr

Osnabrück | Artensterben ist kein rasanter Prozess, Tiere und Pflanzen verschwinden nicht vom einen auf den anderen Tag. Der Niedergang einer Art zieht sich über Jahre und Jahrzehnte hin. Genau das passiert am Autobahnkreuz Schüttorf in Niedersachsen. In Sichtweite der Fahrbahn spielt sich ein biologisches Drama ab. Im Mittelpunkt: die Wasser-Lobelie.

Das kleine Pflänzchen ist vom Aussterben bedroht. Am Rand der Autobahn war sie bis vor einiger Zeit noch heimisch – genauer gesagt am Ahlder Pool, ein sogenannter Heideweiher. Dieser Gewässertyp speist sich allein aus Regenwasser und ist maximal ein Meter tief. Der Teich bot der Wasser-Lobelie die Lebensverhältnisse, die sie braucht, um zu blühen.

Foto: Tobias Böckermann
Foto: Tobias Böckermann

Doch von diesen Lebensverhältnissen ist mittlerweile kaum noch etwas übrig. Wer das Gewässer heute sucht, der findet nur Gräser, die sich im Wind wiegen. Professor Rainer Buchwald kennt den Anblick. Der Biologe arbeitet an der Universität Oldenburg, in seinem Büro stehen Gummistiefel.

Seit langer Zeit beobachtet er die Entwicklung des Ahlder Pools und speziell der Wasser-Lobelie. Und was der Wissenschaftler sieht, ist eine Katastrophe in mehreren Akten:

Zunächst veränderte sich das Wasser. Grund war die nähere Umgebung. „Durch die Nähe zu den Autobahnen und die teils sehr intensive landwirtschaftliche Nutzung im südlichen Emsland gelangen sehr viele Stickoxide ins Wasser. Das sorgt für eine Versauerung und Nährstoffanreicherung“, sagt Buchwald.

Die Lobelie verschwand

Die Lobelie verschwand vor etwa vier Jahren oder wie es der Wissenschaftler formuliert: „Das Vorkommen gilt aktuell als erloschen.“ Vielleicht hätte sich hier der Schaden noch eindämmen lassen. Aber dann kam die Dürre. Seit zwei Jahren regnet es deutlich zu wenig in der Region. Der Ahlder Pool fiel trocken, das Wasser ist weg.

Die Uni Oldenburg hat diesen Prozess fotografisch festgehalten:

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Ohne Wasser erst recht keine Lobelie. Buchwald fasst es so zusammen: Neben den Nährstoffeinträgen aus der Umgebung seien Weiher und Pflanze „vor allem Opfer des Klimawandels geworden.“

Noch gibt es einige wenige Vorkommen der seltenen Pflanze in Niedersachsen, Bremen oder Schleswig-Holstein. Aber mit jeder Pflanze weniger droht die Lobelie in die Kategorie 0 der sogenannten Roten Liste aufzusteigen, sprich: Sie wird von amtlicher Seite in Deutschland als „ausgestorben oder verschollen“ geführt.

Ein Blick in die Liste zeigt: Es gibt 4305 bekannte Farn- und Blütenpflanzen- darunter die Wasser-Lobelie - in Deutschland. Beziehungsweise gab. 76 stehen in der Kategorie 0. In die Rubrik der Lobelie – vom Aussterben bedroht – fallen 212 sogenannte Pflanzen-Taxa. Das sind Pflanzenarten oder –unterarten. Neben der Wasser-Lobelie wären das Wiesenküchenschelle (Foto), Kornrade, Katzenpfötchen oder beispielsweise Sonnentauarten.

Foto: dpa/Martin Schutt
Foto: dpa/Martin Schutt

Auch die Pflanzen bevorzugen nährstoffarme Standorte. Genau die werden durch menschliches Wirken aber immer seltener.

Insgesamt gelten mehr als 1000 Farn- und Blütenpflanzentaxa als mehr oder minder gefährdet. Als ungefährdet gelten 1628. Kürzlich teilte die Bundesregierung mit, dass sich in den vergangenen Jahren bei 5,5 Prozent der Pflanzen die Gefährdungssituation verbessert, bei 14,3 aber verschlechtert habe.

Bundesregierung: Wir verfehlen unsere Ziele

Keine guten Nachrichten für die Artenvielfalt – aber auch nicht für die Bundesregierung selbst. Denn 2007 hatte man beschlossen, dass sich bis 2020 bei dem größten Teil der Arten auf der Roten Liste die Situation eigentlich verbessert haben sollte. Dieses Ziel, räumte das Bundesumweltministerium ein, könne „voraussichtlich nicht erreicht werden.“

Der Oldenburger Biologe Buchwald will im Fall der Wasser-Lobelie gemeinsam mit tatkräftiger Hilfe oder zumindest Geld vom Landkreises Emsland, des Landes Niedersachsen und der EU gegensteuern. Die oberste Schicht des Weihers soll abgetragen werden. Hier finden sich die sterblichen Überreste der einstigen Weiher-Bewohner.

Foto: Melanie Willen/Uni Oldenburg
Foto: Melanie Willen/Uni Oldenburg

Darunter liegt die sogenannte Samenbank. Buchwald hofft, dass sich in dieser Schicht noch Samen der Lobelie finden lassen. Von der obersten Bodenschicht befreit könnten sie leichter wieder keimen – sollte das Wasser zurückkommen

„Wir gehen da radikal ran“, sagt der Wissenschaftler. „Wir haben so oder so nichts mehr zu verlieren.“ Auf 60 zu 40 schätzt er die Chancen, dass das Vorhaben gelingt. Geht es schief, heißt es wohl endgültig Abschied nehmen von einem der letzten Wasser-Lobelien-Standorte in Norddeutschland.

Foto: Tobias Böckermann
Foto: Tobias Böckermann
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