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Geisterflug zum Roten Platz : 30 Jahre Kremlflug: Mathias Rust und die schwere zweite Landung

vom
Aus der Onlineredaktion

Wedels berühmtester Bürger hat seinen Eintrag in den Geschichtsbüchern sicher. Am 28. Mai 1987 erreichte er Moskau.

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2017 | 15:11 Uhr

Wedel/Moskau | Als der Wedeler Hobbypilot Mathias Rust am 28. Mai 1987 die stolze Luftabwehr der damaligen UdSSR waghalsig überwindet und seine Cessna 172 P neben der Moskauer Basilius-Kathedrale landet, ist dies eine Weltsensation. Drei Runden dreht der fliegende Teenager vor der Landung über dem Roten Platz, mitten im Sowjet-Zentrum – und narrt ausgerechnet am Tag der Russischen Grenztruppen das Sowjet-Regime. Der Tank des Flugzeugs ist beinahe leer, doch als Notlandung wird dieses Husarenstück niemals durchgehen.

So berichtete die Tagesschau damals:

Die Flugroute können Sie sich hier als Google-Earth-Animation ansehen:

Die Übersicht:

Karte zum Flug von Matthias Rust 1987. Infografik: dpa
Karte zum Flug von Matthias Rust 1987. Infografik: dpa
 

Am Boden gibt das Kind der Moorwegsiedlung seelenruhig Autogramme, lässt seine Botschaften von einem russischen Schüler übersetzen und gibt sich als Friedensmissionar, ganz im Zeichen von Glasnost und Perestroika. Erst zwei Stunden später kommt der KGB und verhaftet den Jungen, dessen Charakter sein Fluglehrer als „scheu, fast kontaktarm“ bezeichnet. Es ist ein Streich des Wahnsinns, so scheint es. Ist dieser junge Realschulabsolvent im roten Pilotenanzug übergeschnappt oder ein Messias? Wie Jesus, Gandhi, Eulenspiegel oder gar ein Rockstar sah der blasse Jüngling mit dem Mutti-Haarschnitt und dem gesenkten Blick jedenfalls nicht aus.

Rust wird das Durchstechen des eisernen Vorgangs später eine „Friedensmission“ oder aber „einen Spaß“ nennen. Mehr als sein Flug trägt vermutlich seine frühzeitige Begnadigung zur Entspannung zwischen Ost und West bei. Rusts Entlassung aus dem Arbeitslager wertet der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher als „humanitäre Geste der sowjetischen Führung“.

Was weltpolitisch wohl auf dem Spiel gestanden hätte, wären rigorose Entscheider beteiligt gewesen? Was wenn die russische Luftabwehr der Sowjetunion durch einen Abschuss der Cessna eine ihrer größten Blamagen vereitelt hätte? Anderererseits: Welche Wende hätte die bereits beflügelte Perestroika wohl ohne dieses global-mediale Großereignis – made in Schleswig-Holstein – genommen? Das sind nach 30 Jahren Fragen für den Geschichtsunterricht.

Weitere TV-Berichte von damals:

Was ist aus Rust geworden?

Vor einigen Jahren plante der Neu-Esoteriker die Heimkehr mit der Eröffnung einer Yoga-Schule in Hamburg. Gelegentlich tauchte er mit Frau und Kind auch in der Moorwegsiedlung auf, wo sein Vater lebt. Die regelmäßigen Besuche sind aber offenbar abgebrochen. Die Rusts – so scheint es – haben sich den Schutzmantel des Privaten angelegt.

 
  Foto: dpa

Die Geschichte von Mathias Rust unter besonderer Berücksichtigung seines Moskau-Fluges:

13. Mai 1987: Rust chartert eine Cessna 172 P in Fuhlsbüttel. Einen „Rundflug über die Nordsee“ will er machen. Das tut er nach Zwischenlandung zu Modifikation in Uetersen auch. Erste Auslandsstation ist der Flughafen Vágar auf den Färöern im Nordatlantik. Von dort geht es weiter nach Keflavík in Island. Im benachbarten Reykjavik hatten sich Ronald Reagan und Michail Gorbatschow Monate zuvor zu einem richtungsweisenden Abrüstungsgipfel getroffen und sollen gar im Suff das Ende des Ost-West-Konfliktes beschlossen haben. Rust beteuerte stets, er sei fasziniert gewesen von der Idee einer Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion.

25. Mai 1987:  Rust macht die persönliche Ost-Wende: Über Norwegen fliegt er nach Helsinki-Malmi.

28. Mai 1987: Der 19-Jährige landet nach fünfeinhalbstündigem Flug in Moskau. Die Luftabwehr wird sehr wohl aufmerksam, reagiert allerdings nicht. Wahrscheinlich fliegt die Cessna äußerst tief. Rust hat niemanden in seine Pläne eingeweiht. Auf dem Roten Platz kann er aufgrund der vielen Menschen nicht landen, so setzt er die Maschine auf der Moskwa-Brücke auf und lässt sie bis zur Basiliuskathedrale ausrollen. Der KGB nimmt ihn fest. Die Welt ist in Aufruhr. Etwa 300 russische Offiziere müssen laut Geschichtsschreibung ihre Sessel räumen, laut Rust waren es gar 2000.

11. Juli 1987: Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist in Moskau und setzt sich vergeblich für die Freilassung seines Landsmanns ein.

2. September 1987: Es beginnt der Prozess vor dem Obersten Gerichtshof. Anklage: illegale Einreise, Verletzung internationaler Flugverkehrsvorschriften und Rowdytum. „Ich war auf der Suche nach einer Quelle des Friedens“, sagt Rust vor Gericht. Er gesteht seine Schuld. Acht Jahre Arbeitslager unter verschärften Bedingungen fordert der Staatsanwalt.

4. September 1987: Menschen hätten verletzt werden können, sagt der Richter und fällt sein Urteil: Vier Jahre Arbeitslager. Die 432 Tage im Lefortowo-Gefängnis nutzt Rust, um Russisch zu lernen.

Oktober 1987: Noch während Rust in Haft sitzt, wird seine Leih-Cessna für das Doppelte des Nennwertes von einer Münchner Kosmetikfirma gekauft und von dem durch seine Atlantikflüge bekannt gewordenen Hamburger Piloten Willy Hollnagel nach Hamburg überführt. Der Publikumsauflauf bei der Ankunft in Fuhlsbüttel lässt eine Beatles-Landung vermuten. Später wird die Maschine unter freier Luft in einem Freizeitpark Nahe Tokio/Japan ausgestellt.

8. Dezember 1987: Der Oberste Gericht lehnt Rusts Gnadenersuch ab, Rust muss weiterhin 22 Stunden des Tages in seiner Zelle hocken.

3. August 1988: Mathias Rust wird bereits nach 14 Monaten begnadigt und aus Russland ausgewiesen. Er landet noch am selben Tag in Frankfurt und darf nach Hause zu seinen Eltern nach Wedel.

Foto: dpa

Ende 1988: Rust kehrt unter großem Rummel zurück und erhält große PR-Angebote. Doch es stellt sich heraus, dass er nicht zum Medienstar und auch nicht zum Friedens-Messias taugt. Rust hat es schwer, ins Leben zu finden, ihn plagen gesundheitliche Probleme. Später sagt er, er würde den Kremlflug angesichts des Trubels nicht wieder machen.

23. November 1989: Der Zivildienstleistende Rust sticht in einem Krankenhaus in Hamburg-Rissen mit dem Messer auf eine Schwesternschülerin ein und tötet sie beinahe. Sie hatte sich geweigert, ihn zu küssen und laut Rust habe sie ihn so sehr beleidigt, dass ihm eine Sicherung durchbrannte. Für den Totschlagversuch muss Rust laut Urteil 30 Monate hinter Gitter, er verbüßt die Hälfte seiner Freiheitsstrafe im Gefängnis. Danach hat sich die Welt für ihn in ein anderes Extrem gedreht: „sehr viele Leute hat die Sache mit der Krankenschwester in ihrem Glauben bestätigt, ich sei verrückt oder geisteskrank“, sagte er 2002 dem „Guardian“.

1994: Rust arbeitet laut Medienberichten als Kellner in – richtig – Moskau. Sein Arbeitplatz ist die von einem Deutschen geführte Kneipe „Bierstube“.

2001: Wegen Diebstahls eines Kaschmirpullovers in Hamburg muss Rust erneut vor Gericht. Er wird zu einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. Über Revisionen vermindert sich die Summe am Ende deutlich.

2002/2003: Mit seinem Projekt „Orion and Isis“ bietet der Kremlflieger im Internet seine Dienste als geopolitischer Konfliktmanager an. Er bezeichnet sich und die Organisation als „Quelle des Friedens“. " Ein anonymes Netzwerk von verschiedenen „Friedensnobelpreisträgern und verdienten Wissenschaftlern aus aller Welt“ sollte demnach als Mediator für globale Konflikte – beginnend in Nahost – dienen, sagte er dem „Guardian“. Hauptberuflich sei er Finanzanalyst, in Luxemburg lebend.

November 2005: Rust hat es weiterhin schwer, den Weg in ein Leben als Normalbürger zu finden. Aufgrund ungedeckter Schecks, die er einem Hamburger Spediteur ausstellt, wird ihm eine Geldstrafe von 1500 Euro aufgebrummt.

Frühling 2007: Rust gibt der „Bild“ ein Interview, in dem er berichtet, er lebe zurückgezogen in Berlin. Seinen Lebensunterhalt verdient er nach eigenen Angaben durch professionelles Pokerspielen.

Oktober 2008: Der „Friedensflieger“ (Rust), die legendäre Cessna, wird nach Berlin zurückgeholt und restauriert. Danach ist sie im Deutschen Technikmuseum Berlin als ständiges Exponat zu sehen.

2009: Rust berichtet der „Bild am Sonntag,“ er habe finanziell ausgesorgt und lebe vor allem in Estland als Kaufmann. Von dort pendle er nach Wedel und in die Karibik. In der Inselwelt habe er das Kartenspiel als neue Einnahmequelle entdeckt: „Auf einer Yacht habe ich mal an nur fünf Abenden 750.000 Euro gewonnen", gibt er zu wissen. Er arbeite an seinen Memoiren, die 2012 erscheinen sollten.

21. Oktober 2010: Das Hamburger Kollektiv Studio Braun führt im Deutschen Schauspielhaus das Stück mit dem Titel „Rust – Ein deutscher Messias“ auf.

Foto: dpa

 

Mai 2012: Zum 25. Jubiläum seines Kremlflugs begibt sich Rust ins Gagen-Fernsehen. Bei Markus Lanz berichtet er über sein Leben. Er sei Finanzanalyst in der Schweiz tätig und plante die Eröffnung einer Yoga-Schule in Hamburg. Seitdem ist es ruhig um Mathias Rust, von dem es heißt, er habe Frau und Kind.

Seine Internetseite ist übrigens schon lange nicht mehr aktiv, die Domain hat aber ihren Preis.

Foto: Screenshot

(mit dpa)

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