Tag der Deutschen Einheit : 3. Oktober: „Dieses Datum spricht nur den Kopf an, nicht das Herz“

Ilko-Sascha Kowalczuk.

Ilko-Sascha Kowalczuk.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über Webfehler im Einigungsprozess und die Schwierigkeiten mit dem 3. Oktober.

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01. Oktober 2020, 19:59 Uhr

Herr Kowalczuk, mit welchen Erwartungen haben Sie vor dreißig Jahren den 3. Oktober als Tag der Wiedervereinigung begangen?

Diese Frage richtet sich weniger an den Historiker als an den Zeitzeugen. Ich war damals 23 und wohnte seit zwei Jahren in einer besetzten Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Revolution von 1989 habe ich als einen Akt der Selbstbefreiung erlebt. Die kam nicht nur über mich, sondern ich war Teil dieses revolutionären Prozesses. Für mich war der wichtigste Tag im Jahr 1990 der 18. März, der Tag der ersten freien Wahl zur Volkskammer, weil damals die Selbstermächtigung des Volkes in strukturelle Bahnen gelenkt worden ist.

Mit dem Ergebnis, dass die Allianz für Deutschland rund um die Ost-CDU, die für eine schnelle Einheit war, die Wahl überraschend deutlich gewonnen hat…

Ich hab‘ damals für Bündnis 90 gestimmt, weil ich gehofft hatte, dass es zu einer Vereinigung auf Augenhöhe kommt. Das hieß für mich: Die DDR stellt sich einem Prozess der Selbstdemokratisierung. Das zweite wichtige Datum war der 1. Juli 1990, der Tag der Wirtschafts- und Währungsunion mit der Einführung der D-Mark in der DDR. An diesem Tag änderte sich für alle Ostdeutschen alles und für die Westdeutschen nichts.

Im Osten rutschten nach 1990 viele Betriebe in die Pleite. Welche Folge hatte dieser Verlust der Arbeitsgesellschaft für die Menschen?

Sehr große.

Der Betrieb war in der DDR mehr als eine Arbeitsstätte. Um den Arbeitsplatz gruppierte sich das gesamte gesellschaftliche Leben der Menschen, das prägte ihre Mentalitäten. Das brach alles über Nacht zusammen. Die Menschen verloren mit dem Arbeitsplatz ihre kulturelle Position. Und das war nicht mehr zurückzugeben. Ilko-Sascha Kowalczuk
 

Wir sprechen also weniger über die Treuhand als über den Verlust eines kulturellen Erfahrungsraums. Das war viel schwieriger aufzufangen. Das zeigen auch Umfragen. In den Erhebungen im Osten seit 2000, verstärkt seit 2005, sagt eine Mehrheit, dass es ihnen materiell eigentlich gut geht.

Warum kommt die Zivilgesellschaft im Osten bis heute nur schwer voran?

Es gibt überall unglaublich rührige Initiativen. Aber längst nicht in dem Maße, wie das im Westen der Fall ist. Das ist eine der großen Hypotheken der DDR, diese Haltung: „Ich hab‘ genug von jedem Kollektivierungswahn, mir geht’s allein um mich und mein Glück“. Das geht sogar auf die nächste Generation über. Hinzu kommt:

Der Wegfall der Tabus und das Wegbrechen aller Werte-Instanzen. Das führte dazu, dass alles – und sei es zunächst nur aus Provokation – sagbar wurde. Es gibt im Osten keinerlei Grenzen des Nicht-Sagbaren. Das haben rechtsextreme Gruppierungen und Agitierer wie Björn Höcke ausgenutzt, die bewusst vom Westen in das politische Brachland nach Osten gingen, um ihre braune Ideologie dort voranzutreiben. Sie stießen auf ein Verständnis, Demokratie bedeute, dass man alles sagen kann. Das Phänomen von Anti-Islamismus und Rassismus gibt es weltweit, aber diese Radikalität ist etwas Spezifisches für den Osten. Ilko-Sascha Kowalczuk

Zurück zum 3. Oktober. Frankreich feiert an seinem Nationalfeiertag die Freiheit, die USA das Streben nach Glück, Deutschland bleibt der blanke Wert der Einheit: Warum tun sich die Deutschen so schwer mit diesem Feiertag?

Wir haben den falschen Feiertag.

Wir feiern am 3. Oktober das staatliche Handeln großer Männer, die in einer historischen Stunde das Richtige getan haben. Aber die Revolution von 1989 in der DDR, aber auch in anderen osteuropäischen Staaten, war eben gerade kein Ausdruck staatlichen Handelns, sondern ein gesellschaftlicher Ausbruch. Das lässt sich mit so einem technokratischen Tag wie dem 3. Oktober schwer würdigen. Ilko-Sascha Kowalczuk
 

Dieses Datum spricht nur den Kopf an, nicht das Herz. Allen, die jünger als 40 sind, sagt der Tag ohnehin wenig.

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