Nach dem Massenmord in Sutherland Springs : 1551 Massenschießereien: Warum die USA mit dem Waffenkult leben

Polizisten sind am Montag am Tatort des Kirchenmassakers in Sutherland Springs (USA) im Einsatz. Ein junger Mann hatte am Vortag während eines Gottesdienstes in einer Kirche in Sutherland Springs das Feuer auf Gläubige eröffnet und dabei zahlreiche Menschen getötet.

Polizisten sind am Montag am Tatort des Kirchenmassakers in Sutherland Springs (USA) im Einsatz. Ein junger Mann hatte am Vortag während eines Gottesdienstes in einer Kirche in Sutherland Springs das Feuer auf Gläubige eröffnet und dabei zahlreiche Menschen getötet.

Ein Gottesdienst in Texas, ein Konzert in Las Vegas, eine Grundschule in Newton – nach jedem Massaker stellt sich dieselbe Frage.

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06. November 2017, 17:07 Uhr

Washington | 1771 Tage, 1551 Schießereien mit mindestens mehr als drei Verletzten - das ist der blutige Alltag in einem Land, in dem es mehr Waffen als Einwohner gibt. In diesem Jahr markierte der Massenmord in der Sutherland Springs Baptist Church im ländlichen Texas bereits das 508te Massaker. Laut „Gun Violence Archive“ war es das achte im November, das vierte des Wochenendes und das zehnte der zurückliegenden Woche.

Massenschießereien gehören in den USA so sehr zum Alltag, dass sie nur noch dann wahrgenommen werden, wenn sie eine bestimmte Aufmerksamkeits-Schwelle überschreiten. Ganz zu schweigen von den individuellen Morden und Selbstmorden, die den allergrößten Teil der mehr als 32.000 Opfer des Waffenkults in den USA ausmachen.

 

Das Risiko, in den USA durch eine Schusswaffe getötet zu werden, ist rund 16 Mal so groß wie in Deutschland (13 Mal Österreich, 5 Mal Luxemburg, 4 Mal Schweiz). Wobei Massenschießereien ein Phänomen sind, das in den USA besonders verbreitet ist. Obwohl hier weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung lebt, ereignen sich hier fast ein Drittel der Massaker.

Weniger Waffen gleich weniger Opfer

Wissenschaftler haben wiederholt den Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Waffengewalt aufgezeigt. Eine Vergleichsstudie von 130 Untersuchungen in zehn Ländern in der Fachzeitschrift „Epidemiologic Reviews“ aus dem vergangenen Jahr belegt, dass Länder mit strikteren Regulierungen im Waffenrecht geringere Opferzahlen haben. 

Genau hier sehen Experten ein Problem, das die Situation in den USA besonders macht: Die schiere Menge an Waffen, die sich im Umlauf befindet. Selbst bei einer Regulierung wären noch mehr als 300 Millionen bereits existierende Waffen im Umlauf.

Mehr als weltweit die Hälfte aller privaten Schießeisen befinden sich in amerikanischem Besitz. Etwa vier von zehn US-Bürgern besitzen eine Waffe. Wobei drei Prozent aller Waffenbesitzer, wie der Täter von Las Vegas, zu den Enthusiasten gehören, die im Schnitt 17 Waffen haben.    

Hinzu kommt - und auch das ist einzigartig in der westlichen Welt - ein in der Verfassung garantiertes Recht, Waffen zu tragen. Das sogenannte „second amendment“ schafft so etwas wie einen individuellen Rechtsanspruch auf alles was schießt und knallt. Das rechtfertigt den Waffenkult als Abwehrrecht gegen den Staat und beschränkt die Möglichkeiten der Gesetzgeber, regulierend einzugreifen.

Allerdings fehlt auch der politische Wille dazu. Die Satire-Seite „The Onion“ brachte das nach dem Mandalay-Massaker so auf den Punkt: „Keine Chance so etwas zu stoppen, sagt die einzige Nation, wo so etwas regelmäßig passiert.“

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Das entspricht der Reaktion Präsident Donald Trumps, der von dem Wirken des „Bösen“ spricht und „Gebete“ anbietet, aber nichts an den laxen Waffengesetzen ändern will. Das Weiße Haus möchte nicht einmal über das Thema sprechen. Wie auch die Republikaner im Kongress wenig Neigung zu wirklichen Kontrollen haben. Obwohl eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass große Mehrheiten der Amerikaner für Regulierungen sind. 

Das liegt an der mächtigen Waffenlobby, die Amerikas Politik fest in der Hand hält. Die „National Rifle Association“ (NRA) unterstützte Trump mit 30 Millionen Dollar im Wahlkampf. Im Gegenzug trat dieser nach seiner Wahl als erster Präsident bei der Lobby auf und versprach, „ein treuer Freund“ im Weißen Haus zu sein. 

Die NRA vertritt fünf Millionen Mitglieder und ist so mächtig, dass sich Abgeordnete im Kongress aus Sorge um ihre Wiederaufstellung bei den Vorwahlen nicht trauen, der Lobby zu widersprechen. 

Seit dem Massaker an 20 Grundschulkindern 2012 in Sandy Hooks scheiterten mehr als 100 Gesetzesvorstöße im Kongress. Darunter das Verbot für Personen, die auf der Terror-Beobachtungskiste stehen, Waffen zu erwerben, lückenlose Personen-Überprüfungen oder beim Verkauf von Magazinen für Schnellfeuergewehre. 

USA: Legal Kriegswaffen kaufen

Das letzte größere Waffengesetz, das der Kongress beschlossen hatte, war ein Bann von Kriegswaffen, 1994, der zehn Jahre später auslief, ohne erneuert zu werden. Die NRA steht selber unter Druck durch noch radikalere Gruppen wie die „Gun Owners of America“. Die Konkurrenz auf der Rechten sorgt mit dafür, dass die kleinsten Veränderungen bei den Regulierungen keine Chance haben. Das Argument: Damit begönne die schleichende Einschränkung des Verfassungsrechts.

Die Schlagzeilen über eine „neue Debatte um den Waffenbesitz in den USA“ sind deshalb so vorhersagbar, wie deren Ausgang. Der Generalstaatsanwalt von Texas, Ken Paxton, meinte, das Kirchen-Massaker von Sutherland Springs bestärke ihn in der Ansicht, dass es nicht weniger, sondern mehr Waffen in den Händen rechtsliebender Bürger bedürfe. Sein Vorschlag nach dem Massaker in der Baptistenkirche: Jede Gemeinde sollte bewaffnete Wächter haben.

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