Neue Intifada : 109 Verletzte bei Krawallen in Jerusalem und den Palästinenser-Gebieten

Fatah-Mitglieder tragen in Gaza einen Sarg, auf dem das Konterfei von US-Präsident Trump zu sehen ist.

Fatah-Mitglieder tragen in Gaza einen Sarg, auf dem das Konterfei von US-Präsident Trump zu sehen ist.

Der Palästinenseraufstand hat begonnen. In New York tritt der UN-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

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08. Dezember 2017, 14:44 Uhr

Jerusalem | Bei Krawallen in Jerusalem und den Palästinenser-Gebieten sind mindestens 109 Menschen verletzt worden. 17 seien durch scharfe Munition getroffen worden, teilten das palästinensische Gesundheitsministerium in Gaza und der palästinensische Rettungsdienst Roter Halbmond am Freitag mit.

Nach den muslimischen Freitagsgebeten war es zu zahlreichen Zusammenstößen von Palästinensern mit israelischen Sicherheitskräften gekommen. Tausende demonstrierten in Jerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen gegen die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch US-Präsident Donald Trump.

Der Tempelberg mit der Klagemauer sowie der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom in der Jerusalemer Altstadt ist Juden wie Muslimen heilig. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwoch in einem historischen Alleingang Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkannt. Die Palästinenser reagierten empört, Israel dagegen euphorisch. Die Weltgemeinschaft reagierte mit größter Besorgnis. Saudi-Arabien rief seinen Verbündeten USA auf, die Entscheidung zurückzunehmen.

„Heute, am 30. Jahrestag der ersten Intifada (Palästinenseraufstand), erhebt sich unser Volk in Ablehnung gegen die Erklärung von Trump“, sagte Achmad Bahar, ein führender Hamas-Vertreter, während der Gebete am Freitag in Gaza.

Palästinenser verbrannten im Westjordanland Reifen und warfen Steine und Flaschen auf israelische Soldaten. Es kam unter anderem zu Ausschreitungen in Bethlehem, Nablus, Hebron und Gaza im Gazastreifen. Allein in der Nähe von Nablus gab es mindestens 40 Verletzte, unter anderem durch den Einsatz von Tränengas und Gummimantelgeschossen, wie der Rettungsdienst Roter Halbmond mitteilte.

Nach einem Bericht des Fernsehsenders Al-Dschasira setzten Sicherheitskräfte in Hebron auch scharfe Munition ein. Israelische Polizisten und Soldaten vertrieben Demonstranten am Damaskus-Tor, einem Zugang zur Jerusalemer Altstadt.

Israelische Grenzpolizisten in Jerusalem.
dpa

Israelische Grenzpolizisten in Jerusalem.

 

„Die Waffe des Widerstandes wird ein Gesetz für die Befreiung Palästinas bleiben, der Befreiung von Jerusalem und der Al-Aksa-Moschee“, sagte Bahar. „Jerusalem ist die Hauptstadt Palästinas und auch die Hauptstadt der Araber und Muslime.“

Die radikal-islamische Hamas hat für Freitag zum Beginn eines neuen Palästinenseraufstands aufgerufen. Bei Konfrontationen in Ramallah, Hebron, Bethlehem und am Rande des Gazastreifens waren am Donnerstag nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums mindestens 80 Palästinenser verletzt worden.

Auch in anderen Städten der arabischen Welt haben Demonstranten gegen die Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Donald Trump protestiert. Mehr als 100 Menschen zogen am Freitag an der Al-Ashar-Moschee in Kairo auf die Straße. Auf Aufnahmen in sozialen Medien war zu sehen, wie sie Sprechchöre anstimmten und „Jerusalem ist arabisch“ riefen. Sie forderten die Einheit der Araber gegen den „zionistischen Angriff“.

Ägyptische Demonstranten verbrennen vor dem Journalistensyndikat in Kairo eine israelische Flagge.
Gehad Hamdy/dpa

Ägyptische Demonstranten verbrennen vor dem Journalistensyndikat in Kairo eine israelische Flagge.

 

Die Polizei war mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort. Sie riegelte auch die Straßen zur US-Botschaft in Kairo ab. „Wir sind alle gegen die Entscheidung (Trumps)“, sagte Mohammed Mihana, Berater des Großscheichs der Al-Ashar, im ägyptischen Staatsfernsehen. Sie zeige, wie unfähig die internationale Gemeinschaft sei. Die Al-Ashar ist eine der höchsten religiösen Einrichtungen im sunnitischen Islam.

In der jordanischen Hauptstadt Amman beteiligten sich nach Angaben der Nachrichtenseite Al-Ghad Tausende an einem Protestmarsch nach dem Freitagsgebet. Im Libanon kam es zu Demonstrationen in der Hauptstadt Beirut und in palästinensischen Flüchtlingslagern, wo Reifen und israelische Flaggen angezündet wurden. Auch in Bagdad demonstrierten Menschen nach dem Freitagsgebet gegen die Entscheidung Trumps, wie die irakische Nachrichtenseite Al-Sumaria berichtete.

Kriegserklärung an die Palästinenser

Angesichts der befürchteten Eskalation der Gewalt in der Region will der UN-Sicherheitsrat noch im Tagesverlauf zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. Die Nato-Partner Frankreich und Großbritannien als UN-Vetomächte sowie weitere Mitglieder des Weltsicherheitsrates hatten das Treffen in New York beantragt.

Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen griffen die israelischen Streitkräfte am Donnerstagabend Stützpunkte der dort herrschenden Hamas an. Eine Rakete sei im Süden Israels explodiert, teilte das Militär mit. Daraufhin hätten ein Panzer und ein Kampfjet zwei Posten im Gazastreifen beschossen. Israel ziehe die Hamas für Angriffe aus dem Gazastreifen zur Rechenschaft.

Hamas-Chef Ismail Hanija hatte erklärt, Trumps Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt komme einer „Kriegserklärung an die Palästinenser“ gleich. Der Anführer der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah, Hassan Nasrallah, rief die arabischen und islamischen Staaten auf, eine neue Intifada finanziell, politisch und militärisch zu unterstützen und Jerusalem „zur ewigen Hauptstadt Palästinas“ zu erklären.

Die gemäßigte Palästinenserregierung will die USA wegen der Jerusalem-Frage nicht mehr als Schirmherrin des Friedensprozesses akzeptieren. „Ihre Hilfe ist nicht erwünscht“, sagte der Ministerpräsident Rami Hamdallah am Donnerstag im Gazastreifen.

Der israelische Botschafter in Berlin, Jeremy Issacharoff, sagte der „Bild“-Zeitung: „Einen Frieden ohne Jerusalem als Israels Hauptstadt wird es nicht geben.“ Er fügte hinzu: „Israel bleibt nun dazu verpflichtet, den Frieden mit all seinen Nachbarn, auch mit den Palästinensern, durch verhandelte Abkommen voranzubringen.“ Am Status quo der religiösen Stätten werde sich nichts ändern.

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