Verlorener Doktortitel : Plagiatsfall Schavan "eine Schlappe für die Uni"

Wenn der Doktorhut zu unrecht vergeben wurde, wird das auch für Uni und Professoren zum Reputationsproblem. Foto: dpa
Wenn der Doktorhut zu unrecht vergeben wurde, wird das auch für Uni und Professoren zum Reputationsproblem. Foto: dpa

Bei Hunderten Doktorarbeiten im Jahr geht es unredlich zu, sagt ein Promotionsexperte - was auch den Ruf der Prüfer beschädigt. Wissenschaftler plädieren für eine Verjährung beim Abschreiben.

shz.de von
09. Februar 2013, 11:19 Uhr

In dem vernichtenden Urteil der Uni Düsseldorf über die Doktorarbeit von Annette Schavan steckt auch ein Stück interner Selbstkritik. Die Fakultät räumt ein, "dass es in ihrer Geschichte immer wieder in einzelnen Bereichen oder bei einzelnen Personen Defizite in der Betreuung oder in der Prüfung von Dissertationen gegeben haben kann". Härter noch formuliert es der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen: Jeder erst nachträglich entdeckte Plagiatsfall sei auch immer "eine Schlappe für die Universität".
27.000 neue Doktorarbeiten gab es im vergangenem Jahr. Der Münchner Promotionsexperte Manuel René Theisen schätzt, dass es jeweils bei rund 300 Dissertationen pro Jahr unredlich zugeht. Viele Fälle werden erst Jahre später entdeckt - und dann auch häufig gar nicht außerhalb der Hochschulmauern publik, vor allem dann, wenn es sich nicht um Politiker oder Prominente handelt.
Von den jungen Leuten in Deutschland erwerben zwar immer noch weitaus weniger einen Hochschulabschluss als in anderen Industrienationen. Bei der Zahl der jährlich neu eingereichten Doktorarbeiten liegt die Bundesrepublik dagegen im internationalem Vergleich ganz oben. Die erfolgreiche Dissertation gilt in Deutschland nicht nur als notwendige Eintrittskarte für die Berufslaufbahn als Wissenschaftler. Auch außerhalb der Forschung schmücken sich praktizierende Ärzte, Chemiker, Manager, Betriebswirte, Juristen und auch Politiker gern mit dem Doktortitel.
Seit Jahren wird über eine häufig unzureichende Betreuung der Doktoranden im Massenbetrieb Hochschule geklagt. Um Abhilfe zu schaffen, wurden schon in den 80er-Jahren mit Bundesgeld an einzelnen Unis Kollegs für den wissenschaftlichen Nachwuchs eingerichtet. Als besonders problematisch gelten jedoch - damals wie heute - die sogenannten externen Promotionen. Das sind Interessierte, die sich einen Professor als Doktorvater suchen, ohne selbst in den laufenden Forschungsprozess an der Universität eingebunden zu sein.
Schavan hatte ihre Doktorarbeit vor 33 Jahren eingereicht. In der Wissenschaft gibt es nun prominente Stimmen, die sagen, dass solche Täuschungen oder Plagiatsvergehen irgendwann auch einmal verjähren müssten - wie die meisten Straftaten im deutschen Recht. Doch das Verwaltungsrecht kennt bisher keine Verjährung, und die Debatte darüber wird Schavan auch nicht mehr helfen. Nach der Föderalismusreform und der Grundgesetzänderung von 2006 hätte sie als Bundesbildungsministerin allerdings die Möglichkeit gehabt, ein bundesweites Rahmengesetz für Hochschulabschlüsse wie für den Studienzugang vorzulegen. Nun ist sie selbst Opfer ihrer eigenen Zurückhaltung.
Doch jeder Plagiatsfall fällt nicht nur auf den Verfasser der Arbeit zurück, sondern auch auf den Betreuer und Gutachter. Der Fall Schavan gilt in diesem Zusammenhang als besonders tragisch. Es gibt kritische Stimmen, die sagen, dass ihr Doktorvater, der heute 88-jährige konservative Pädagogik-Professor Gerhard Wehler, die damals noch nicht einmal 24-jährige Studentin Schavan gar nicht mit einem so anspruchsvollen Promotionsthema hätte betrauen dürfen.
Schavan, die bis dahin noch über keinen anderen Studienabschluss verfügte, legte ihre Arbeit "Person und Gewissen - Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" interdisziplinär an. Für damalige Verhältnisse galt das als großes Wagnis - mit bekanntem Ausgang.

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