Vorhang auf : Peer Gynt

Henrik Johan Ibsen: 'Die große Aufgabe unserer Zeit ist es, alle bestehenden Institutionen in die Luft zu jagen - zu zerstören.'
Henrik Johan Ibsen: "Die große Aufgabe unserer Zeit ist es, alle bestehenden Institutionen in die Luft zu jagen - zu zerstören."

Ein nordischer Faust ist er nicht - Ibsens Peer Gynt. Das norwegische Drama um den Bauern, der zum Self-Made-Man wird, bleibt fragmentarisch und dissonant.

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19. September 2008, 12:13 Uhr

Wer an Peer Gynt denkt, denkt an Edvard Grieg. Mit ihrem romantischen Klangzauber lässt dessen Bühnenmusik leicht vergessen, dass sie einem Schauspiel gilt, das doch verstörender nicht sein könnte. Kein norwegisches Nationaldrama hat Ibsen 1867 geschrieben, sondern einen der Gründungstexte des modernen Welttheaters. Längst lebte er da im italienischen Exil.
Was immer seinem erst seit kurzem zum modernen Nationalstaat gewordenen Land teuer war, allem voran die Lieder und Märchen einer vermeintlich unverdorbenen Volkskultur - hier wurde es verfremdet zum Material eines Welt-Spiels, dessen Schauplätze vom Fjell bis in die Sahara reichen und vom Mythos in die Moderne. Das Norwegen der Nationalromantik, zu dessen verklärtem Selbstbild der junge Ibsen fleißig beigetragen hatte, erscheint nun als Heimat, in die der verlorene Sohn nicht mehr zurückfindet. Sein Weg vom Bauernsohn zum global player, zum Spekulanten und Sklavenhändler im Welthandel zeichnet eine unumkehrbare sozialgeschichtliche Entwicklung nach.
Der Ausruf "Peer, du lügst!" steht am Anfang. Am Ende steht die Einsamkeit des Phantasten, Aufschneiders und Self-Made-Man, der die Einsicht in die Substanzlosigkeit seiner Existenz ins berühmte Zwiebel-Gleichnis kleidet. "Leben", so hat Ibsen geschrieben, "heißt - dunkler Gewalten / Spuk bekämpfen in sich. / Dichten - Gerichtstag halten / Über sein eigenes Ich." In Peer Gynt fragt er danach, was dieses Ich eigentlich ist. Wenn man alle Konventionen beiseite schiebt und alle Rollen abstreift, dann bleibt womöglich nur Nietzsches Erkenntnis, "das Ich" sei "zum Wortspiel geworden." In der Formel von der "Lebenslüge" als dem wichtigsten Lebensmittel hat sie in Ibsens spätere Gesellschaftsdramen hinein fortgewirkt. Nein, Peer Gynt ist kein "nordischer Faust" geworden.
Soviel Ibsen von Goethe gelernt hat - Solvejg ist kein Gretchen, und bei Peer langt es nicht mehr zum Faust. Wo Goethe seinen problematischen Helden am Ende doch wunderbar errettet, da lässt Ibsen dessen Nachfahren unerlöst dastehen. Wo Goethes Drama noch einmal das Panorama eines Welt-Ganzen aufscheinen lässt, da endet Ibsens Replik im Disparaten, Dissonanten, Fragmentarischen.
Wenn es etwas gibt, das dem Pessimismus dieser Ich- und Zeitdiagnose standhält, dann ist es der schiere Spielwitz. Ibsen brennt ein Feuerwerk an Theater-Einfällen ab, in einer Verssprache, deren subtilen Nuancen keine Übersetzung ganz gerecht werden kann. Diese Sprachmusik wirkt noch fort, wenn Griegs betörende Romantik schon verklungen ist.

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