Fernsehkritik: "Bermuda-Dreieck Nordsee" : Passwort "Pummelqualle" - RTL-Kino im Sog des Hexenlochs

'Bermuda-Dreieck Nordsee' thematisiert die CCS-Debatte. Foto: RTL
"Bermuda-Dreieck Nordsee" thematisiert die CCS-Debatte. Foto: RTL

Popcorn-Kino mit erhobenem Zeigefinger: "Bermuda-Dreieck Nordsee" greift das Thema CO2-Verklappung auf. Technisch furios gemachte Sonntagabend-Unterhaltung - mit wenig Liebe zum Detail.

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15. März 2012, 11:48 Uhr

Schiffe verschwinden im Meer, tote Fischschwärme werden an den Strand der Hallig Nordersand gespült, auch bei den Vögeln setzt ein Massensterben ein. Kurz: Auf See geht etwas Seltsames vor. Verantwortlich ist das Unternehmen "Global Senergy", das CO2 in ein leergepumptes Gasfeld unter der Nordsee einlagern will. Die Konzernchefin arbeitet mit gefälschten Gutachten, die Kammern unterm Meeresgrund sind gefährlich instabil. Insel-Schrauber Tom und Großstadt-Schranze Marie kommen "Global Senergy" auf die Schliche - und verlieben sich ineinander. Wie im echten Hollywood-Streifen.
Technisch ist die RTL-Produktion "Bemuda-Dreieck Nordsee" furios gemacht. Rasant geschnittene Verfolgungsjagden, Aufnahmen aus dem Helikopter und Wasserstrudel-Animationen bescheren dem Zuschauer packende Sequenzen. Naturwissenschaftliche Bedenken bleiben zweitrangig - welcher Katastrophenfilm setzt schon auf Realismus?
Skrupellose Konzernchefin lässt sich als Öko-Engel feiern
Ein Schlund tut sich in der Nordsee auf und verschlingt Land und Leute. Mit mythologischen Schlagworten wie "Leviathan" und "Hexenloch" appelliert der 5,7 Millionen Euro teure Sonntagabend-Spaß an die Urängste des Publikums. Auch das Thema CO2-Verklappung ist agstbesetzt; die politische Debatte liefert dem Drehbuch einen Anknüpfungspunkt im Hier und Jetzt.
Die schauspielerischen Leistungen variieren indes stark. Famos gibt Gudrun Landgrebe eine Konzernchefin, die mit Siegerlächeln und gefälschten Gutachten Menschenleben gefährdet. Während der Umwelt-Kollaps droht, lässt sie sich als Öko-Engel feiern.
Unfreiwillige Komik: Zimmermann spielt in Extremen
Mäßig überzeugend sind dagegen die Rollen der eigentlichen Protagonisten besetzt. Hannes Jaenicke spielt den rebellischen Handwerker immerhin solide. Bei Actionszenen lupft er im Kampf für die Gerechtigkeit das Hemdchen und lässt seinen Waschbrettbauch aufblitzen. Im Übrigen bemüht er sich etwas zu sehr, norddeutsche Lässigkeit rüberzubringen - zum Raubein fehlen ihm Ecken, Kanten und der richtige Slang. Das ölverschmierte Hemd klebt so perfekt an Jaenickes Schultern wie im Parfüm-Werbespot. Attraktiv, aber wenig authentisch.
Bettina Zimmermann reizt in der Rolle der Marie Niklas die Extreme aus, trifft jedoch selten Zwischentöne, einige Szenen haben einen unfreiwilligen Slapstick-Charakter. Zu Beginn des Films mimt Zimmermann noch die karrieregeile PR-Tussi, die sich voll und ganz mit dem Konzern "Global Senergy" identifiziert. Als Marie aufgrund eines Missverständnisses fristlos entlassen wird, avanciert sie spontan zur todesmutigen Umweltaktivistin.
Manische Charaktere und mangelde Stringenz im Detail
Auch optisch wäre weniger mehr gewesen. Als PR-Frau stöckelt Marie in Highheels und Schicki-Micki-Kostümchen über die Bohrinsel vor Nordersand - und hat panische Höheangst. Wenige Tage später schwingt sie sich im Lara-Croft-Style an Tauen vom Helikopter herab - langer dunkler Zopf trifft cooles Lederjäckchen. Eine Identifikation fällt dem Zuschauer bei solch manischen Schwankungen freilich schwer.
Außerdem mangelt es "Bermuda-Dreieck Nordsee" an Stringenz im Detail. Der grobe Plot mag einigermaßen einleuchten; doch etliche Szenen werfen Fragen auf. Beispielsweise als Marie und Tom ein Passwort knacken, um an Daten zu gelangen, die Toms Tochter auf einem USB-Stick gespeichert hat. "Ich habe meine Tochter früher immer Pummelqualle genannt", wirft Tom ein. Mensch klar, Codewort Pummelqualle. Das ist es.
Poseidon mit der rostigen Harpune
Wenig später jagt ein von "Global Senergy" engagierter Killer die Protagonisten vor etlichen Augenzeugen durch eine Hamburger Uni. Tom und Sarah entkommen, doch ein befreundeter Professor wird am helllichten Tag erschossen. In den Nachrichten ist anschließend von Selbstmord die Rede. Warum?
In anderen Szenen schreien geknebelte Frauen laut und deutlich um Hilfe, sobald es die Story verlangt. Und der männliche, männliche Tom überfällt mithilfe einer rostigen Harpune gleich eine ganze Bohrplattform. Wie Poseidons Dreizack ragt seine Waffe potent in den Himmel.
Über all das mag der geneigte Zuschauer hinwegsehen, solange er mit packender Action entschädigt wird. Die Moralkeule zum Schluss lässt sich indes schwerlich ausblenden. Im Epilog predigt eine Frauenstimme zu tragender Musik und Filmsequenzen im Sonnenuntergang: "Unsere Freunde sind tot. Jetzt ist es an uns zu beweisen: Wir haben unsere Lektion gelernt. Lasst uns das Leben lieben, damit unsere Kinder noch eine Zukunft haben." Oh, ja: Wir haben unsere Lektion gelernt...

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