Kommentar : Parole „Lügenpresse“: Wenn Sprache verräterisch ist

Unworte müssen enttarnt werden – deshalb war die Wahl in diesem Jahr so wichtig. Ein Kommentar von Stephan Richter.

shz.de von
14. Januar 2015, 07:05 Uhr

Was ist der Medienbranche nicht schon alles an den Kopf geworfen worden! Helmut Kohl sprach von „Kloakenjournalismus“, Helmut Schmidt von „Wegelagerern“, Oskar Lafontaine von „Schweinejournalismus“. Willy Brandt titulierte Journalisten schon mal als „Schreibtischtäter“, der frühere FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff erfand den Begriff der „journalistischen Todesschwadrone“. Alles nicht fein, aber auszuhalten. Journalisten müssen einstecken können.

Unerträglich wird es, wenn Kampfbegriffe als Tarnung dienen und die Diffamierung System hat. So geht es denjenigen, die die Parole „Lügenpresse“ in das Anti-Islam-Bündnis Pegida geschleust haben, gar nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit den Medien. Es geht darum, freien Journalismus mundtot zu machen und die Presse gleichzuschalten. Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels lässt schaurig grüßen.

Vor diesem Hintergrund ist das „Unwort des Jahres“ nicht nur hochaktuell. Die Darmstädter Sprachkritiker haben sich mit ihrer Entscheidung wie nie zuvor auf politisches Terrain gewagt. Gut so, denn Sprache kann verräterisch sein, und die pauschale Diffamierung „Lügenpresse“ ist es allemal. Hinter dem scheinbar „nur“ populistischen Wort tut sich ein Abgrund auf. Der Begriff ist völkisch-nationalistisch aufgeladen und gehört zum Nazi-Jargon.

Mit der Wahl des „Unworts“ soll die Sensibilität für Sprache gefördert werden. Besser geht es in diesem Fall nicht, weil viele Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen womöglich gar nicht den sprachgeschichtlichen Zusammenhang der Kampfparole kannten. Wenn jetzt wenigstens bei einigen von ihnen Nachdenklichkeit einsetzt, dann hat die Darmstädter Jury mehr erreicht als je zuvor. Hat sie doch mit der Enttarnung eines einzigen Wortes die Maske von rechtsextremistischen Hintermännern gerissen, die mit Pegida-Demonstrationen Hass säen wollen. Nicht die Medien sind das Ziel. Die ganze freie Gesellschaft ist herausgefordert.

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