"Boy A" : Zwischen Verbrechen und Vergebung

Taylor Doherty (Philip Craig (l.) und Alfie Owen als Eric Wilson in dem Drama 'Boy A' von John Crowley. Foto: dpa
Taylor Doherty (Philip Craig (l.) und Alfie Owen als Eric Wilson in dem Drama "Boy A" von John Crowley. Foto: dpa

Der eindringliche Film "Boy A" zeigt den Weg eines entlassenen Straftäters in eine neue Identität

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08. Mai 2009, 12:23 Uhr

Der Brite Jack ist 24, hat gerade einen neuen Job begonnen und sich dabei in eine Kollegin verliebt. Eigentlich alles ganz normal für einen jungen Mann in seinem Alter. Doch bei dem schüchternen Jack, der in Wirklichkeit gar nicht so heißt, ist gar nichts normal. Eben erst ist er nach 14 Jahren wegen eines schweren Gewaltverbrechens aus dem Gefängnis gekommen. Der "Boy A", wie er damals während des aufsehenerregenden Prozesses genannt wurde, beginnt unter einer neuen Identität ein neues Leben.
Der gleichnamige Film von Regisseur John Crowley ("Intermission") nach dem Roman von Jonathan Trigell beschäftigt sich auf eindringliche und verstörende Weise mit der schwierigen Frage nach Schuld, Vergebung und dem Recht auf eine zweite Chance. Hauptdarsteller Andrew Garfield ("Von Löwen und Lämmern", "The Imaginarium of Doctor Parnassus") stellt die gebrochene Persönlichkeit eindrucksvoll dar. Dass Jack - das "Böse" - nun draußen sein könnte, kriegen auch die Boulevardmedien mit, die ein Phantombild von ihm veröffentlichen. Doch wo und wie er lebt, weiß nur sein väterlicher Betreuer und Bewährungshelfer Terry (Peter Mullan). Terry besorgt ihm ein Zimmer, einen Job und ist zunächst der einzige Halt in der für ihn völlig neuen Welt. Beim Essengehen ist der naive Jack sogar damit überfordert, eine Pizza auszusuchen.
Nach und nach fasst Jack als Fahrer Fuß auf der Arbeit und versteht sich gut mit seinen Kollegen, sorgt allerdings für etwas Befremden, als er während einer Auseinandersetzung in einer Disco handgreiflich wird. Auf einer Dienstfahrt rettet er zusammen mit einem Kollegen ein kleines Mädchen nach einem Unfall und wird als Held gefeiert. "Du bist ein guter Kerl", sagt sein Kollege. Unterdessen kommen sich Jack und seine Kollegin Michelle (Katie Lyons) näher. Anfangs stellt Jack sich noch sehr unbeholfen an, dann entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung. Doch seine Vergangenheit begleitet ihn permanent. Am liebsten würde er Michelle alles erzählen, er fühle sich unehrlich, gesteht er Terry. Der blockt das vehement ab: Jack habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. "Du musst mir versprechen, es nicht zu tun", bittet er eindringlich seinen Schützling.
"Bei der Figur des Jack funktioniert keine Schwarz-Weiß-Einordnung"
Welches Verbrechen Jack begangen hat, wird in "Boy A" erst nach und nach klar. In Rückblenden und parallel zum aktuellen Geschehen schildert Regisseur Crowley in seiner sensiblen Inszenierung (Drehbuch: Mark O„Rowe) Jacks Vergangenheit: Da sind eine schwierige Kindheit und Probleme in der Schule und mit anderen Jungs. In dem missbrauchten und gewalttätigen - mittlerweile gestorbenen - Schulkameraden Philip findet Außenseiter Jack einen Beschützer und Anstifter zugleich, die beiden schwänzen die Schule, klauen zusammen - und töten eines Tages die zehnjährige Angela. Während der Zuschauer einerseits Sympathie für den jungen Mann Jack entwickelt hat, wird gleichzeitig die schreckliche Tat von damals ins Bewusstsein gerückt.

"Bei der Figur des Jack funktioniert keine Schwarz-Weiß-Einordnung, auch ist er weder gut noch böse", sagt Hauptdarsteller Garfield. So etwas gebe es nur im Märchen. "Ich hoffe, dass der Film zum Nachdenken über den Begriff Vergebung anregt", fügt er hinzu. "Wie leicht oder schwer ist Verzeihung? Wäre es leichter, wenn es unser eigenes Kind wäre?" Für diese schwierigen Fragen hat freilich auch der Film keine einfache Patentlösung parat. In Großbritannien, wo Kinder schon ab zehn Jahren strafmündig sind, wurde die Produktion des Senders Channel 4 bei den BAFTA TV Awards mehrfach geehrt, unter anderem wurde Garfield als Bester Darsteller ausgezeichnet. Bei der Berlinale 2008, wo "Boy A" im Panorama gelaufen war, erhielt die Produktion den Preis der Ökumenischen Jury.
"Boy A", Drama, Großbritannien 2007, 106 Minuten, Regie: John Crowley, Darsteller: Andrew Garfield, Peter Mullan, Katie Lyons, Shaun Evans, Jeremy Swift u.a.

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