Minderheitenpolitik : Zu viel Ablenkung: Deutschland lehnt zweisprachige Autobahnschilder ab

<p>Richtungsschilder über der Autobahn A7: Ohne Regionalsprachen.</p>

Richtungsschilder über der Autobahn A7: Ohne Regionalsprachen.

Laut Richtlinie lenkt zu viel Schrift auf den Tafeln vom Verkehrsgeschehen ab. Die Sorben zweifeln an den Argumenten.

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04. Februar 2019, 10:32 Uhr

Berlin/Dresden | Die Bundesregierung lehnt zweisprachige Wegweiser an Autobahnen für innerdeutsche Ziele ab. Das geht aus einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor.

Die Begründung der Regierung: Laut Richtlinie RWBA 2000 ist bei innerdeutschen Zielen die deutsche Schreibweise zu verwenden. „Amtliche Verkehrszeichen sollen so gestaltet werden, dass die Kraftfahrer die Information mit einem Blick aufnehmen und ihre Fahrweise beziehungsweise Fahrtentscheidung danach ausrichten können“, so die Regierung.

Schränkt die Sicherheit ein. Antwort der Regierung

Zweisprachigkeit auf den Schildern würde zu einer Verdoppelung der aufzunehmenden Informationen führen – Fahrer wären damit möglicherweise „überfordert und abgelenkt“, heißt es – dies wiederum „schränkt die Sicherheit ein“. Als wissenschaftlicher Beleg für diese Einschätzung wird ein Feldversuch der Bundesanstalt für Straßenwesen genannt.

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Als Ausnahme seien Fernziele im Ausland ein Sonderfall, etwa die Angaben Lüttich/Liège oder Breslau/Wroclaw. Dadurch würde ausschließlich fremdsprachigen Fahrern die Orientierung ermöglicht und somit „Sicherheit und Leichtigkeit des Straßenverkehrs“ gefördert. Allgemein soll deshalb bei ausländischen Zielen die ausländische Schreibweise gewählt werden, bei starker Abweichung könne auch die deutsche Bezeichnung hinzugefügt werden. Für die Bundesregierung besteht keine Notwendigkeit „über diese Regelungen hinaus zweisprachige Beschilderungen im Bereich der Bundesautobahn vorzunehmen“.

Sorben fordern Umdenken

Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen und Initiator der Kleinen Anfrage, kritisiert die Haltung der Großen Koalition in Berlin: „Die Argumente der Bürokraten im Verkehrsministerium in Berlin gegen mehrsprachige Wegweiser auf Autobahnen sind wenig überzeugend. Warum die Aufschrift ,Bautzen/Budyšin’ anders als die vorhandene Beschilderung mit der Aufschrift ,Breslau/Wroclaw’ negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit haben soll, kann die Bundesregierung nicht erklären.

In mehreren europäischen Ländern (zum Beispiel Finnland, Österreich, Slowenien) sind mehrsprachige Wegweiser auf Autobahnen zulässig. Belege dafür, dass es dadurch negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit gegeben hätte, gibt es nicht.“

Martin Dulig (SPD), der stellvertretende sächsische Ministerpräsident. /Archiv
Monika Skolimowska
Martin Dulig (SPD), der stellvertretende sächsische Ministerpräsident. /Archiv
 

Kühn fordert Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) in einer Pressemitteilung nun dazu auf, sich für eine Überarbeitung der Richtlinie RWBA 2000 einzusetzen. „Für die Bewahrung der kulturellen Identität ist die eigene Sprache von zentraler Bedeutung. Sie muss im Alltag sichtbar sein“, so Kühn.

Bei den Vertretern der sorbischen Minderheit stößt diese Forderung auf Gegenliebe: „Es ist fraglich, wenn Regelungen zur Zweisprachigkeit auf Länderebene problemlos möglich sind, der Bund sich dem jedoch verwehrt. Seltsam erscheint dies auch, da die Grundlage auf europäischen Normen fußt, die in anderen Ländern ohne Probleme – auch auf Autobahnen – umgesetzt werden. Wir hoffen auf ein Umdenken. Es geht schließlich um die Gleichwertigkeit und die Erhaltung der sorbischen/wendischen Sprache“, so Dawid Statnik, Chef der Domowina, Bund Lausitzer Sorben.

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