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Rückkehr aus Schweden : Zu kalt, zu dunkel – Flüchtlinge wollen zurück nach Deutschland

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Asylsuchende weigern sich an mehreren Orten in Schweden aus den Bussen auszusteigen.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 10:23 Uhr

Kiel/Stockholm | Vor einer Woche berieten die Stadtoberhäupter von Kiel und Flensburg noch mit der Landespolizei über Sofortmaßnahmen, für den Fall, dass Schweden weniger Transitflüchtlinge ins Land lässt als bisher. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet: Flüchtlinge, die bereits in ihrem „Wunschland Schweden“ angekommen sind – entweder über die Fährrouten Kiel-Göteborg und Rostock-Trelleborg oder über Flensburg via Dänemark – wollen zurück nach Deutschland.

Schweden ist wegen seiner bislang relativ lockeren Asylgesetze und der guten Integration in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt ein beliebtes Zielland für Flüchtlinge. 81.300 Menschen haben 2014 in Schweden einen Asylantrag gestellt, gleichzeitig wurden 35.600 anerkannt. 2015 rechnen die Schweden mit 190.000 Flüchtlingen.

So weigern sich seit Sonntag mehrere Syrer und Iraker, ihren Bus zu verlassen, der sie nach Limedsforsen nahe der Grenze zu Norwegen brachte. Wegen kalter Temperaturen und langer Nächte wollen sie dort nicht bleiben. Einer der Flüchtlinge erklärte den Sitzstreik mit der fehlenden Schule für die Kinder und dem nicht vorhandenen Arzt für seine schwangere Frau. Zudem gebe es keine Geschäfte, die zu Fuß erreicht werden könnten.

„Aktuell sitzen noch zehn Flüchtlinge in den Bussen in Limedsforsen, keiner hat aber bislang erklärt, sein Asylgesuch zurückzuziehen“, bestätigte am Mittwochnachmittag Johanna Uhr vom Migrationsverket Schweden dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag „Wir versuchen, eine Lösung zu erzielen, indem wir mit den Menschen sprechen“, sagte sie. So sei den Flüchtlingen erklärt worden, dass Lebensmittelgeschäfte und Schule 20 Minuten entfernt liegen und die Zahl der Asylunterkünfte in großen Städten nur sehr begrenzt sei. „Es gibt keine Pläne, die Flüchtlinge nach Deutschland zurückzubefördern“, so Uhr.

Wie das schwedische Fernsehen am Abend berichtete, ist es inzwischen zu einem zweiten Aufstand im Dorf Trängslet in der Provinz Dalarna in Westschweden gekommen, wo die Flüchtlinge in Kasernen untergebracht werden sollten. Hier weigern sich Flüchtlinge aus zwei Bussen auszusteigen und traten in den Streik. Bereits im Dezember 2014 passierte Ähnliches in dem kleinen Ort Grytan bei Östersund. Offenbar hat es sich in den sozialen Netzwerken doch noch nicht überall herumgesprochen, dass es in Schweden oft kalt, dunkel und einsam ist.

Laut einer repräsentativen Umfrage wünschen sich 59 Prozent der Schweden eine restriktivere Flüchtlingspolitik. Nach den jüngsten Zahlen kommen bis zum Jahresende 190.000 Menschen neu ins Land – gemessen an der Bevölkerungszahl mehr als in jedem anderen europäischen Land. Immer wieder kommt es zu Bränden in geplanten Flüchtlingsunterkünften, weshalb Schweden die Pläne zur Unterbringung fortan geheim hält. Die jüngsten Verschärfungen des Asylrechts reichen laut Umfrage nicht aus. Trotzdem gebe es keine Pläne, das Asylrecht zu verschärfen, etwa in Hinsicht der finanziellen Unterstützung, versicherte Uhr. Derzeit bekommen Alleinreisende rund 228 Euro an finanzieller Unterstützung pro Monat, Ehepartner je 200 Euro. In Deutschland wird alleinstehenden Asylbewerbern aktuell ein Grundbedarf von 216 Euro zuerkannt – in bar oder Waren. Dazu kommen 143 Euro Taschengeld. Ein Paar mit zwei Kindern im Alter von vier bis zwölf Jahren wird monatlich mit 1112 Euro unterstützt.

In Kiel fegten am Mittwoch Mitarbeiter des Seehafens Kaffeebecher, Zigarettenschachteln und Flaschen zusammen, die Transitflüchtlinge am Ostseeterminal hinterlassen haben. Jeden Morgen werden hier die Tickets für die Passage nach Schweden vergeben. „Meistens ist auf den Stena Schiffen pro Tag Platz für 60 bis 70 Flüchtlinge“, sagt Stadtsprecherin Annette Wiese-Krukowska. Das reicht aber nicht, denn die Zahl der Neuankömmlinge, die auf die Seefahrt ins Land der Elche warten, ist sehr viel größer und stellt die Stadt vor Probleme. „Heute Nacht waren es 389, die hier übernachtet haben, darunter 135 Kinder und sieben Säuglinge“, so Wiese-Krukowska. Planbar ist gar nichts. „Am Dienstag sind um 1.56 Uhr 120 Transitflüchtlinge am Bahnhof angekommen, wir müssen uns also bis spät in der Nacht auf zusätzliche Nachfrage nach Betten einstellen“, sagt Wiese. Einige Flüchtlinge ziehen später nach Rostock oder Flensburg weiter.

Hinweise auf mafiöse Strukturen, die zeitweise in den Notunterkünften von Seiten der in Kiel untergekommenen Balkanflüchtlinge aufgebaut worden sein sollen, dementierte der Sozialdezernent der Stadt, Gerwin Stöcken. „Die Transitflüchtlinge sind überwiegend nur zwei Tage und Nächte in Kiel. In dieser Zeit mafiöse Strukturen aufzubauen, ist kaum möglich.“ Beklagt wurde, dass für den Zugang zu Schlafplätzen, Duschen und Toiletten Geld erpresst worden sei. „Uns ist von derartigen Vorkommnissen nichts bekannt“, versichert Stöcken.

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